Ach, Mutta

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Töten, töten! Aus der Pazifistin ist eine Killerin geworden, eine skrupellose Tiermörderin.

Hatten wir die Kleidermotten noch mit behutsamer Hand gefangen und unbeschadet vor die Türe getragen, damit sie eine Etage höher bei den Nachbarn ins Fenster hineinfliegen und dort die eingestaubten Pelzmützen aus dem Kalten Kriech zerfräßen, so sehen wir uns jetzt einer Invasion von Lebensmittelmotten ausgesetzt, gegen die nur rohe Gewalt noch helfen kann. Fiese Falter und miese Maden, die von der Decke direkt ins Katzenklo hinein plumpsen. Ich kotze (ja) und töte im Wechsel die flatternden Adulten und die sich windenden Kleinen. Gut fühle ich mich nicht dabei, aber gerade ist mir der Magen näher als das Karma einer ungewissen Zukunft.
Ich las man werde diese Tiere nie wieder los und für eine getötete Motte wüchsen gleich Hunderte nach. Wenn das so ist und wenn meine Speisen fortan auf´s Ekelhafteste kontaminiert sein werden, werde ich, wohl oder übel, dem Suppenkasper gleich, der Nahrungsaufnahme, für immer abschwören und so lange auf meinem Stuhl herumhippeln, bis ich entweder verhungert oder rückwärts zu Fall gekommen bin und sterbe. Der Tod wird mich finden, so oder so, wie uns alle,

Motten also.

Beim Entrümpeln des befallenen Schrankes (wie kommen nun aber Lebensmittelmotten in einen Kleiderschrank?) finde ich Hosen in Größe 34 wieder. Locker saßen die damals, in der Zeit, als ich Size Zero erfand, lange ehe Posh sich zur Magermarke und ihren Mann zum Frisurenträger machte.
Wo waren bloß meine Organe untergebracht frage ich mich beim Anblick meiner abgelegten Kleidung. Wespentaille, sagte der Arzt und behauptet es auch heute noch. Is wohl wat Pathologischet. Manche Symptome lassen sich aushalten. Andere eher nicht, aber am Ende doch irgendwie, weil sonst wär´s ja over.

Der Kanzler, so erzählen mir seine und auch meine Schwester, lebt wie der arme Poet. Das Dach ist ihm über dem Kopf eingebrochen. Nun tropft es in den daruntergestellten Eimer, des Kanzlers Bett gleich daneben, kalt wird´s und immer kälter, doch irgendwann kommt der Dachdecker, fest zugesagt hat er es, schon vor Wochen, dann wird er wohl kommen.
Am Ende richtet es die Evolution (als deren Beauftragter, höchstpersönlich, der Kanzler sich begreift) her und zugrunde.

 

Dem lieben Tölchen geht es schrittweise besser. Jede farblich und sonstwie adäquate Ausscheidung wird gefeiert wie ein Kindergeburtstag, tröööt, dann aber torkelt sie wieder und ich bibbere vor Sorge. Die Anspannung bleibt und der Aberglaube: sobald ich lockerlasse wird ein Unglück geschehen. Besser stets das Schlechteste annehmen, wie man es mich gelehrt hat, so wird man vom Läbn nich unvorbereitet überrollt. Zweckpessismismus.

Achtung, miserable Überleitung:

Zwecken (Reiß, baby, reiß) waren mir dann am Liebsten lieber, wenn die Mutter sich, vermutlich laut aufjaulend, mit netzbestrumpften Beinen in sie hineinkniete, während sie unzulässigerweise mein Zimmer durchwühlte und unter das Bett spähte, um alles, alles in ihrer unmotivierten Borderline-Wut hervor zu zerren und im hohen Bogen aus dem Fenster in den Garten zu werfen, wo ich es später, wenn ich aus der Schule kam, unter den Augen der Nachbarn und Passanten zusammenklauben und in den zweiten Stock, an ihr vorbei, tragen musste, um das, was ich noch halbwegs intakt hatte retten können, an seinen gewohnten Platz zurück zu räumen, wo es in einer Art Zwischenfrieden vor sich hinschlummerte, bis der innere Lukas ein weiteres Mal bis Anschlag tilte und meine Habseligkeiten ihre nächste und manchmal auch letzte Reise ins nasse Grün antreten mussten. Ach, Mutta.

