unglaublich

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Kannst du dir d-a-s vorstellen?, frage ich den Bekannten, nachdem ich ihm mit großen Gesten und weit aufgerissenen Augen eine ganz und gar unglaubliche Geschichte erzählt habe. Sicher, sagt der Bekannte, ich kann mir alles vorstellen, bis auf das, was ich mir nicht vorstellen kann, und ich antworte: Das schätze ich an dir. Du bist eine so ehrliche Haut.
Manchmal gelingt es mir noch, ihn zu erstaunen.

Am Abend schauen wir zusammen eine DVD an. Ein feierlicher Akt in diesem Hause, für den der eingestaubte Fernseher aus seiner Ecke geholt und gereinigt werden muss. Nachdem Monitor und DVD-Player auf dem Tisch aufgebaut und die Katzen von selbigem entfernt sind, kann es losgehen. Wie meist haben wir einen Film über Architektur gewählt. Dieses Mal geht es um des Werk der Brüder Perret, jener Architekten, die gegen Ende ihrer Laufbahn das kriegszerstörte Le Havre neu erbaut haben. Auf die beiden Brüder gekommen, waren wir, nachdem ich vor einigen Wochen Onkel Maikes Reiseberichten gefolgt und als Brutalismusfanin nachhaltig beeindruckt war von der imposanten Wucht der Kirche St. Joseph in Le Havre.

Ob man in dieser Stadt leben wollte? Was macht es mit dem Geist eines Kindes, wenn es in einer so geordneten und schnörkellosen Umwelt aufwächst?

Hatten wir schon zuvor darüber nachgedacht im Frühjahr nach Le Havre zu reisen, so ist diese Idee nun zu einem Vorhaben gediehen. Es tut gut, Pläne zu schmieden für eine imaginierte sorgenfreie Zeit. Falls der Atlantik nicht in der Lage sein sollte, meinen Kummer zu schlucken, so müssen das im kommenden Sommer die Alpen richten. Noch 8 Monate, bis dahin. Vorausgesetzt, ich bin dann noch in der Lage zu reisen.

Im Moment ist noch unentschieden ob Körper oder Geist mehr unter diesem ungeheuren Druck und der Angst, die damit einher geht, leidet, oder ob der Gram des Einen den Kummer des Anderen nicht jeweils bedingt und verstärkt.
Aus irgendeiner himmlischen Intuition heraus, schnappte ich mir jedenfalls vor dem gestrigen Zubettgehen das Tablet, öffnete youtube und wählte mit einer somnambulen Sicherheit den Vortrag eines Mannes, der mit angenehmer und kluger Stimme über quälendes Gedankenkreisen sprach und erklärte, wie diesem zu entkommen sei. Es hatte so gar nichts Esoterisches oder Verquastes an sich, wie er erklärte, dass zur Erreichung innerer Ruhe, der Geist, das Denken, wieder weit gestellt und die Fokussierung aufgelöst werden müsse. Normalerweise bin ich vollkommen resistent gegen jeden Ratschlag, der Entspannung in mein Leben bringen soll. Die implizite Erwartung, die der Ratschlaggebende aber auch ich selbst an mich habe, das Problem zu lösen, erhöht eher den inneren Druck und  verstärkt damit die flatternde Unruhe, die mich gnadenlos vor sich hertreibt und mich jeden Tag auf´s Neue peitscht und steinigt. In der vergangenen Nacht aber geschah etwas ganz und gar Unerwartetes: ich schlief nicht einfach, wie ich es mir erhofft hatte, total erschöpft unter der beruhigenden Stimme des Vortragenden ein, es gelang mir vielmehr, unter seiner Anleitung, zuerst sämtliche Muskeln, sogar die der Nackenpartie, zu entspannen und anschließend, den Blick nach innen gewandt, meinem Atem zu folgen, wie er erst kühl in und dann warm aus dem Körper strömte und mir mit jedem Zug ein festerer Anker wurde, in dem auch der letzte Teil meines unruhigen Geistes, der sich windende und zweifelnde Panikzipfel, dieser stakkatohafte Taktgeber, welcher Angst vor der Stille und der Weite hat, und der, statt sich befreien zu lassen, den Weg zurück gehen wollte in die vertraute Enge einer tunnelartigen Gedankenwelt, wie auch dieser Teil schließlich sicheren Halt fand und endlich, endlich aufgab und Vertrauen fasste und nunmehr alles in mir sich mit Leichtigkeit öffnete und in vollkommene Stille und Gelassenheit versank, aus der ich am Morgen erfrischt erwachte, nach acht Stunden traumlosen, tiefen Schlafes.

