Ursuppe oder Kreuzberg Südost

Antworten kann sie nicht. Nur deuten. Deuten mit dem digitalen Zeigestab, ähnlich einer abgebrochenen Autoantenne, wie es diese früher einmal gab und deretwegen man vor dem Einfahren in die Waschanlage aussteigen musste, um sie mit der flachen Hand, einem Piratenfernrohr gleich, zusammen zu schieben, damit sie keinen Schaden nähme wenn erst die elefantenrüsselartig sich aufschaukelnden, ledrigen Längslappen und später dann die rotierenden, von allen Seiten sich heranschiebenden Rundbürsten sie mit einer faszinierenden Choreographie in dampfige Bedrängnis brächten.
(Man beachte den Gebrauch nur einer Gegenwartsform im Zusammenspiel der verschiedenen Zeitebenen).

 

Über die Jahrzehnte sind die Autoantennen zu Stummeln verkümmert oder ganz verschwunden und Rücksichtnahme nicht mehr vonnöten, wie auch die Nutzung von Autowaschanlagen und die damit einhergehende Wasserverschwendung überflüssig geworden sind, seit ich einen Wagen mit Metalliclackierung fahre. Mein Handabdruck an der Kofferraumklappe verschwindet auch ungewaschen ganz von selbst; neuer Schmutz legt sich auf die blankgegriffenen Stellen und sorgt für einen gleichmäßigen Verwahrlosungsteint. Lediglich der Dreck an den Händen verlangt noch nach Wasser, und findet über den heimischen Abfluss den Weg zurück in den städtischen Kreislauf, den unterirdischen Strom, die urbane Ursuppe. Nichts geht verloren.

 

 

Auch das Fahrrad, das seit Monaten an einer Baumscheibe lehnt, ist inzwischen mit seiner Umgebung verschmolzen. Unkrautüberwuchert steht es in dem kleinen Quadrat kot- und kippenüberdüngter Erde, neben ihm vertrocknet eine mannshohe Distel mit stacheligem Kopf, ein vorbeitrabender Hund bleibt stehen und hebt sein Bein; ein scharfer Pfiff von irgendwo und er prescht davon.
Verwaiste Fahrräder sind beinahe so gruselig wie ein einzelner Frauenschuh, denke ich, als ich kurz darauf vor der verschlossenen Markthalle stehe und durch die Glasscheiben in den menschenleeren Saal blicke. Stromausfall, erklärt der türkische Gemüsehändler, bei dem ich stattdessen meine Tomaten und den Chicorée erwerbe, und auf einmal spüre ich einen drückenden Schmerz, ein Ziehen am rechten Schlüsselbein, als habe jemand eine schwere Blumenampel voll nasser, dunkler Erde dort eingehängt. Eine unerklärliche Missempfindung, die bis tief in die Nacht andauert.

 

 

Überhaupt hat das Hauptstadtdenken und- fühlen nach nur einer Woche wieder die Regie übernommen. Die altbekannte, melancholische Faszination für diese besondere Stadt und mein schmutziges, beschauliches Kreuzberg ist nun auch zurückgekehrt. Mein Hingezogensein zu dem Abgesplitterten, dem Fehlenden, dem Unperfekten. Der liebende Blick macht Berlin erst schön. Sehr schön. So schön.

Als ich am Nachmittag durch meinen Kiez spaziere, das bemaulkorbte Tölchen an meiner Seite, kräht mir gleich der erste Betrunkene ein fröhliches  „Hannibal Lecter!“ entgegen und strahlt mich, überaus zufrieden mit sich und seiner assoziativen Glanzleistung, aus stockbesoffenen Augen an.
Da erfasst mich ein kleines, beinahe euphorisches Glücksgefühl und ich nicke ihm zu und lache zurück, als hörte ich diesen mediokren Maulkorbwitz zum allerersten Mal.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Jens-Olaf Walter, flickr, Kottbusser Tor
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

19 Kommentare zu “Ursuppe oder Kreuzberg Südost

    • … ein Bild mit (habe sie auch erst nach dem Aussuchen des Bildes entdeckt) schweren Blumenampeln darauf, die zwischenzeitlich an meinem Schlüsselbein hingen.
      Danke für´s Kommentieren! (Dein Kommentar über den schicksalhaften Pullover, den Du nicht mehr brauchst, wirkt noch nach. Bin nur gerade nicht so gut darin mich hier im Blog zu unterhalten. Das Leben… ).

      Gefällt 1 Person

  1. Mein liebster Zwilling meinte neulich, als ich über meine Liebe zur Poesie des Prollig-Seins und der Schönheit der Hässlichkeit sprach: „vielleicht kannst du mir die ja irgendwann auch mal nahe bringen“
    Könnte ich ihn zum lesen dieses Blogs bewegen (was ich nicht könnte, da er alles poetische ablehnt) hätte er seine Antwort.
    Ich wünsche Blumenampelbefreite Tage.

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