 

 

 

 

 

Bild: Hartwig HKD, Goat Yoga, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

21 Kommentare zu “Ach, Mutta

  1. Ja sagen zum Leben, zu allem was war, ist und seien wird, gehört zum Leben. Leicht ist das nicht. Auch der Tod gehört zum Leben. Ich tippe das nicht in ein Poesiealbum, sondern aus meinem Leben.
    Mehrfach habe ich an Betten gesessen (Bitte jetzt keine Vergleiche, es ist egal, da wo Liebe ist.) von Menschen, mit denen ich gerne noch so viel gelebt hätte. Anderes war da, auch füttern, windeln, streicheln, in Ruhe lassen …
    Das Sterben meiner Liebsten … Beide wussten wir. Leicht ist anders …
    Mehrfach hatte sie mich gebeten, sie zu halten bei ihren letzten Atemzügen. Ich hatte “ Ja“ gesagt, hab mich daran gehalten, auch als sie nicht mehr sprechen konnte …
    Was stimmte da für sie?
    Was stimmt für Deinen Hund?
    Dir wünsche ich Deinen Weg.

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  2. Gegen Mehlmotten im Lebensmittelschrank hilft nur putzen, putzen, putzen (sagt die größte Haushaltsschlampe aller Zeiten), außerdem alles in festverschließbaren Schraubgläsern aufbewahren und ein Schüsselchen mit getrockneten Kräutern in den Schrank stellen. Salbei mögen die Biester, glaube ich, gar nicht. Jedenfalls habe ich keine mehr, seit ich so verfahre.

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    • Die Lebensmittel sind sicher verschlossen, geputzt wird auf Teufel komm raus und Salbei werde ich gleich morgen besorgen, ebenso die Kräuter – ich nehme an es sollten welche mit starkem Duft sein? Für heute muss Lavendel reichen (Anekdote: vor Jahren nisteten die Motten im Lavendelsäckchen).
      Ich las, dass die Motten aus dem katzenstreu kommen können. Dann hätte ich tatsächlich ein riesiges Problem…

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      • Die ollen Lebensmittelmotten kommen auch einfach durchs gekippte Fenster hineingeflogen, ich habe das schon mehrfach im Schlafzimmer beobachtet (nein, in meinem Schlafzimmer gibt es keine Lebensmittel). Auch im Herbst kommen sie noch gern hereingeflattert. Ich war neulich auf dem Balkon und hatte die Tür nicht sehr weit geöffnet. Da landete eine auf der Scheibe der Balkontür und wollte sich hinter meinem Rücken ins Zimmer schmuggeln, sie dachte, ich sehe es nicht.

        Ich bekam vor vielen Jahren mal den sehr wertvollen Rat von einem anderen Blogger, im Schrank auch unbedingt die Löcherleisten für die Regalbretter mit Tesafilm zuzukleben. Darin nisten die nämlich gern.

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    • Eigentlich ist hier alles verpackt und Lavendelsäckchen hängen schon. Ich las, dass die Tiere vom Katzenstreu kommen können. Dann wäre ich in der Tat aufgeschmissen.
      Morgen gleich besorge ich Salbei und Kräuter und ich werde nicht ruhen und rasten, bis auch die letzte Motte verschwunden ist. Danke für den Tipp!

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    • Es gibt Probleme, die erledigen sich durch Loslassen, das kenne ich auch. Bei meinem Tölchen und den Motten hilft nur engagiertes Eingreifen. Es ist übrigens so, dass ich während des Gesundungsprozesses des Hundes eher zuversichtlich war und immer daran geglaubt habe, dass sie überleben wird. Jetzt wo das Ziel greifbar ist, getraue ich mich nicht, mich lockerzumachen, um den Erfolg nicht zu gefährden. Verrückt.

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    • Ja, das stimmt. Manche Muster sind so tief verwurzelt und werden immer wieder bestätigt, wie das auch bei einem sehr allgemein gehaltenen Horoskop der Fall ist, dass es schwer ist, sie zu verlernen. Ich arbeite dran. Wird bestimmt alles gut gehen, so wie meistens. :)
      Herzliche Grüße!

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  3. Sie müßten gar nicht morden, sondern könnten mal über Trichogramma evanescens (Schlupfwespen) als zeitweilige Mitbewohner nachdenken. Das sind winzig kleine Nützlinge, die Sie im www bestellen könnten, die Ihnen dann per Briefpost zugehen und die die Eier von Motten jeder Art befallen und sie plattmachen (ganze Wohnung kostet umma 40 €, es dauert bei Lebensmittelmotten 9 Wochen, bei Kleidermotten noch länger). Wenn sie das zur Gänze getan haben, wandern sie wieder aus oder sie sterben, in jedem Fall handeln Sie sich keine dauerhaften Mitbewohner ein. Parallel dazu ist es eine gute Idee, Haferflocken, Mehl, Polenta und andere Mottenleckerlis in hermetische Gefäße zu füllen und die Schränke gründlich zu putzen.

    Zur Vorbeugung gegen alle Mottenarten hilft Lavendel, den man jedes Jahr mal erneuern sollte.
    Gegen Ameisen hilft übrigens Zimt – ist kein Scherz, man kann sogar stark befahrene Ameisenstraßen mit Zimt umleiten.
    Was gegen schlimme Kindheit hilft, weiß ich leider auch nicht, ich versuch’s mit einer Mischung aus Zitrusölen (stimmungshebend), Baldrian (schlaffördernd), Therapie (anstrengend) und Humor (unerläßlich). Daß ich Ihnen jeden Anlaß zum Dauer-Kindergeburtstag wünsche, ist eh klar.

