Haylayf

20171017_173810

Soll mal einer sagen, die Türken hätten keinen Humor

Das Publikum der Kleintierklinik lässt mittlerweile stark zu wünschen übrig. Traf man früher auf Wilmersdorfer Witwen mit Airdale Terriern oder Spitzen, tummeln sich hier heute veritable Vollblutproletten mit Australian Shepherds im Schmusebacken- oder Zickengeschirr oder mit altdeutschen Schäferhunden mit schwarzen Augen und tiefergelegten Hinterbeinen. Haarige Tiere, die jeden und alles anknurren und dafür tätschelnd getadelt werden.

Immerhin Rassehunde, daran hat auch die Zeit nichts geändert.

Im Infusionsraum sitzt ein gut genährtes und gepierctes Pärchen Mitte Zwanzig, aus dem Hals des drallen Terrier zu ihren Füßen ragt eine Braunüle. Durch einen langen transparenten Schlauch tropft Medizin in das quirlige Tier. Der tätowierte Mann und die volltätowierte Frau daddeln teilnahmslos auf ihren Smartphones herum. Der dicke Hund wedelt seine Leute erwartungsvoll an, bekommt keine Rückmeldung und versucht zu Frauchen zu gelangen, wobei sich seine Leine am Stuhlbein des Mannes verhakt. Die Leine hängt an deinem Stuhl fest, sagt die Frau mit genervtem Ton. Doch der Mann spielt ungerührt weiter auf seinem überdimensionierten Telefon. Kannst du nicht mal aufstehen, drängt die Frau jetzt mit Schelte in der Stimme. Nein, antwortet der Mann, weiterhin ohne den Blick zu heben, wodurch ihm der Anblick des freigelegten unteren Rückens seiner Lebensgefährtin entgeht, die nun neben ihm niederkniet, mit dem Kopf unter seinem Stuhl verschwindet und an der Leine herum hantiert, bis das wedelnde Hundchen befreit ist.
Ihr habt euch gefunden, denke ich und sehne mich in den bunt raschelnden Grunewald hinein, statt in diese neongrelle Hölle. Doch statt zu gehen, streichele ich meinen kranken Hund und lese zum x-ten Mal: Waage bitte stehenlassen und nach dem Benutzen desinfizieren.

 

 

Unlängst erzählte die Agrarwissenschaftlerin, dass sie hier auf dem Gelände auch Versuchskühe halten mit Guckloch in den Pansen hinein. Man möchte an ihnen untersuchen wie die unterschiedlichen Futtersorten verwertet werden.

 

(Hier müsste eigentlich der Traum der vergangenen Nacht stehen in dem ich zu meiner eigenen Überraschung mit einem Beutel voller Pferdeäpfel im Schlafzimmer stehe und mit der bloßen Hand versuche, das stark riechende Zeug unter der Matratze zu verstecken, damit der Bekannte nix merkt).

 

Die guten Neuigkeiten von der Hundeverdauung sind folgende: zwar hat das Tölchen immer noch und immer wieder mit heftiger Übelkeit zu kämpfen, doch zwischendurch isst sie auch mal was und zwar gekochten und entgräteten Seelachs. Nur 0,9 g Fett auf 100 g hat der Fisch, dabei kommt er aus Alaska, wo es gemeinhin sehr kalt ist und etwas mehr Fett auf den Rippen nicht schaden kann. Doch die malade Bauchspeicheldrüse des Hundes würde das nicht mehr verkraften und so muss der Fisch erst frieren und dann sterben, damit mein Tölchen leben kann.
Zum toten Fisch reiche ich ihr cremiges Mus vom Hokkaido und einen feinen Tablettencocktail bestehend aus Antiemetikum, Analgetikum, einem Appetitanreger und wat weeß icke.

 

Zum Glück zeigt sich meine eigene  Gesundheit gerade robuster als die des Hundes. Gestern noch verschnieft und fiebrig erwacht, bin ich heute schon wieder auf der Siegesstraße und nur vereinzelte Niessalven erinnern noch an den quasi überstandenen Infekt. Allein die Tigerkatze, das überaus sensible und feinfühlige Geschöpf, leidet noch unter meiner Erkältung. Mein Niesen quält sie, es tut ihr weh, es gefällt ihr nicht, es beleidigt und belästigt sie und sie kann nicht aufhören zu meckern und schnattern, zu zetern und zu schimpfen und das Gesicht zu verziehen, selbst im tiefsten Schlaf, wenn sie mich niesen hört.
Manchmal weiss ich kaum, wie ich zwischen meinen wiederkehrenden Niessalven noch mein lauthalses und entzücktes Lachen über ihre grenzenlose Empörung unterbringen soll.

 

//

Epilog:

 

Als ich aus der Klinik zurück bin, mache ich einen nachmittäglichen Spaziergang um den Platz. Ein dünner Mann mit langen Haaren kommt mir entgegen und fragt mich, ob er mal telefonieren könne. Die Gasttöle, eine revierbewusstes Tier bellt ihn augenblicklich an und ich ermahne den Hund mit den Worten: Wenn du nur pöbeln kannst! Geh weiter!
Das verstehe ich jetzt nicht, sagt der dünne Mann und geht weiter zu dem nächsten Passanten. Doch auch dieser schickt ihn fort.

 

 

 

 

 

 

 

 

27 Kommentare zu “Haylayf

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s