Weite suchen/ Jucken lassen

16170705134_e2540be75e_z.jpg

Es ist an der Zeit, denke ich, während ich mich bemühe ein Zeugnis für eine ehemalige Mitarbeiterin zu schreiben, die in den Norden gezogen ist, es ist an der Zeit die Zelte abzubrechen und etwas Neues zu beginnen.
Ein persönliches Zeugnis hat sie sich gewünscht, anders als die üblichen floskelhaften Beurteilungen, die man guten Mitarbeitern gemeinhin mit auf den Weg gibt. Wörter wie wohlfühlen und angenehm sollten darin vorkommen, sagt sie, und sie möchte es nicht selbst formulieren, ich soll das bitte für sie schreiben, so, wie ich es für richtig halte. Und obwohl ich mich tatsächlich sehr wohl gefühlt habe mir ihr, weiss ich beim besten Willen nicht, wie ich das halbwegs professionell, dabei aber persönlich und gleichzeitig aussagekräftig und unmissverständlich ausdrücken könnte. Ich bedaure ihren Weggang sehr. Es wäre schön, sie käme zurück. Sie war eine überaus angenehme Mitarbeiterin. Herzlich, fröhlich, zuverlässig, engagiert und verantwortungsbewusst. Klingt das nicht eher nach einer netten Betriebsnudel, die nichts auf die Reihe gebracht und die man deshalb weggelobt hat?

Ein gefühlvolles Zeugnis zu schreiben ist eine echte Herausforderung. Den entspannten Spagat zwischen `let go´ und `schön war die Zeit´ beherrsche ich leider nicht. Weder im Beruf, noch im Privatleben.
Es wird Zeit etwas Neues zu beginnen, denke ich, am Liebsten anderswo und am Besten ganz anders. Dabei stecke ich längst mitten drin in dem Neuen, stehe aber gleichzeitig noch mit einem Bein im Alten, dem Trägen, dem Vergifteten. In einem feindlichen Wohnumfeld, in dem ich auf Dauer nicht friedlich werde leben können.

Es regnet, tropfnass und gelb sind die Blätter des Bambus. Die Vermieterin hat ihre Drohung wohl tatsächlich wahr gemacht, Sie hatte die „Entfernung“ des Bambus angekündigt und drei Tage später ging das Sterben bereits los. Die Katze, die ein Blatt des siechenden Grases gefressen hat, kotzt sich seit Tagen blutigerweise die Seele aus dem Leib während ich, vor lauter Hilflosigkeit, inneren Voodoozauber betreibe, im Geiste  Drahtseile quer durchs Treppenhaus spanne und mir vorstelle wie die boshafte Vermieterin, die mich seit zwei Jahren piesackt und deren gehässige Gesichtszüge mehr und mehr jenen einer bösen Hexe zu gleichen scheinen, die Treppe herunter geschlurft kommt, es plötzlich rumpelt, dann einen harten Schlag tut und endlich Stille ist. Dann sehe ich mich, wie ich aus meiner Wohnung heraustrete und ihr lächelnd ein Pflaster für ihr blutiges Kinn anbiete. Sie hat die Wahl zwischen einem schwarzen mit Totenköpfen  oder einem mit einer aufgemalten, haarigen Warze darauf.

Ich habe wahrlich keine Neigung zu Gewaltphantasien und es erschreckt mich, dass diese Frau derartige Gefühle in mir weckt. Sie möchte mich um jeden Preis aus dem Haus ekeln und bedauerlicherweise schafft sie es, nicht nur die Atmosphäre, den Boden und meine Katze zu vergiften. Es gelingt ihr obendrein, das Gift in meine Seele zu träufeln und üble Gedanken in mir zu erzeugen, mit denen ich mich noch schlechter fühle als so schon.

 

Es müsste etwas Neues beginnen, etwas, das den Abschied leichter machen würde, denke ich. Irgendwo in einer Gegend mit einem breiten Fluss. Oder mit Bergen. Oder dem Meer. Idealerweise ohne Nachbarn. Vielleicht mit einem Schäfer und seiner Herde. Als Nabelschnur behielte ich ein Zimmer in Berlin, zumindest eine Zeitlang. Und für die Katzen fände sich bestimmt auch ein schönes neues Zuhause. Unbeschwert von allem, was mich hier hält und quält, nähme ich meinen kranken Hund unter den Arm und suchte das Weite.

