Maximal gorki

 

954077713_f8a59c9c18_z.jpg

In Bonn eröffnet eine Manufaktur für Lebensfreude und noch ehe ich weiter lesen kann, schweifen meine Gedanken schon ab und ich denke an Irina Palm, wie sie, um das Geld für die medizinische Behandlung ihres schwerkranken Enkels zusammen zu bekommen, mit ihren geschmeidigen Händen Männern am sogenannten glory hole zu Diensten ist und durch ihre ungeheure Fingerfertigkeit Berühmtheit im Rotlichtmilieu erlangt. Ich mochte den Film, weil ich Marianne Faithfull mag und weil ich weder das Wort blow job noch hand job bisher leiden konnte, es hier aber endlich einmal Sinn ergab.
Die in Bonn nun eröffnete Manufaktur ist aber mitnichten ein Institut für Intimmassage, hier wird Süßkram hergestellt, der immerhin der oralen Befriedigung dient. Doch leider versiegt bei mir augenblicklich jedwedes Interesse und verwandelt sich in naserümpfende Überheblichkeit und Langeweile, wenn ich das Wort Manufaktur lese. Das ist so lame wie Kunstetablissements, die sich allen Ernstes noch Salon nennen. Manufaktur ist abgegrast, öde, preisschraubendreherisch und qualitätsgauklerisch, denn vieles, was schmutzige Gichthände machen, können saubere Maschinen viel besser und schneller und gründlicher erledigen. Sollen die in ihrer Manufaktur meinetwegen ihre Pralinen mit der Hand formen, wenn sie soviel Zeit und geldgieriges Traditionsbewusstsein haben. Ich ziehe meinen elektrischen Zauberstab dem manuellen Rührbesen vor.

Doch die Welt ist zu schnell und Trantütigkeit unsere Rettung.

Maximal Gorki, schießt es mir durch den Kopf, als ich später im Bett liege, weil das Fieber immer weiter steigt, maximal Gorki, aber als Disco gedacht. Und ich freue mich an diesem Gedanken, den ich nur halb verstehe und der mich vor lauter fieberhafter Überdrehtheit und Panik schnell wieder in die Senkrechte bringt. Später am Tag komme ich auf die Idee die gläsernen Lampenschalen des alten Leuchters zu reinigen. Lange schon drücke ich mich vor dieser Aufgabe, aus Angst sie könnten dabei Schaden nehmen, doch heute ist der richtige Tag für dieses Wagnis und natürlich  geht es viel besser als erwartet. Beim Eintauchen der fragilen Teile in den viel zu schmalen Eimer fühle ich mich sicher, denn nichts kann in der Enge kaputt gehen. Wie auch die Schlaganfallpatienten damals lieber das kleine Stationsbad benutzten in dem es sich nicht so leicht der Länge nach hinschlagen ließ – no room! no room! – lediglich zusammensacken konnte man dort und meist blieb der Kopf heile dabei und das war mehr als die halbe Miete, denn mit etwas Glück – fifty/ fifty – prellte man sich die richtigen Stellen des ohnehin schon hälftig lädierten Körpers und erlitt keinen weiteren Schaden. So erklärten es die Patienten. Heute bin ich selber eine, wenn auch eine andere, und auch die Malerin berichtet mir von beginnenden Malaisen, deren Ursprung sie in der anhaltenden Lärmbelästigung am gestrigen Nachmittag sieht, als nämlich der Hauswart mit einem Laubbläser im Innenhof stundenlang Laub blies, dass die Scheiben schepperten und der Kopf schmerzte und Wut in ihr aufstieg. Ich höre ihr zu und denke Juli und freue mich an dieser apokalyptischen Geschichte, die besser ist als ein isländischer Vulkan, und lache und lache und lache immer noch.

 

 

 

 

Bild: David Hirsch, flickr, geo 07 07 009
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

5 Kommentare zu “Maximal gorki

  1. Ich habe zu meinem 30. Geburtstag diese 24h Berlin Doku geschenkt bekommen. Lange her…Viele CDs in einem Schuber… Hab ich alle gekuckt, fand ich auch gut, aber wirklich für mich persönlich hängen geblieben ist nur ein Off Kommentar zu einer alten Dame, fast neunzigjährig mit einem entbehrungsreichem Leben, wie sie Kartoffelsuppe kocht. Der Sprecher sagt sowas wie: “ was für ein einfaches Leben. Ein großes Leben…“ Ein Gänsehautmoment, jedenfalls für mich. Erinnert mich immer an dich: du kannst kleine Geschichten, Episoden, Eindrücke ganz groß machen. Danke!

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s