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    • Schlupfwespen hatte ich schonmal https://kreuzbergsuedost.wordpress.com/2013/02/27/mottlock/. Damals ging es um Lebensmittelmotten.
      Der Einsatz dieser biologischen Waffe wirft nun auch ethische Fragen auf. Denn ist es nicht so, dass ich mir gedungenen Mörder isn Haus hole, die ich nach getaner Arbeit seelenruhig über die Klinge springen lasse, um mir nicht selbst die Finger schmutzig zu machen, indem ich eigenhändig ein paar Tiere erledige?
      Schon Darwin hatte seine liebe Mühe mit den Schlupfwespen, deren Existnez ihn in eine tiefe Glaubenskrise stürzten:

      „Ich kann nicht so einfach wie Andere die Beweise für eine gezielte Erschaffung und allseitiges Wohlwollen erkennen, auch wenn ich es mir wünschen sollte. Es erscheint mir zu viel Elend in der Welt. Ich kann mich nicht davon überzeugen, dass ein wohlwollender und allmächtiger Gott die Ichneumonidae mit der Absicht erschaffen haben sollte, dass sie sich vom Inneren von Raupen ernähren, oder dass eine Katze mit Mäusen spiele.“

      Lavendelsäckchen sind aufgehängt. ich hoffe ich finde nicht wieder Mottenlarven darin, wie schon einmal.

      Ich danke für die guten Wünsche! Sehen Sie mir meinen schrägen Humor nach. Im Schatten des Galgens spaßt es sich am besten.

      Gefällt 3 Personen

      • Lavendelsäckchen sind aufgehängt. ich hoffe ich finde nicht wieder Mottenlarven darin, wie schon einmal.

        Es handelte sich um ein altgedientes, ein geradezu antikes Lavendelsäckchen?

        Der Einsatz dieser biologischen Waffe wirft nun auch ethische Fragen auf. Denn ist es nicht so, dass ich mir gedungenen Mörder isn Haus hole, die ich nach getaner Arbeit seelenruhig über die Klinge springen lasse, um mir nicht selbst die Finger schmutzig zu machen, indem ich eigenhändig ein paar Tiere erledige?

        Ihre Finger (ob schmutzig oder nicht) kommen doch gar nicht bis in die Schrankritzen, um die Mottenbrut eigenhändig zu ermorden. Das schaffen nur die Schlupfwespen, denen Sie ein formidables Leben während ihrer ohnehin nur sehr kurzen Verweildauer auf des wohlwollenden und allmächtigen Gottes schöner Erde ermöglichen. Ist eine Schlupfwespe etwa weniger liebens- und lebenswert als eine Mehl- oder Kleidermotte?

        Ihre Idee aber, eigenhändig ein paar Tiere zu erledigen, wenn es in Küche und Kleiderschrank schon mächtig flattert, finde ich so rührend wie die eines ehemaligen Mitbewohners, der die Bekämpfung der Mäuse-Invasion unserer Wohnung (die Katze war unbeeindruckt, ich vermute, daß sie die Mäuse an ihre Brekkies ließ) mit maximal einer Lebendfalle erlaubte und das z.T. mehrfach am Tag darin gefangene Tier liebevoll über die Straße in den Park trug. Für die Köder und die Verfrachtung der Mäuse aus der Falle in eine Transportschachtel war ich zuständig, ebenso für’s Mäusescheißeputzen.

        Als die Mäuse auch nach Wochen nicht weniger, sondern mehr wurden, stellte er die Vermutung an, daß es sich immer um ein- und dieselbe Maus handeln müsse, die ihn aus reiner Anhänglichkeit immer wieder in die Wohnung zurück begleitet hätte und aber vielleicht inzwischen im Park gegen ihren Willen geschwängert worden sei. Ab da fuhr er die tägliche Maus an den Stadtrand und ließ sie auf dem Feld frei.
        Ich zog dann bald aus…

        Gefällt 2 Personen

        • Ha! Gute Antwort!
          Sie meinen ich bin chancenlos und was eine Schlupfwespe kann, kann eben nur einen Schlupfwespe?
          Gleich morgen werde ich welche beim Bioladen bestellen und dann die Meute aufeinander loslassen. Doch kommen die Wespen denn auch bis ganz oben an die Decke?

          (Ich hätte Ihr Mitbewohner sein können. Mit dem Unterschied, dass ich gefundene Mäuse hege und pflege und sie schließlich in irgendeines der Brandenburger Tierasyle JWD bringe)

          Gefällt 1 Person

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