Lamento

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Ich sitze am Tisch und schreibe Briefe an fremde Menschen, die keine Brieffreunde und keine Redakteure sind.
In meiner Kindheit pflegte ich Brieffreundschaften. Woher ich die Adressen hatte, weiß ich nicht mehr. Eine meiner Brieffreundinen lebte in Bonn, der Stadt mit dem Kussmund anstelle eines O. Heike hieß sie und als sie in die Pubertät kam benutzte sie gerne Bodylotion von Fenjal. Ich benutzte keine Creme, lebte in Frankfurt und hatte gerade Punkrock und Cannabis entdeckt. Ihr Fluss hieß Rhein, meiner Main.
Eine andere trug ein van der im Nachnamen. Wir hatten uns nichts zu schreiben und so versandete die Brieffreundschaft nach ein wenig unbeholfenem Geplänkel schnell wieder. Anders als heute fiel mir nicht ein, was ich fremden Menschen hätte erzählen können. Lieber sang ich laut im Garten meiner Großeltern, in der Hoffnung die alten Nachbarn würden mich hören und sich freuen und vielleicht ein wenig Mitgefühl verspüren, weil ich so einsam und traurig war. Später, als ich schon lange alleine lebte, setzte ich mich an solchen Tagen neben die Wasserrohre in meinem Badezimmer und weinte, damit meine Klage bis ganz hinunter in die Katakomben und hinauf in die Wohnung meiner schwulen Nachbarn dränge, die ich häufig beim Sex hörte. Einer der Beiden brach jedes Mal danach in lautes Schluchzen aus und so erschien es mir nur angemessen, sie auch an meinem Leben und Leiden teilhaben zu lassen. Mein Wimmern verfehlte seine Wirkung nicht: zu Weihnachten hängten die beiden mir ein Tütchen mit selbstgemachten Lebkuchen an die Wohnungstür.

Heute also schreibe ich wieder Briefe an fremde Menschen und erkläre ihnen nicht wer ich bin, sondern wie es ist und was mir daran falsch erscheint. Ich schluchze nicht, ich singe nicht, ich berichte.  Ist die Geschichte zuende erzählt, verwerfe ich sie ungelesen. Danach kann ich endlich weinen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Юля Евдокимова j699_030s Калининград, сентябрь 2017, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Ein Kommentar zu “Lamento

  1. Brieffreundschaften hatte ich auch. Ich weiß, ich hatte mehrere durch einen Fanclub (da gabs in der Mitgliederzeitung so eine Rubrik wo man suchen konnte und ich fand das mit 13/14 eine gute Chance Englisch zu üben, mit einer habe ich mir sogar 13 Jahre geschrieben, dann ist es versandet weil die nur noch ihren Typ im Kopf hatte), dann kursierten auch die sogenannten „Friendship Books“: Da hat man kleine Heftchen gebastelt und die wurden von Briuefkontakt zu Briefkontakt weitergeschickt, immer nach dem die Adresse eingetragen wurde, da fand man auch den ein oder anderen Kontakt. Um Nicole aus der Nähe der Geburtsstadt meiner Mutter trauere ich heute noch ein bisschen. Wir haben uns gut verstanden und auch zweimal besucht (wenn ich mit meinen Eltern bei den Ruhrgebietsgroßeltern auf Besuch war). Irgendwann kam dann nochmal ein guter Kontakt (später) durch die Anzeigenrubrik des Orkusmagazines hinzu.

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