Räume

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Das Grüppchen Buddhisten die ich kenne, praktiziert seinen Glauben, indem sie auf dem Boden sitzend stundenlang gemeinsam chanten. Im Zentrum ihres Gesanges steht die Lotusblüte.

Die Christen, die ich kenne, praktizieren ihren Glauben irgendwie anders. Möglicherweise weniger abstrakt. Resoluter, materieller, handfester und auf eine ganz andere Weise bizarr.

Eine der Buddhistinnen erzählt mir, dass sie den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen musste,weil diese ihr keine Eigentumswohnung in Kreuzberg kaufen und stattdessen lieber sich selbst ein Zuhause für´s Alter schaffen wollten.
Sie hätten es tun können, sagte sie, aber sie wollten nicht.

Das Konzept, Jemandem  vorzuwerfen, dass er etwas nicht will, erscheint mir absurd und wenig versöhnlich. Ich neige selbst dazu. Inzwischen immerhin habe ich gelernt, klaglos zu akzeptieren, dass der Bekannte nicht mit mir verreist. Weil er überhaupt nicht verreist, wie er auch nichts isst, was er nicht kennt. Wie sollte ich ihn zwingen wollen etwas zu wollen.

Love, love me do

Am Morgen erwache ich und der erste Gedanke ist: der Urlaub ist ja schon vorbei. Dabei bin ich gar nicht weggefahren. Wie war er bloß? Ich erinnere mich nicht. Ein Gefühl der Leere und Enttäuschung breitet sich aus. Frust. Noch im Halbschlaf schlucke ich meine Tablette und ziehe die Kopfhörer aus dem Ohr. Erst dann merke ich, dass ich geträumt habe. Erleichterung. Das tiefe Blau steht mir noch bevor.

Später, als das Wasser heiß an meinen Körper herunterläuft, schließe ich die Augen und sehe mich mit den Füßen zuerst in einer riesigen Öffnung im Boden verschwinden. Das Rohr aus blankpoliertem Edelstahl führt in eine gleißendhelle Tiefe und auf einmal erinnere ich mich an die Monate in der Neurologie, an den Keller, die Tierversuchslabore, den Marder, den sie im Patio fingen und dann wegbrachten auf Nimmerwiedersehen, an den Krankenhauspfarrer Herrn Engel, der sich zu mir setzte, als ich in einem einsamen Gang auf dem Boden hockte. Ohne ihn anzuschauen, erzählte ich ihm von den Untersuchungen und von dem Ergebnis. Er schwieg.

Es ist sehr lang so ein Leben und mit der Zeit verschwinden die Jahre in staubigen Kisten. Am Ende schließt man die letzte von innen und der Raum ist wieder leer.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Юля Евдокимова j482_020s Серный источник недалеко от монастыря Вардзия. Грузия, май 2015
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

 

25 Kommentare zu “Räume

  1. ich mag deine Überlegungen zum wollen sollen. Und wie bitter die Tochter hadert, weil die Eltern nicht w o l l e n, und niemand sie zwingen kann, dies ihr Wollen zugunsten der Tochter zu ändern. (Und wie bitter wir alle hadern, wenn der andere „um meinetwillen“ seine Gepflogenheiten nicht ändern mag. Liebt er mich überhaupt?). Das Nicht-Wollen des anderen: Eine Wand, an der der eigene zornig-verzweifelte Kopf zu zerschellen droht. Da hilft nur noch chanten, stundenlang chanten. Chanten bis zur nächsten Woge der Wut oder bis zur Einsicht, dass es einen Rechtsanspruch auf Liebesbezeugungen nicht gibt.

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  2. Deine Vorstellung, mit deinem Weggang Raum zu schaffen für die oder das was danach kommt, gefällt mir. Ich mag keine Friedhöfe, weil da das Vergangene zu viel Platz beansprucht. Aber seine Verhältnisse zu ordnen, bis man von der Bühne abtritt, das schafft wohl niemand. Ich wäre froh, wenn ich bis dahin so weit kommen könnte, das Chaos, das ich angerichtet habe, mit Gleichmut zu sehen.

    Gefällt 2 Personen

    • Die erste Hälfte des Lebens spannen wir Fäden, in der zweiten Hälfte bündeln wir sie. Ich glaube Du machst vieles viel richtiger und besser als Du glaubst.
      Ich mag Friedhöfe sehr gerne. Sie sind Orte der Stille, der Andacht und des Dialogs. Ich mag es nur nicht, wenn jemand dort liegt, den ich liebe.

      Gefällt 1 Person

  3. Wenn eine Buddhistin den Kontakt zu ihren Eltern abbricht, weil die ihr keine Eigentumswohnung kaufen wollen, dann bestätigt das nur meine Vermutung, dass es sich beim Buddhismus – zumindest in westlichen Gesellschaften – um eine „Mode“ der Bourgeosie handelt.

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