Licht

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Trockenes Herbstlaub kreiselt über den sonnengetupften Boden im zweiten Hinterhof. Ein Windstoß schiebt die Blätter über den rissigen Beton. Ihr leises Kratzen gesellt sich zu dem hellen Wispern und Rascheln der alten Hofbäume. Der Bekannte rollt sich eine Zigarette und blickt ernst. Ich atme tief ein.

Die Kasse wird täglich geleert.

Aus dem dritten Hinterhof nähern sich Schritte und im Durchgang taucht ein kräftiger Rumpf mit langen Beinen und Minirock auf, der Kopf bleibt im Schatten verborgen. Wollen Sie zu mir? ruft eine Stimme. Ich weiß nicht, antworte ich. Ich bin der Anwalt oder die Anwältin, wie sie möchten, sagt die Stimme jetzt. Der Bekannte tritt seine Zigarette aus und nickt, wir setzen uns in Bewegung.

Als wir bald darauf im Büro sitzen, schlägt der Anwalt die Beine übereinander, lehnt sich zurück und heftet, während ich meinen Fall darlege, den Blick interessiert auf den Bekannten. Beide sind etwa ein Alter und tragen die gleiche, graumelierte Frisur. Rasch ist der Sachverhalt geschildert, die Problematik dargelegt und wir besprechen das weitere Vorgehen. Der Bekannte nickt, hakt nach und macht Notizen, der Anwalt greift sich ins glänzende Haar und erzählt von einem ähnlich gelagerten Fall und den Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt.
Für einen Moment lässt meine Konzentration nach und ich blicke aus dem deckenhohen Fenster. Der Himmel ist tiefblau und vis-à-vis reckt sich ein silbrigglänzender Schacht, ein metallverkleideter Turm ins gleißende Sonnenlicht.
Was ist das für ein Turm? unterbreche ich die beiden. Der Anwalt dreht sich um und zuckt mit den Schultern. Das würde man im dritten Hinterhof nicht erwarten. Schön. So surreal, sage ich.
Das stimmt, anworte
t die Anwältin und fährt nach einem kurzen Räuspern mit ihren Ausführungen fort.

Später spazieren wir durch den nachhaltig gentrifizierten Dieffenbachkiez. Goldenes Laub trudelt von den Bäumen herab auf die breiten Gehwege.  Über die nur mäßig besuchte Admiralbrücke schlendern wir zurück nach Kreuzberg Süd-Ost. Gegenüber der früheren Parteizentrale der KPD/RZ bleibe ich stehen und mache ein Foto. Bei der Sanduhr-Skulptur ein Stück weiter denke ich wie immer an meine tote Freundin und an jenen Dezembertag, als die Untröstliche von der Decke baumelte. Doch ich erinnere mich auch an jenen Abend im Mai, als der Unterfranke mich hier zum ersten Mal küsste.

Nur hundert Meter weiter brandet uns der Lärm, der Schmutz, der Taubenkot und das ganze Elend des Kottbusser Tors entgegen. Unter der ratternden Hochbahn hindurch und vorbei an den Säufern, den Junkies, den Hunden und den anderen Desperados nehmen wir den Weg über das ruhige Ende der Dresdener Straße in Richtung Oranienplatz, wo nach langer Sanierung das Hotel Orania seine Pforten geöffnet hat und das Suiten zum Preis von einem Hartz 4 Regelsatz inklusive Kosten der Unterkunft die Nacht anbietet. Ein Weißhemd-Gorilla steht vor dem Seiteneingang und scannt die Passanten. Die skateboradfahrende Bulldogge weckt sein Interesse. Zusammen mit seinem zerlumpten Herrchen und einem hageren Mann in zerbeulter Uniform mit schiefem Zylinder, der sich unter dem Gewicht eines großen, klimpernden Lüsters beugt, überquert das Tier den Platz. Die geschliffenen Glastropfen des Leuchters flimmern im Sonnenlicht, ihr Klirren ist noch zu hören, als die drei schon um die Häuserecke gebogen sind.

Wie lange wird das hier noch so aussehen, frage ich mich. Man munkelt die Obdachlosen würden seit der Eröffnung des noblen Hotels nachts von ihren Schlafplätzen vertrieben.

Es ist Nachmittag, die Sonne steht tief im Westen und nach einem Abstecher zum von Kindern und Müttern belagerten Chocolatier sitzen wir auf einer Bank und schauen auf das Treiben am Platz.
Schweigend hängen wir unseren Gedanken nach, nippen am Cappuccino, essen Kalten Hund  und verdrehen vor süßfettiger Verzückung die Augen, bis nach einer langen Weile der Bekannte schließlich aufsteht, mir über den Kopf streicht und sich nach Hause verabschiedet.

Einige Minuten noch bleibe ich auf meiner Sonnenbank sitzen, blinzele ins Gegenlicht, atme die milde Herbstduft und lausche den friedlichen Klängen um mich herum.
Dann stehe ich auf und gehe unter der Waldemarbrücke hindurch in den Grünzug des luisenstädtischen Kanals.
Auf dem silbrigen Wasserspiegel des Engelbeckens schaukeln Enten und Schwäne, die Schildkröten sonnen sich vor ihrem Häuschen.
Dahinter erhebt sich rot die St. Michael Kirche im Licht.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Monoru Karamatsu, Zoo, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

12 Kommentare zu “Licht

    • ich mag diesen Kiez so geren, weil all das Wunderliche hier sich zu etwas Wunderbarem zusammenfügt und einen Ort schafft an dem ich meist gerne lebe und in dem ich zumindest sehr viel lerne. Danke für´s Lob!

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  1. Nun bin ich einmal wieder durch altes, sehr vertrautes Land gegangen, Land, Stadt, Straßen … du hast einen gekonnten Bogen gezogen und ich werde das Ganze endlich einmal im November wiedersehen. Jau, November … ich bringe Sonne mit!
    Ich lese gerne von deinem Bekannten, er scheint ein guter Begleiter zu sein!
    Herzlichst
    Ulli

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  2. Sentimental Journey. Wie schön Kreuzberg wird, wenn du es mit deiner Liebe betrachtest. Ich bin wirklich froh, dass du trotz deiner vielen Sorgen weiter schreibst. Deine Melancholie hat für mich etwas Tröstendes, Schützendes. Als könne jemandem, der so etwas schreiben kann nichts passieren. Und jemandem, der das nachempfinden kann auch nicht.

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  3. Eine schöne Skizze von Kreuzberg. Der Hauch eines schönenHerbsttages ist hier gut angekommen.

    Der Oranien Platz ist mir gut vom 17. Juni 1953 in Erinnerung als eine Frau versuchte einer aufgebrachten Menge zu erklären, dass die Ost-Berliner Behörden keine andere Wahl hatten als gegen die Demonstranten vorzugehen. Das erzürnte die Menge noch mehr und im nu hatte man ihr das Kleid vom Leibe gerissen. Ich war darüber sehr erschrocken. Man ließ sie dann aber in Ruhe.

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    • Meine Güte! Soviel Gewalt.
      Kreuzberg war nah an der Mauer, das vergesse ich manchmal. Schön war das zu sehen, als wir vor 3 Jahren die Lichtgrenze hier hatten.
      Ich freue mich immer über Deine Kommentare. Sie ergänzen das Bild dieses Kiezes sehr gut.

      Gefällt 1 Person

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