1000 Jahre Vergeblichkeit

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Abendstunde –
im Klang der Gläser
ein neuer Ton

Ilse Jacobson

 

Am Grimm-Zentrum, dem stadtbekannten, als Bibliothek getarnten, Kontakthof treffen sich Männer mit dunklem Vollbart und Primatenkörper in Ringelshirts, mit Frauen, ready for Bewunderung for the Standmuskeln of the Fitnessstudio-bodyshaped-men. Nach meiner Ästhetik ähneln die Männer. Ich staune, dass sie überhaupt lesen, geschweige denn. Aber lassen wir das.
Der Filmemacher erzählt von den Schwierigkeiten, einen nicht gepumpten, gebräunten und tätowierten Darsteller für einen Film über die 80er zu finden, als Männer noch Schlakse waren und Körper nicht Produkte.
Nein, natürlich war nicht alles besser früher, nur anders, auf eine Weise, die mir als zukünftigem Fossil vertrauter und deswegen freundlicher erscheint. Doch andererseits ist soziale Kälte und Verschwachsinnung der Gesellschaft nicht nur eine Behauptung, sondern eine statistisch-empirische Wahrheit in meinem Erbsenzählerkosmos. Überall neue Menschen, denke ich, mit Reptilienblick und langen glatten Haaren oder Bärten. Mit Bachelor und Master und Projektmanagement-Expertise und Apps für alles. Megakrass, voll süß, total geil. On fire.
Ich staune. Ich wehre mich. Ich halte still. Das Universum rast über mich hinweg wie ein Nachthimmel und während wir lange schon nicht mehr die Krone sind und bald schon nur noch Wellenschaum, geht anderswo die neue Saat auf. Unbekannte Pflanzen, die ich lernschwache Hummel nicht kenne, nicht dechiffrieren, nicht verstehen kann.

 
Als ich nach deiner Abreise die Thermoskanne mit dem vergessenen Kaffee ausschütte denke ich: der Wurstzipfel hängt jedes Mal ein Stückchen höher. Ich werde ihn nie zu fassen bekommen. 1000 Tage Vergeblichkeit.
Wenn die Brücke nicht trägt, so sagst du, kannst du sie nicht betreten. Ich sage: ich bin keine Brücke und strecke dir meine Hand entgegen.

Meine Trauer ist Resignation gewischen, ein bitteres Auflachen nach jedem verstrichenen Tag, den wir, jeder für sich, beenden. Nie wird es anders sein. Es brauchte Zeit das zu begreifen, und die kleinen Zipfelchen deines Lebens, glimpses, die du mir ab und an als Vorschau auf einen Film zubilligst, ein Rettungsring, ein Akt der Gnade, ein Zugeständnis, sie kränken mich nur und ich greife nicht mehr nach ihnen, denn sie tragen mich nicht. Eine Fata Morgana, ein unscharfes Foto blühender Bäume somewhere an der Elbe, ein Fußballtor im Hintergrund und irgendwo du und dein Leben. Ich mag nicht mehr suchen danach und dich doch nie finden, weil du den Ausschnitt, wie stets, so wählst, dass du verborgen bleibst und längst schon durch den Ausgang verschwunden bist wenn ich den Raum erst betrete. Es sind Glasperlen statt Brotkrumen und sie nähren mich nicht. Ich bleibe hungrig. Andeutungen, Versprechen, uneingelöst über Jahre. Verfallene Lose, eine Lotterie ohne Gewinn. Die Schatulle ist verschlossen. Als wüsste ich nicht und doch schweigst du und ich mit dir, als wüsste ich nicht und als wüsstest du nicht, dass ich weiss. Du schweigst und ich betrachte das Foto deiner Füße am Strand, das du mir vor langer Zeit schicktest und ich denke: ich würde sie sowenig wieder erkennen wie dich.
So wolltest du es. So ist es.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: bswise, birdman, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

10 Kommentare zu “1000 Jahre Vergeblichkeit

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