Behinderte gucken gehen

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In meinem Studium lernte ich, dass wenn man Menschen mit Down-Syndrom eine kleine Aufgabe zuwies, sie diese mit besonderer Akribie, wenn nicht Pedanterie erledigten. Einmal gingen wir sogar in eine Werkstatt für Behinderte und schauten uns welche an. Der Dozent, ein erzkatholischer, aalglatter Typ, blieb am Tisch eines etwa fünfzigjährigen Mannes stehen der im Rollstuhl sitzend eine Thermoskanne zusammensetzte.
Das ist der Herr Sch., sagte er, der  Herr Sch. hatte einen Schlaganfall. Seither ist er halbseitig gelähmt, das Sprachzentrum ist auch betroffen. Reden kann er nimmer, aber verstehen tut er alles. Herr Sch. lebt im Wohnheim und kommt jeden Tag hierher zur Arbeit. 

Ich schaute zu Herrn Sch., der seine Arbeit ruhen ließ und mit hängenden Schultern und müdem Gesicht zu unserer Gruppe aufblickte und ich schämte mich in Grund und Boden.

Ich finde das nicht in Ordnung, dass wir hier Behinderte angucken wie im Zoo, sagte ich zu unserem Dozenten.

Das stört die Behinderten nicht, antwortete der Dozent und winkte, um seine Behauptung zu untermauern, zwei junge Männer mit Down-Syndrom heran, die interessiert hinter uns getreten waren. Jovial legte er den Arm um einen der Beiden.
Fühlst du dich wohl hier, fragte er ihn und der Umarmte lächelte verlegen und nickte.

Manchmal, erklärte der Dozent, haben die Behinderten natürlich auch keine Lust zu arbeiten, das ist nicht anders als bei uns. Aber der Heimplatz ist an den Werkstattplatz gekoppelt und sie wissen, wenn sie bei ihren Freunden bleiben wollen, müssen sie dafür arbeiten. Gerade Menschen mit Down-Syndrom können sehr stur und faul sein, denen tut ein bisschen Druck ganz gut. 

Ich schaute zu Herrn Sch., der sich längst wieder seiner Arbeit zugewendet hatte, drehte mich um und verließ die Werkstatt.

 

 

 

 

 

Bild: Nadja Varga, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

14 Kommentare zu “Behinderte gucken gehen

  1. Das Foto oben ist eindrucksvoll, es zeigt soviele schwierige Gefühle. Ich nehme an, die meisten Menschen finden die von dir geschilderte Situation unerträglich. Ich kenne Ähnliches von Uni-Kliniken, in denen Patienten vorgeführt werden. Ist mir,als noch sehr junge Patientin mal passiert.

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    • Dir auch? Miir leider ebenso, in der Uniklinik Würzburg. Voller Hörsaal und ich als Anschauungsobjekt. Jeder durfte mal raten und ein, zwei auch anfassen. War Bedingung, um nicht zurück ins 4-Bett-Zimmer zu müssen.
      Eine blöde Erfahrung und dabei lange nicht so widerlich wie das, was sich da in der Werkstatt abspielte. Allein die Haltung, das Menschenbild, das sich da offenbart…

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  2. Ich war damals in der Gynäkologie Tübingen, und ertrug die Untersuchung mit Fassung, da selbst Studentin, aber eine „einfache“ junge Frau weigerte sich, weil sie sich schämte, und wurde schwer beschimpft. Es war eine Erpressung: entweder du lässt die StudentInnen in dir rumkramen, oder du fliegst hier raus.
    Vielleicht ist das Zuschauen,das Fremdschämen noch schwieriger zu ertragen als das selbst Erleiden.

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  3. Das ist doch die Episode, die du mir irgendwann mal erzählt hast als es bei mir anfänglich um das Spar…äh..angenbliche Teilhabe(nein!)gesetz ging, oder? Ich weiß, dass du sie erzählt hast, aber ich weiß nicht mehr genau wann.

    Kann ich es verlinken? Dann setze ich es noch unter die heutigen „Kleinigkeiten“, es ist immer gut, wenn so etwas Entwürdigendes publik wird – zumal man als Praktikant, Hospitant oder sonst wie Besucher ja genau darauf gedrillt werden soll, dieses Menschenbild zu übernehmen und irgendwann ist bei mir ja auch wieder „auf“.

    Ich sollte auch schon in Kliniken Anschauungsobjekt sein, habe ich mich immer geweigert (nach bestimmten sehr übergriffigen Erfahrungen, Die merkt da nix ist kein Freibrief, ich kann das heute noch nicht ab, wenn man mich anfasst), aber ich kenne das Vorgeführt werden wenn man in einem Büro sitzt, der wahrscheinlich fachlich kompetenteste Mensch ist, aber zugleich Assistenznutzer und ausgerechnet im Gesundheitssystem steckte da oft Guckt mal, wir sind so modern, wir haben sogar einen unheilbaren Behindi dahinter.

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    • Klar kannst Du das verlinken. Sehr gerne sogar.
      Ich hab verschiedenste Erfahrungen mit dem Umgang mit behinderten Menschen während meines Studiums gemacht. Wohngruppen, Heime, eine Station für schwerstbehinderte Kinder, die zu einer Kinderklinik gehörte. Die Eltern konnten praktischerweise ihre Kinder gleich dort lassen, wenn man nach der Geburt feststellte, dass sie schadhaft waren. Da blieben die Kinder mit sogen. Wasserkopf oder die Impfschäden (das Kind ist ein Impfschaden, erklärte man uns) bis sie alt genug für die nächste Einrichtung waren.
      Luther sprach von den Behinderten als seelenlosen Klumpen Fleisches. Die Haltung hat sich nur unwesentlich geändert, scheint mir. Da nützt das Bekenntnis zu einer UN-Menschenrechtskonvention nichts.

      Was Du alles erlebt hast und wie man mit Dir umsprang und – springt, geht auf keine Kuhhaut. Andere, die nicht so stark sind wie Du, würde man damit in die Kniee zwingen.
      Durchhalten!

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      • Das mit dem Gleichdalassen kenne ich auch. Von Leuten, die mit mir gegen dieses Gesetz draußen waren, die kennen ihre Eltern zum Teil gar nicht, und, ich weiß nicht ob du das mitbekommen hast, denn es steht mal wieder zwischen den Zeilen, ich recherchiere gerade das Schicksal der Schwester meiner Mutter, also meiner Tante, die jetzt 56 Jahre alt sein müsste, und es ist unklar, was die in ihrer Kindheit und Jugend gesehen hat.

        Ach so: Sie [also ich] ist Spastik. [bin ich nicht, habe auch keine]. Interessanterweise von den Leuten, die mich gern mit Blicken erdolchen würden wenn ich heute (!) über mich selbst sage – ich über mich ist was völlig anderes -, dass ich Kunstfehler-Überlebende bin. Das ist ein Schuld-Umkehrung, die solche Leute brauchen, für die ist es immer der behinderte Mensch Schuld, nie der Halbgott in weiß, auch wenn der noch so verkackt hat.

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