 

 

Beinahe unerträglich jucken noch immer die Mückenstiche vom Pfingstmontag. Ich kratze und kratze und kratze und kann nicht aufhören damit. Blutig verschorft sind inzwischen schon meine Beine, doch es juckt lustig weiter. Nicht einmal, als ich vor Jahren einen steilen Hang herunterradelte, die Bremsen meines Rades versagten,  ein Maschendrahtzaun meine Fahrt stoppte und ich kopfüber auf eine mit Brennesseln zugewucherte Brache stürzte, hat es mich so gejuckt. Und das will was heissen.

Es hört erst auf zu jucken, behauptet die Theaterfrau, wenn du nicht mehr daran herumkratzt.
Ich wünschte das stimmte, gälte für alle Malaisen und ich wäre überdies die Großmeisterin der Selbstbeherrschung und des entspannten Juckenlassens.

 

 

 

 

 

Bild: Mont Saint-Michel, Jérome Vervier, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

17 Kommentare zu “Weite suchen/ Jucken lassen

  1. Ich wünsche dir sehr du findest diesen Ort. Diesen Ort an dem du friedlich sein darfst. Ein Ort der dir Glück schenkt und ein tägliches Lächeln, wenn er dich empfängt.

    Das Problem mit so ekelhaften Menschen, ein Stück weit gewöhnt man sich mit ihnen das Haus zu teilen. Weil es zu viele Gründe gibt, dort leben zu bleiben. Und der Gedanke, klein beizugeben, sich das gefallen zu lassen, behagt nicht und ist somit undenkbar. Man lebt und lebt viel zu lange in dieser vergifteten Atmosphäre zusammen und merkt erst sehr spät, wie sehr der eigene doch so dringend benötigte Energiehaushalt dauerhaft angezapft wird und langsam entschwindet. Ich habe drei Jahre ausgehalten. Mit Gericht, Pipapo. Sie war zwar keine Vermieterin, jedoch Wohnungseigentümerin und nicht raus zubekommen. Lebte im selben Haus und hat mir und uns das Leben oft zur Hölle gemacht. Erst als ich ausgezogen war, ist mir das Ausmaß dieser latenten Vergiftung von dieser widerlichen Frau aufgefallen. Vorher, also mittendrin war es auch schlimm, aber wie schon oben erwähnt, man scheint sich ein wenig mit dem Zustand zu engagieren, denkt man zumindest. Im nachhinein hat es die Lebensqualität wirklich sehr sehr eingeschränkt…

    Gefällt mir

    • Auweia. Liest sich auch sehr schlimm, Deine Geschichte. Gut, dass Ihr draußen seid!

      Wenn ich mehr Geld hätte und nicht jede auch nur annähernd vergleichbare Wohnung (in die ich mit Hund einziehen darf) gut das Doppelte meiner jetzigen Wohnung kosten würde, weil die Mieten in den letzten Jahren durch die Decke gegangen sind, hätte ich also nur den Hauch einer Chance auf eine bezahlbare Wohnung, wäre ich hier sofort weg. Ich schaue beinahe jeden Tag nach Wohnungen und stelle fest: ich kann sie mir nicht leisten. Seufz.

      Gefällt mir

      • Ich weiß um diese Misere so gut. Weiß auch nicht wie es einfacher sein kann und funktionieren kann. Weg von den eigenen Vorsätzen im gewünschten Radius leben zu bleiben? Ganz andere Wohnmöglichkeiten zu überlegen?
        Gerade auch mit Hund ist es nicht einfacher..
        Ich drück dir die Daumen….

        Gefällt 1 Person

        • Danke!

          Der akzeptable Radius erstreckt sich mittlerweile über die gesamte Stadt, inklusive der Randgebiete. Ich hoffe und suche weiter. Im Zweifel muss ich im Lotto gewinnen oder jemanden finden, der mich sponsort.

          Gefällt mir

          • Ja, es müssen alle Wege genutzt werden. Spiele übrigens auch seit neustem Lotto. Euro Lotto. Könnte ja sein, das….
            Vielleicht ein Hinweis aufm Blog? Du hast viele Leser. Und Twitter mit #followerpower Ich kenn mich da nicht gut aus, aber eine sehr aktive Twitterfreundin hat mein Gesuch auf diesem Wege mal geteilt und binnen sehr kurzer Zeit, raste mein Gesuch durch die Twitterwelt und Unmengen an Menschen, teilten meine Wohnungsuche.

            Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s