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Ein Haus bauen, um niemals dort einzuziehen. Die Kirschen am Baum belassen. Der geschenkte und (um ein Haar) nicht eingelöste Kuss. Geopferte Unsterblichkeit.

In meiner Kindheit gab es Bilderwitze ohne Worte. Oft handelten sie von Lawinenhunden mit kleinen Schnapsfässern um den Hals oder von Fakiren die spärlich bekleidet und im Schneidersitz auf Nagelbrettern oder fliegenden Teppichen saßen und mit einer Flöte Schlangen in Körben beschworen. Es war eine merkwürdige Welt, die sich mir zeigte und ich betrachtete sie aufmerksam.

Auch Nudelhölzer spielten in dieser Zeit eine Rolle und Worte wie frivol und vergewohltätigen wurden mit kokett gespitzten Lippen und connaisseurhaftem Zwinkern im Munde geführt. Gerne berief man sich auf Freud und dessen Versprecher.

Meine Spielbegabung war nur schwach ausgeprägt, Phantasie und Abstraktionsvermögen fehlten mir weitestgehend. Was man mir sagte nahm ich wörtlich (deine Rede sei ja, ja und nein, nein) was mir begegnete für bare Münze. So zu tun als ob gelang mir nicht. Ich konnte nicht Prinzessin spielen. Ich wusste, dass ich keine war. Gerne ging ich an der Hand der Erwachsenen. Ihnen johlend voraus zu rennen, um Tauben aufzuschrecken, oder mit langen Stöcken im Gebüsch herum zu stochern, kam mir nicht in den Sinn. Ich wollte den Dingen nicht auf den Grund gehen, ich ließ sie auf mich wirken. Das allein war tagfüllend und ist es bis heute.

Fast alles, was ich erlebte, spielte sich in meinem Inneren ab. Wenn ich nicht unter meinem Tisch saß und rechnete, hockte ich auf dem Bett und beobachtete meine Puppen, wie sie sich tot stellten.

Faul war und bin ich. Lieber verhob ich mich, statt einen Weg doppelt zu gehen.
Während eines Praktikums erzählte mir meine Vorgesetzte, ihr Vater habe nur deshalb der Demenz soviel entgegen zu setzen gehabt, weil sein akademisches Gehirn im Laufe des Lebens multiple Vernetzungen angelegt hatte. Ich fühlte mich bestätigt.
Jeden Tag einen anderen Weg nehmen, niemals umkehren, keine Strecke doppelt gehen und nichts zu Ende bringen. Losmarschieren, ins Schlendern kommen, stehen bleiben, Abkürzungen finden, das Ziel aus den Augen verlieren, sich verzetteln, neue Pfade anlegen, Dinge andenken, der Ablenkung nachgeben, halbfertige Gedanken am Wegesrand liegen lassen, den ein oder anderen mitnehmen, an einem dunklen Ort verwahren und dort für Jahre vergessen. Kosten, probieren, erkunden.

Alles ist und war gleichermaßen interessant wie unverständlich.  Doch erst mit dem Erwachsenwerden fing ich an zu staunen, dann und wann.

Ich will nichts erreichen, ich suche nicht nach Erkenntnis, nicht nach Ruhm oder Ansehen. Titel und Auszeichnungen beeindrucken mich nicht. Besitz ist mir gleich.
Wissen hingegen macht mich schwach, Witz ist Licht, Großzügigkeit ist Größe, Wärme Leben und Eleganz Luxus.
Das Maultier grast und weiß nicht was es vom Pferd unterscheidet.

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr,  Юля Евдокимова
Lizenz:
https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

20 Kommentare zu “teilnehmen

  1. Wunderbar, eigensinnig, selbstbewußt und liebenswert. Ich bin auch der Meinung, dass mir die Hälfte meiner Gedanken durch meine Faulheit kommen. Weil ich Anstrengung vermeiden will, muss mir Gedanken machen. Wo die andere Hälfte herkommt, weiß ich nicht.

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  2. Hmmm, sehr schöner Text :-) Das mit dem Wegesparen kommt mir so bekannt vor. Zwischen meinem Freund und mir gibt es so eine Art Running Gag: er ist derjenige, der „gern zweimal geht“, während ich stets bemüht bin, Wohnungswege durch die Aufhäufung von Zeugs auf meinen Armen einzusparen. Dass mir öfter als ihm mal was runterfällt, gehört dazu.

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