Vor dem Kühlregal

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Nahe dem Ort, in dem Freunde von mir wohnen, gibt es eine Fabrik, die regelmäßig mit Baumstämmen beliefert wird. Später kommen LKW und holen dort Molkereiprodukte ab. Der Freund sagt, sie stellen aus den Stämmen Zellulose her und aus dieser machen sie Erdbeerklumpen für Joghurt. Schwer vorstellbar, aber ich glaub´s trotzdem.

Wenn ich Fruchtjoghurts im Supermarkt sehe, denke ich jetzt immer an gefällte Bäume und dann denke ich an München. Das winzige München in Thüringen, unweit von Jena. Dort lagen auch sehr viel Baumstämme herum, als ich einmal nach einem Arbeitstreffen durchfuhr. Wenn ich an Jena denke, denke ich aber auch an die DDR-Lungenheilanstalt und an Blutwurst, noch viel mehr denke ich an Buchenwald und den Todesmarsch. So kommt es, dass ich an der Kühltheke stehe und den Großen Bauer Joghurt betrachte und an Bäume und Jena und Buchenwald denke und  frierende, ausgezehrte Menschen in Lagerkleidung sich durch den Schnee schleppen sehe, während mich von vorne die Kühltheke eiskalt anfaucht. Um die Gedanken abzuschütteln, gehe ich weiter und bleibe vor den Harzer Rollen stehen, dem Käse, aus dem man in meiner Heimat Handkäs mit oder ohne Musik macht. Bei Harz muss ich sogleich an den Puff-Peter denken, der Namenspatron des staatlichen Gängelungsinstrumentes unter dessen Joch so viele Menschen ächzen, auch wenn der Peter sich mit t schreibt.

Aus dem Harz daselbst kam eine Katze, die eine Zeitlang bei mir lebte, bis sie entführt wurde, was eine neue Geschichte wäre, die zu erzählen mich verdrießen würde. Lieber erinnere ich mich an die erste Begegnung mit dieser Katze, die, kaum 11 Wochen alt, auf einer Kücheneckbank herumflitzte, ihren Schwanz jagend über die Polster kugelte und in ihrem Übermut in einen Mülleimer mit Schwingdeckel plumpste. Ich saß zufällig neben dem Eimer und sah, wie der Deckel nach ihrem Fall heftig nachschwang und wie am Boden des Eimers die kleine Katze gurrend vor Freude ihr Köpfchen hektisch hin und her drehte und auf den Hinterbeinen stehend in die Luft tatzte. Da sagte ich: Die da, die möchte ich mitnehmen, und so kam es dann auch. Ich sollte den Katzenbesitzern zuerst noch versprechen, dass die bildhübsche Katze irgendwann im Laufe ihres Lebens von dem hauseigenen Kater gedeckt werden würde. Das wollte ich aber nicht und zahlte lieber eine kleine Ablösesumme, um sie vor organisierter Vergewaltigung im gefliesten Keller des Harzer Hauses zu retten. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, die Katze und ich.
In den Harz bin ich seither nicht mehr gefahren, aber an den Kater, der dort im Keller lebt und die Katzen, die man ihm von Zeit zu Zeit vorwirft, habe ich noch oft denken müssen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, Юля Евдокимова j105_008s Республика Марий Эл, лето, 2013
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

9 Kommentare zu “Vor dem Kühlregal

  1. diese „assoziierenden“ Gedanken, die sich unweigerlich einstellen und den Blick auf die Gegenwart zum Blick in die Hölle machen können. Warum tun wir das? Denken an Schrecken, die wir nicht beeinflussen können? Vielleicht; Wir gedenken.

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        • Selbstverständlich war es das. Nur ist das ziellose und unbeabsichtigte Aufblitzen von Bildern in meinem Kopf keine Auseinandersetzung mit der grauenhaften Vergangenheit. Es ist eine schnelle Abfolge von Gedanken, die zur Hölle werden, wenn ich tiefer in sie dringe, wenn ich überhaupt erst innehalte und mich den einzelnen Geschehnissen zuwende, so wie jetzt.
          Ich nehme an Du glaubst nicht wirklich, dass ich Buchenwald in irgendeiner Weise verharmlosen wollte. Wahrscheinlich habe ich mich einfach ungeschickt ausgedrückt. Das tut mir leid.

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  2. Moin!
    Ich hab mal irgendwo gelesen, daß die Nazis das KL auf dem Ettersberg mit Absicht nicht nach der Stadt benannten. Hat wohl auch gewirkt, weil bei Weimar denkt mensch nicht automatisch KZ, bei z.B. Dachau schon. Wäre übrigens auch zu den anderen hm, Sehenswürdigkeiten geographisch richtiger als Jena…

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    • Moin, Hugo!
      Danke für den Hinweis. Das KZ Buchenwald war bei Weimar und einer der Todesmärsche ging quer durch Jena. Dort sind auch Gedenktafeln aufgestellt, zumindest in meiner Erinnerung. Verstärkt wird die Verknüpfung Jena-Buchenwald durch den Umstand, dass sich rings um Jena Buchenwälder befinden, aus deren Stämmen man wahrscheinlich Molkereiobst herstellt.

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