kein Titel zur Hand

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Man muss sich das Ganze als einen weitläufigen Saal mit holzgetäfelten Wänden vorstellen. In der Mitte des Bodens klafft ein schrankgroßes Loch, abgedeckt mit einer Glasplatte. Durch das Loch blickt man auf eine hügelige Sommerlandschaft mit Feldern im Schachbrettmuster, mehr grün als gelb. Hier der Zwiebelturm einer Kirche, dort das graue Band einer Straße, darauf Fahrzeuge, die sich langsam nach vorne schieben, wie Käfer.
Der Saal hat keinen Ausgang, doch auf den Längsseiten befinden sich Fenster. Mit ausgestrecktem Arm greife ich durch eines hindurch in den kalten, transparenten Himmel hinein, wo in der Ferne turmhoch die Wolken sich stapeln wie sonnenbeschienene Gebirge. Durch das Loch im Boden sehe ich die Wolkenschatten, wie sie hinwegfegen über Hügel und Felder.

Ich bin allein hier oben. Unter mir ist Tiefe, ist Welt.

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Ich stehe auf Gespenster. Ich mag allein das Wort schon so gerne, dass ich mich freue und lächeln muss, wenn ich es höre, lese oder schreibe. Das kleine Gespenst war und ist mir schon immer eines der Liebsten.

Da ich vor einiger Zeit ein etwa haselnusskerngroßes Gespenst, das im Dunkeln leuchtet, über Etsy gekauft und mich dort außerdem bei diversen Raben- und Krähenprodukten umgeschaut habe, bekomme ich nun täglich und frei Haus Gespenster und Raben in allen Varianten angeboten, gehäkelt, getöpfert, gefimot, gezeichnet usw. So schafft es Tante G**gle mit ihren Algorithmen mir eine Freude zu bereiten, ohne das ich je darum gebeten hätte. Das ist das Gute am Schlechten.
Mein Lieblingsgraffito seit vielen Jahren ist übrigens auch ein Gespenst, das eine nicht mehr aktive Sprayerin überall in der Stadt hinterlassen hat. Viele ihrer Gespenster erblicken erst wenn es dunkel wird das Licht der Welt, wenn nämlich die Rolläden der Geschäfte, auf die sie gesprayt wurden heruntergelassen werden und die arbeitende Bevölkerung nach Hause geht. Erst am Morgen verschwinden die Gespenster wieder in ihren Kästen und schlafen dort bis zum nächsten Abend während unter ihnen die Tagaktiven ihr Leben leben.

 

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Meine Cousine ist ein sehr gläubiger, ein großzügiger, ein fürsorglicher und lieber Mensch. Und weil das so ist und wir uns mögen und ich manchmal auch ein Glückspilz bin, sind ein paar meiner größten Sorgen inzwischen ein bißchen kleiner und ich kann mir, dank ihrer, den juristischen Beistand leisten, den ich brauche, damit es weiter geht.

Außerdem: mein vor Jahren bei einem Unfall verletztes und seither immer angeschwollenes Knie, ist unglaublicherweise und aus heiterem Himmel wieder gazellenschlank und meine Lieblingshosen sitzen tippsitoppsi und sehen derart gut an mir aus, dass ich mich beinahe in mich selbst reinverlieben täte,  wäre ich nur narzisstisch genug.

 

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Beim Aufräumen habe ich etwa 200 intakte oldschool Glühbirnen entdeckt (ja, stellen Sie sich meine Wohnung ruhig in ihrer unendlichen unüberschaubaren und unergründlichen Weitläufigkeit vor und werden Sie ihr noch lange und niemals, selbst in Ihrer verwegensten und abwegigsten Fantasie,  nicht gerecht damit).  Außerdem fand ich das schwarz-weiss Foto eines Freundes vergangener Tage. Unter schwerem Wolkenhimmel steht er, den Körper dem Wind entgegen geneigt, am Meer, eine Hand beschirmt die Augen, sein Blick ist auf die raue See gerichtet.
Unter seinen Füßen der Sand.

 

 

 

 

 

 

Bild: diada, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

5 Kommentare zu “kein Titel zur Hand

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