Auf der Brücke

 

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Der Weg über die Elsenbrücke ist laut und voller Scherben. Auf sechs Spuren tost der Verkehr. In etwa fünfzig Metern Entfernung kommen mir zwei hagere Frauen entgegen. Sie gehen ungewöhnlich dicht aneinander gedrängt. Ihre Schultern berühren sich bei jedem Schritt. Um die dünnen Beine schlackert ein leichter Stoffmantel.

Die Größere der beiden hält einen Stadtplan in der Hand. Als sie auf meiner Höhe sind, blicken mich die Frauen hilfesuchend an.
Entschuldigen Sie, sagt die Größere. Ich bleibe stehen. Wir möchten mit Ihnen über das Glück reden, fährt sie fort und hält nun den Stadtplan hoch, der eine Ausgabe des Wachturms ist. Auf gar keinen Fall,  antworte ich, ich bin in Eile.
So weit kommt´s noch, sagen meine Lippen, nachdem ich schon ein paar Meter von den beiden entfernt bin, doch der Wind trägt meine Worte davon.
Als ich die Mitte der Brücke erreiche, blicke ich nach links. Die ausdauernden Molecule Men stehen im Wasser  und ringen noch immer um die Vorherrschaft ihres Bezirkes. Kreuzberg liegt vorn, denke ich. Eine Gruppe Paddler gleitet in Richtung Westen davon.

Hinter der Brücke lasse ich den Lärm zurück und biege auf die inzwischen mit Eigentum zugebaute Halbinsel ab. In einem Townhousefenster im ersten Stock steht
REIKI YOGA DESIGN.
Vor dem Haus parkt ein schwarzer SUV mit Stern.

Beim Bäcker 2000 hole ich mir ein sehr fettiges und geschmacksarmes Teigteilchen und setze mich neben eine zankende Kleinfamilie in die Abendsonne.
Ich hätte nicht so grob zu den beiden Frauen sein sollen.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Jörg Kantel, Denkmal an der Elsenbrücke, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

5 Kommentare zu “Auf der Brücke

  1. Die schlagen sich auf die Schulter zur Begrüßung, die Molecule Men. Sehe ich aber auch erst auf deinem Bild, nachdem ich in meinen 15 Jahren in Treptow immer dachte „so’n Quatsch“, wenn ich die Männer sah. Tja, man läuft halt jeden Tag an seinem Glück vorbei in Berlin.

    Gefällt 1 Person

    • Ich würde sagen, die gehen sich gegenseitig an den Hals, resp. den Kragen. (Ich weiß, dass das eine Begrüßung sein soll, sehe es aber nicht).
      Mir gefiele es gut, wenn dort oder anderswo drei Frauen im Wasser stünden, die im Schulterschluss miteinander solidarisch sind.

      Gefällt 2 Personen

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