 

 

Unglaublich.

 

 

 

 

 

 

Bild: minimal cinema, alba adriatica italy, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

24 Kommentare zu “unglaublich

    • Oder? Ich hab „mit sowas“ eigentlich nix am Hut und finde dann diesen Vortrag und alles ist plötzlich ganz anders. Ich hoffe es hält an.
      Bin dem Mann gerade auf der Spur und dabei geradewegs beim Benediktushof gelandet, wo es sich nahe meiner alten Heimaten Frankfurt/ Würzburg meditieren lässt.
      Vielleicht wäre das ja was für mich…

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      • Wie schön, dass du dieses Video entdeckt hast, ich führe mir das nachher auch mal zu Gemüte und bin gespannt.
        Als eine, die „mit sowas“ auch rein gar nichts am Hut hat, kann ich dir sagen: mir hat es gut gefallen auf dem Benediktushof. Hab dort vor etlichen Jahren mal eine ganze Woche verbracht. Schweigend und mit unglaublich guten Begegnungen (ohne ein Wort).
        Liebe Grüße von Natascha.

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        • Vor Jahren wollte ich mit einer guten Freundin in ein Schweige-Retreat. Damals hatte ich Angst vor dem, was ich dort erleben würde und sagte kurzfristig ab.
          Heute fürchte ich mich nicht mehr davor.
          Dass gleich zwei Frauen hier den Benediktushof kennen, finde ich ganz erstaunlich. Ich muss mir das ubedingt anschauen.

          Übrigens habe ich den Vortrag gestern zum Einschlafen noch einmal gehört und der Effekt hat sich leider nicht wiederholt. Es blieben Worte. Wahrscheinlich ist das vor allem eine Frage der Empfänglichkeit und Durchlässigkeit. Ich bleibe dran.

          Liebe Grüße von Katja

          Gefällt 2 Personen

          • Den Besuch des Benediktushofes konnte ich seinerzeit gut mit einem Wiedersehen meiner ehemaligen Studienstadt Würzburg verbinden. Vielleicht ging auch das der anderen Frau so? Und dir dann ebenfalls…? Bin gespannt und du wirst ja ggf. davon berichten.
            Nach so einem Schweige-Retreat merkt man erstmal, wie laut die Welt ist, vor allem in der Großstadt.
            Den Vortrag habe ich mir vorgestern Abend im Bett angehört (jawohl, das muss ein Österreicher sein!), gefiel mir gut, so gut, dass ich weit vor dem letzten Wort friedlich dabei einschlief (das Smartphone dann nachts neben dem Kopfkissen findend). Muss ihn mir in wacherem Zustand nochmal komplett anhören.
            Liebe Grüße nach Berlin!

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            • Du hast auch in Würzburg studiert? Schönes Städtchen!

              Ich habe nach einem langen Krankenhausaufenthalt gemerkt wie schnell und laut die Welt da draußen ist.

              Es freut mich, dass Dir die Stimme von Herrn Pennington so wohl getan hat. Ich bin wirklich ahnungslos, aber mich hat sein Vortrag (in meiner derzeitigen Lage) angesprochen.

              Liebe Grüße in den Süden, auch an die Dackelin!

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  1. Liebe Tikersherk, es gab eine Zeit, ich war glaube ich 44, da hatte ich „mit so was“ auch nichts am Hut, und dann geschahen sehr merkwürdige Dinge, die ich dir gern erzählen würde, aber nicht hier, und ich ging widerstrebend zu einer Meditation auf einer Insel. Das war für mich lebensrettend. Den Benediktushof kenne ich ein wenig, fast hätte ich da mal ausgestellt Hat eine gute Atmosphäre. Liebe Grüße dir!

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