autumn (autoimmun)

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Die Tage holpern dahin. Die Anspannung und Sorge bleiben und zufällig hat das stressbedingt ausgeschüttete Cortisol eine ganz besonders verheerende Wirkung auf meinen maladen Körper, was wiederum neuen Stress und Kummer zur Folge hat. Autoimmunerkrankungen sind eine Erfindung der Hölle. Eine eingebaute Selbstzerstörungstaste mit Fernbedienung.
Auch der Hund ist noch lange nicht über den Berg. Sie ist wacklig und die Tierarztkosten erreichen Himalaya-Höhen. Doch was am Meisten wiegt ist die Ungewissheit ob sie es auch dieses Mal schaffen wird. Wir bleiben dran, rund um die Uhr. Müde, Mensch und Tier.
(Manchmal denke ich ich möchte nie wieder die Verantwortung für ein anderes Leben übernehmen).

Mit der Anspannung kommen mir nach und nach die Interessen abhanden und ich verflache zusehends. Die Zeit, und mehr noch die Muße, für Musik und Text und für Gespräche, vor allem aber für die Stille in der nichts nachhallte außer dem Schweigen, das der Kopf so dringend bräuchte, um frei zu werden, fehlen mir.

Der ständige Blick auf Defizite macht traurig wie die Aussicht auf eine kahle Brandwand im herbstgrauen Hinterhof.

Passend zum allgemeinen Siechtum schickt der Pfarrer-Onkel eine Predigt. Er habe an mich denken müssen, als er sie hörte. Ich lese den beigelegten Vortrag und wundere mich welche Vorstellung die Menschen, sogar Seelsorger, von dem haben, was in der Psyche, oder sagen wir passenderweise: in der Seele, eines chronisch kranken Menschen vor sich geht. Ich antworte ihm freundlich. Er meint es gut. Doch ich finde mich nicht wieder in der Idee von Gottes Prüfungen und der Stärkung des Glaubens durch Leid. Leiden bringt mich allenfalls mir selbst näher und auch da bin ich nicht sicher. Möglicherweise entfernt es mich auch himmelweit von mir, wer immer ich bin. Ich weiß es nicht. Meinen sozialen Beziehungen jedenfalls ist es nicht zuträglich und die Lust am Jammern ist mir auch längst abhanden gekommen.
Es fällt mir schwer daran zu glauben, dass Gott oder das Universum sich auch nur einen Deut um mich schert und erst Recht um all die Menschen (und Tiere), denen es so viel schlechter geht. Die Zeiten, als ich sicher war, die Welt drehe sich für mich, und mit mir sei der Gipfel der Evolution erreicht, sind vorbei. Kein Glanz mehr, kein Herzklopfen, keine wehende Fahne. Ein Grund mehr im Hier und Jetzt Anker zu werfen.

//

Der Bekannte ist die Erkältung noch immer nicht los, hustet sich bei Tag und bei Nacht die Seele aus dem Leib und kann dennoch nicht vom Tabak lassen. Trotzig rollt er sich eine nach der anderen und zieht das Gift in seine wunden Lungen, welche nachts, schnorchelnd und japsend unter ihrer schwarzen Teerdecke, um Hilfe rasseln. Doch ich allein höre ihre Klage, denn der Bekannte schläft inmitten des infernalischen Lärms, den seine alarmierten Bronchien ins Universum schicken, seelenruhig weiter, und er schätzt es nicht, wenn ich ihm am Morgen sorgenvoll davon berichte. Inzwischen kenne ich den Mechanismus: jede Warnung meinerseits spornt den kleinen Suchtteufel, der den wehrlosen Bekannten fest im Griff hat, nur noch mehr an.
Zumindest diesem Gefängnis bin ich schon vor langer Zeit entflohen. Ich wertschätze meine gewonnene Freiheit.

An manchen Tagen, so wie heute, spüre ich allerdings angesichts meines eigenen heillosen Angegriffenseins so etwas wie Ärger darüber wie achtlos und undankbar der Bekannte mit dem unendlich wertvollen Geschenk seiner intakten Gesundheit umgeht und ich mache mir außerdem große Sorgen um ihn, wenn er keuchend aufsteht, hustend das Haus verlässt und am Abend grau und schwach und Nikotinschwaden hinter sich herziehend zurück kehrt.

 

Immer hat man Sorgen, pflegt der Kanzler zu sagen. Heute behaupte ich das Gleiche.

 

 

 

 

 

Bild: (Ausschnitt ) Régis Nuuk, img gs 143, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

14 Kommentare zu “autumn (autoimmun)

  1. Leider bin ich kein Finne – sonst könnte ich Deine Geschichten mit noch schlimmeren Geschichten in Abgleich bringen wir würden lachen einen Schnaps trinken und uns weiterhin den ganzen Tag schlimme Geschichten erzählen. So bleibt mir nur an Dich zu denken – und denke Du tikers. bitte daran Dich ab und zu positiv zu aktivieren,tom

    Gefällt 5 Personen

    • Eine schöne Vorstellung! Jammern und zwitschern und weiterjammern und irgendwann hackedicht umfallen. Nur den Kater darf ich mir nicht dazu denken…
      Ich glaube ich denke viel zuviel an mich und kreise um mich und bin gefangen in meiner Misere. Dabei reisst gerade eben der Himmel auf und die Sonne scheint und bringt das Laub zum Leuchten und der Hudn wedelt ein wenig und es ist noch längst nicht alles verloren.

