Sommerblond & Sliwowitz

640px-St_mary_frankfurt_hesse_germany(1).JPG

Sommerblond und mit goldbraunen Beinen standen wir auf Nachbars Terrasse derweil dieser kleine Sliwowitzfläschchen zwischen seine Silberzähne klemmte und den brennenden Schnaps mit einem Rutsch in seinen großen Bauch hinein laufen ließ. Seine Frau war in der Küche, es roch nach Djuvecreis und Cevapcici. Unentwegt rumpelte der Verkehr am Haus vorbei, mit Karacho in die Steilkurve und dann den Hang hinunter. Der Boden erzitterte und leise klirrten die Fensterscheiben. Aus der Kelterei im Hinterhof stieg der Duft von modrigen Äpfeln. Abendfliegen tanzten in der milden Luft. Noch war kein Krieg nirgendwo oder wir wussten nichts davon.
Zewapicki nannten wir die Würstchen und hofften korrigiert zu werden, oder angelächelt, vielleicht auch beiläufig über die Wange gestreichelt von dem brummenden dicken Mann.

Es war die Zeit der rotgebrannten Erdnüsse aus Spendern auf Tresen. Die Eltern saßen im blauen Dunst, tranken Ouzo und lachten. Meine Mutter mit hochgesteckten Haaren  und Dekollete.

Ein luftbereifter Kinderroller, eine mit Fahrrädern, Paddeln und Schlauchbooten vollgepackte Garage, deren Tor so schwer war, dass alle Kraft kaum ausreichte, es zu öffnen.
Vom Garagendach sprang ich auf den schattigen Gehweg, die Fußsohlen brannten und die Knöchel schmerzten. Zwischen den Häusern die blaue Silhouette des Taunus und gegenüber, im ersten Stock, die Nachbarstochter auf dem Sofa vor dem Fenster, ihre weißen Schenkel in die Luft gestreckt. Der Vorhang klemmte zwischen ihren rhythmisch wippenden Zehen. Wir standen vor der Garage und blickten hinauf zu ihrem Fenster. Aus unserem Küchenfenster sah man besser.

Eine Hand am Sattelknauf ritten wir Sonntags auf den Mültonnen davon und unterbrachen unsere Reise nur für das Abendessen mit Nesquik, Pumpernickel und sauren Gurken. Danach gab es Fernsehen, die Waltons, gute Nacht.

Immer war Sommer, immer Hitze, rankende Ackerwinden, Maschendrahtzaun und schillernde Fliegen. Erstickender Geruch von Hundekot. Spitz pass auf! Alte Damen auf schmalen Gehwegen am Nachbarszaun hinter vorgehaltener Hand. Männer mit Zigarre oder im Unterhemd oder beides. Rosen, Gaslaternen und gurrende Tauben.

Enger wurden die Straßen und Gassen mit den Jahren, der Schwerverkehr, der den Hang herunter donnerte, immer lauter. Michelle war verschwunden, der Birnbaum gefällt und das hohe Gras gesenst. Die Füße zerschreddert in den Speichen längst gestohlener Fahrräder, damals auf dem Gepäckträger in rasender Fahrt in die glühende Abendsonne.

Gelb leuchtete die Telefonzelle gegenüber und roch zuverlässig nach Rauch, HB, Reval oder Stuyvesant, und nie fasste ich mich kurz. Wartende warteten an der Betonlittfaßäule mit den Ankündigungen des Mundarttheaters, dem Kinoprogramm, der Dippemess und nebenan am Wasserhäuschen standen die einsamen Männer, tranken und rauchten und blickten von  ihren Stehtischen auf die Haltestelle, wo früher einmal die Tram ihre Fahrgäste aufgesammelt oder entlassen hatte und heute der Bus mit seufzenden Bremsen stoppte. Ihre rauen Stimmen kommentierten das Geschehen, das Kommen und Gehen, die Beine, die Röcke, die Welt.

Für meine Mutter kaufte ich fast täglich Zigaretten am Büdchen, später auch für mich. Irgendwann  hing ein Zigarettenautomat am Zaun des Nachbarhauses. Da war der Sliwowitzmann lange schon nicht mehr da.

 

 

 

 

 

Bild/ Lizenz: Blick durch die Zentgrafenstraße zur Marienkirche,
Von ArcCan – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11749930

14 Kommentare zu “Sommerblond & Sliwowitz

  1. Wenn Du das so beschreibst, war das wirklich eine eigene Ära des permanenten Tabakrauchs und der gelben Telefonzellen. Hab sie ein ein wenig erlebt und dann als Jugendlicher das Ende erlebt. Mit Krieg und Privatisierung und Telefonkarten.

    Gefällt 1 Person

      • Für mich als jugendlichen war das nicht so schockierend. Der Knall und Zusammenbruch aller Selbstverständlichkeiten war ja schon mit dem Mauerfall passiert. Aber der Krieg hat für mich alles ad absurdum geführt, was uns die Lehrergeneration an pazifistischen und sonstigen Werten vermitteln wollte. Vor allem gingen dann Leute wegen Blut und Öl gegen Amerika demonstrieren und taten nichts gegen Konzentrationslager im schönen Urlaubsland, wo sie alle den Weg dahin auswendig kannten. Vor ein paar Jahren erst hab ich erfahren, daß in Kroatien die USA verehrt werden, weil die irgendwann mal ein paar Schiffe zum Schutz Dubrovniks schickten.

        Gefällt mir

    • Immer war Sommer, immer. Nur ein Mal war auch Winter. Da lag der Schnee so hoch, dass man zwischen mannshohen Schneewällen, wie in einer Art Bobbahn hindurchgehen musste. Das war schön. Und an Weihnachten war auch Winter, für 3 Tage. Den Rest des Jahres: Sommer.

      Gefällt 1 Person

  2. Der Sommer war so empfinde ich Deine Beschreibung bleiern. Im ehem. Jugoslawien an der Grenze zu Albanien hatte ich einmal eine Slib(w)owitz-Vergiftung – das Zeug kann ich seitdem nicht mehr riechen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s