Pacifico

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Während die großen Kreuzberger Ausgehmeilen schon lange nicht mehr zu meinem Leben gehören, existiert meine Welt noch in den Seitenstraßen. Dort wo mittellose Menschen in einem Gesundheitsprojekt medizinische Behandlung erhalten und duschen oder ihre Wäsche waschen können, wo die kleine Robinie, als Übriggebliebene eines uralten Baumpaares vor einer der letzten Häuserlücken im Kiez steht, wo sich türkische Männer in einem neonbeleuchteten Café treffen, rauchend würfeln und Sportwetten abschließen, während im Hintergrund der Fernseher läuft, wo die unheilbaren Korsakowpatienten der nahegelegenen Einrichtung für nichttherapierbare Alkoholiker vor dem Kiosk sitzen, 10 Bierflaschen im Korb ihres Rollators, und scheinbar immer gut drauf sind, wo sich eine kleine Gruppe Männer und Frauen im von der Straße einsehbaren Garten des kurdischen Gemeindezentrums versammelt haben und ohne es zu wissen auf todschicken Chrom-Schwingstühlen von Gerd Lange sitzen, die sie, anders als die neuen Bewohner des Kiezes, nicht in einem der überteuerten Vintageläden erworben haben, um sie mit den bereits vorhandenen modern art und mid century-Möbeln in ihren frisch erworbenen Luxuslofts zu präsentieren, sondern diese schon seit den 60ern in ihrem Besitz und in entspannter Benutzung haben, fühle ich mich Zuhause. Geborgen. Im Vorbeigehen nicke ich meiner Nachbarschaft zu und man nickt zurück oder hebt die Hand zum Gruße. Kurz vor dem Kuchenkaiser steht ein blasser Mann auf dem Gehweg. Beide Hände umklammern die gusseisernen Streben eines Gartenzaunes, während die Füße unruhig hin- und hertippeln. Mit gedämpfter Stimme spricht er zu den Blumen im Garten und wendet den Kopf ein wenig ab, als er mich nahen sieht. Ich tue, als interessierte er mich nicht, überquere den Leuschnerdamm und trete auf den Oranienplatz, wo zu meiner Freude der Drachenbrunnen endlich wieder läuft und wo auf den Bänken unter den jungen Kastanienbäumen türkische Frauen sitzen, miteinander lachen, feine Häkelarbeiten verrichten und von Zeit zu Zeit den Männern beim Boule oder den Kindern beim Spielen zuschauen.
An der Nord-Westseite des Platzes, hat sich die Liga der gemäßigten Trinker zu ihrer täglichen Diskussionsrunde eingefunden. Schon von Weitem höre ich ihre tiefen Stimmen und ihr raues Lachen. Eine Frau ist auch unter ihnen.
Der kleine schwarzäugige Hund, den ich wegen der mit Ordner beschrifteten Neonweste, die er eine Zeitlang trug, bis heute Ordner nenne, löst sich aus dem Schatten der Trinkercommunity und kommt auf seinen kurzen Beinen zu mir herüber gewackelt. Seine freundlichen Augen schauen mich interessiert an. Ich lasse das Tölchen von meinem Arm herunter und setze es ihm vor die Füße. Doch sie ist müde und steifbeinig und so nehme ich sie nach einer kurzen schwanzwedelnden Umkreisung und Beschnüffelung wieder hoch und ziehe weiter in Richtung Mitte.

Der Weg führt mich am Treibgut, einem der gefragten Vintageläden, vorbei. Vor zwei Jahren traf ich hier auf Michael Stipe, der mit verliebtem Blick meinen Hund ansah und So beautiful! seufzte. Zu gerne hätte ich ihm bei der Gelegenheit gesagt, dass ich ihn für einen der besten Tänzer aller Zeiten und seine Performance zu Lotus für unnachahmlich halte, doch kaum etwas ist mir unangenehmer, als Fantum an den Tag zu legen und Menschen zu bedrängen, die sich inkognito und privat wähnen, also lächelte ich und zog meinen damals noch gesunden Hund aus dem Laden ins Licht.

Kurz hinter dem Treibgut liegt der Moritzplatz. Gleich mehrere Polizei- und ein Krankenwagen stehen vor dem Aufbau-Haus. Eine Radfahrerin gestikuliert wild. Es scheint nichts Schlimmes passiert zu sein. Das Pacifico nebenan ist gut besucht und zum wiederholten Mal denke ich, dass Pacifico ein wirklich guter Name für ein Lokal ist.
Auf Höhe des Pacifico hat jemand mit Edding EndZeitLiebe auf einen Begrenzungspfosten geschrieben. Durch die dahinter liegende Stallschreiberstraße geht ein langer Riss.

 

 

 

 

Bild: Thomas Timm, flickr, Moritzplatz
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

4 Kommentare zu “Pacifico

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