An der Kirche

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Guck mal was ich kann, sage ich, stelle meine randvolle Tasse an die äußerste Tischkante, sehe nicht, dass diese abschüssig ist, und die Tasse rutscht –zack – auf den Fliesenboden, wo sie mit einem satten Knall zerbirst. Die Agrarwissenschaftlerin schaut mich ungläubig an und ich fange an zu lachen. Schade um den schönen Kaffee, sage ich und und klaube, noch immer kichernd, die Scherben auf, während sie wortlos Küchenpapier holt. Als ich mir einen neuen Cappucino mache, beobachtet sie mich ratlos. Ich hatte ihr zeigen wollen wie frei es sich ohne herumtobende Katzen lebt.

 

Auch der Hund ist, obwohl frisch geschoren und gewaschen, gut drauf. Spielend schafft sie einen zwanzigminütigen Spaziergang mit ein paar schnellen Sprints zwischendurch. Doch sogar hier am Feldweg trifft man auf Menschen in neonfabener Funktionskleidung, die mit hängenden Mundwinkeln und eiserner Gesetzestreue auf den universalen Leinenzwang hinweisen, während mein Tölchen gerade verträumt an der Ackerbegleitflora schnuppert und dabei plüschig wie ein Schäfchen aussieht. Ist recht, sage ich und gehe ungerührt weiter. Das sich entfernende Gemecker blende ich mühelos aus. Ich bin auf dem Wege der Genesung.

 
Vor der Kirche stolziert noch immer der Hahn vom Vorjahr umher. Ein sehr schöner und ein duldsamer Kerl ist er. Während der Fütterung ziehen die Hennen ihm die Brotstücke aus dem Schnabel und er lässt sie gewähren. Zwei winzige Küken laufen piepsend einem weißen Huhn hinterher, einem anderen fehlen sämtliche Schwanzfedern, ein mittelgroßes Küken pickt vergeblich auf dem Rasen nach Körnern und zwei ältere Damen sitzen auf einer Bank und unterhalten sich über die Hackordnung der Hühner. Wenn´s nicht einmal die Tiere schaffen in Frieden zu leben, wie sollen´s dann die Menschen schaffen, sagt die Eine. Die Andere stimmt ihr mit brüchiger Stimme zu.

 

Die Glocken der nahegelegenen Kapelle läuten hell.

 
Oben am Berg, auf dem Kirchhof, liegt einer der den Vornamen Hyazinth trug. Kies knirscht unter meinen Sohlen, als ich an seinem Grab vorbeigehe auf dem Begonien blühen, und ich sehe einen jungen, feingliedrigen Mann im schwarzen Rock und mit randloser Brille. Als ich ihm zunicke ist er verschwunden.
Die Berge in der Ferne sind nebelverhangen.

 

Vom Kirchhof führt ein schmaler Weg vorbei an Gärten und brachliegenden Grundstücken. Überall wachsen Disteln, Goldrute, Gräser und Glatthafer. Ich entdecke Sauerampfer und zupfe eines der lanzettenförmigen Blättchen ab, doch es schmeckt bitter und so spucke ich es wieder aus in der Hoffnung es möge nicht giftig gewesen sein.
Dunkel und aufgeweicht ist der Weg vom tagelangen Regen, es wimmelt von Nacktschnecken und ich konzentriere mich darauf keine zu zertreten. Nach einiger Zeit kommt mir hinter einer Wegbiegung eine Frau entgegen. Neben ihr läuft mit gespitzten Ohren ein großer Hund. Die Frau greift das Tier beim Halsband und macht auf der Stelle kehrt. Als sie es abführt, sehe ich, dass ihm der Schwanz fehlt. Wenig später treffen wir wieder aufeinander. Sie hat am Ende des Weges auf mich gewartet. Ihr Hund starrt mich angriffslustig an. Grußlos gehe ich vobei. Nicht die Stille stören.

 

Tiefblau war der Himmel im vergangenen Sommer und tiefblau ist er nun endlich an unserem fünften Tag hier. Das Puzzleteil an der Hauswand gegenüber ist verschwunden. Jemand hatte es unbemerkt dorthin geklebt, als Botschaft vielleicht, doch der Regen muss es heruntergewaschen und fortgespült haben. Auch die Kühe an den Gleisen sind nicht mehr da, sowenig wie das alte zerrupfte Pferd mit dem durchhängenden Rücken. Ein Stückchen weiter grasen jetzt Ziegen und ich denke an mein allergisches Kätzchen Zuhause, das inzwischen nur noch Ziegenfleisch verträgt. An meiner Ziege hab ich Freude, stimme ich innerlich an und dichte das Lied beim Singen um. Aus der Ziege wird eine Fliege mit seidigem Haar und viel MeckMeck.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Gunnar Staack, Murnau Nikolia Nordseite, kirchbau.de, http://kirchbau.de/php/400_kirchendatenbank.php?wunsch=plz_82000_82999&ansicht=vollliste&name=keiner
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19 Kommentare zu “An der Kirche

  1. Mögen die Scherben Dir Glück bringen und Dein Urlaub weiterhin so friedlich verlaufen, wie sich dieser Text liest, liebe Tikerscherk! Fühlte mich in das sprichwörtliche „Land vor unserer Zeit“ versetzt, selbst wenn es das nie gegeben hat. Es sei denn in uns…
    Un abrazo..:)

    Gefällt 3 Personen

  2. Ui! Das Ziegenlied, da hab ich JAHRZEHNTE nicht mehr dran gedacht, und tadaaaa, ich kanns trotzdem noch singen. Aber nur die ersten beiden Zeilen und den Refrain, dazwischen fehlt mir was. Muß ich wohl mal eine Netzsuche betreiben….
    dankeschön dafür! :-)

    Gefällt 2 Personen

    • Du hast Recht und ich mei Ruh, pflegte man bei uns zu sagen und genau so meinte ich es.
      Auf einem gottverlassenen Feldweg den Hund an die Leine zu nehmen, war mir dann doch zu absurd. Zumal wenn man dieses kurzsichtige, schwer kranke und von Grund auf friedfertige Schäfchen sieht.

      Gefällt 1 Person

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