      Gefällt 2 Personen

  2. Jammern, rücksichtslos jammern – ich finde, das sollte jedem gestattet sein. Es tut so gut! Da wird sogar Leiden zum Genuss. Natürlich braucht niemand drauf zu reagieren. Ist sogar besser. niemand reagiert drauf. Denn diese Schulterklopferei und Gutzurederei will ja nur eins: dass man aufhört zu jammern und unter Tränen dankbar dem Tröstenden zulächelt.
    Übrigens, die Damen auf dem Bild machen es sich ziemlich schwer, die Treppe hochzukommen. Sie sollten ihr wallendes Haar zusammenbinden.
    Und noch was: ich bin immer wieder verzaubert durch die Art, wie du deine Malaisen beschreibst. Würdest du in einer Zeitschrift eine Kolumne haben, ich würde sie unbedingt abonnieren.
    Habs gut, liebe tikerscherk, und Töhle soll es auch gut gehen, und der Bekannte soll das Rauchen lassen. Herzensgrüße von Gerda

    Gefällt 7 Personen

    • Das sich-nicht-helfen-lassen-wollen, das kennt man nur zu gut aus ähnlichen Geschichten. Ich meine jetzt denn Raucher.
      Blöd ist nur, daß er DICH beeinträchtigt. DAS müsste doch Anlass sein, es anders zu machen oder?Doch, was sage ich: Alles vielfach vorkommend :-(

      Gerda hat mit ihrem Hohelied aufs Jammern recht.

      „Mit der Anspannung kommen mir nach und nach die Interessen abhanden und ich verflache zusehends. “
      Das ist Depression. Dieses Flachwerden kenne ich aus meinen Sprenkel-Depressionen. Nenne ich so, weil mein Leben so schön davon gesprenkelt ist. Zur Zeit allerdings NICHT. Ich warte schon…aber nix kommt.

      Lieben Gruß!!

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  3. Es ist eine Binse, daß Leid egozentrisch macht. Das ist so, fertig bin ich.

    Wer Ihre Beschreibung (die wie immer fein ziseliert ist und nada, null, niente, rein gar keine Jammerei enthält) nicht erträgt, könnte sie auch einfach ignorieren. Oder schnell wieder vergessen. Jedenfalls nicht über Prüfung und Glaubensstärkung salbadern (und dabei bin ich nicht mal besonders anti-religiös). Das ist die gleiche kranke Logik, in der auch KZs zu Besserungsanstalten erklärt werden können.

    Und wenn er es noch so gut meint: ein einfaches ‚tut mir sehr leid, daß es Dir nicht gut geht, gibt es vielleicht irgendetwas, das ich für Dich tun könnte?‚ hätte es auch getan, Herr Pfarrer-Onkel.

    Ich habe vor einer Weile etwas entdeckt, das mich in übleren Zeiten einhüllt und abschirmt, auch vor Streit in der nächsten Wohnung, vor Straßenlärm und vor Tinnitus: My Noise, mein Favorit ist ‚Meadows‘ und sowieso Wassergeräusche, es gäbe auch Brandung, z.B. an der irischen Küste, Katzenschnurren und eine ganze Menge mehr. Vielleicht wäre das auch was für Sie. Und für das Tölchen und für Ihren Schlaf und den des Bekannten. Alles Liebe und Gute, ich denke ganz oft an Sie!

    Gefällt 3 Personen

    • Die defizit-orientierte Sicht, die der Umgang mit knauserigen Leistungsträgern, die detailliertetest wissen wollen, inwiefern man auf Unterstützung angewiesen ist, mit sich bringt, verändert das Lebensgefühl. Nicht zum Guten. Ich versuche normalerweise resourcenorientiert zu denken. Mich jedenfalls nervt es, dass ich nicht von Glück und Sonne und Licht berichten kann, sondern von Verderbnis und Kummer und Kraftlosigkeit.

      Der Pfarreronkel denkt er hätte mir Gutes getan, indem er mir diese Predigt schickt. Er ist mir sehr zugewandt, doch seine Lösungen liegen eher im Bereich der Erlösung. Ich kann es ihm nicht verübelen. Nachdem der Kanzler gerade erst aus der Kirche ausgetreten ist, versucht der Onkel nun die Nichte zu bekehren…

      Schön, dass Sie an mich denken. Es kommt hier an. Mein Computer schnurrt.

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  4. joahr, das problem kenne ich in ähnlicher form. bin ja schwer lungenkrank. mein lebensabschnittsgefährte nicht, aber er arbeitet daran, durch rauchen. jeden morgen infernalisches husten. er schiebt es auf seinen magen. ich hasse ihn, mehr oder weniger still, dafür.

    Gefällt 2 Personen

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