bei Nacht (rewind / forward)

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Ein Texaner erlegt einen kindsgroßen Ochsenfrosch und hält das Opfer seines Rekordmordes zufrieden in die Kamera.

Der neue Trend heisst Pussy Slapping – Mädchen schlagen sich gegenseitig heiter zwischen die Beine. Paleo-Diät und ein leichtes Kleidchen aus ungebleichter Baumwolle könnten gut dazu passen. Im Sommer auch ein Gurken-Zitronen-Eis, low fat.

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Nachts um eins quert eine Wildschweinrotte die Potsdamer Chausee. Ein Scherenschnitt aus fünf großen beschnauzten Kästen und acht kleinen schwanzwedelnden Kästchen die hintereinander her laufen. Ohne nach links und rechts zu schauen, traben sie durch die Nacht und vertrauen in die Geborgenheit der Herde. Ich bremse und lasse sie mit angehaltenem Atem passieren.

Nach der Fahrt durch die nahezu ausgestorbenen Straßen und über die Stadtautobahn kehre ich von meinem Ausflug mit der kranken Katze zurück. Zu meiner Freude ist die Spülmaschine ausgeräumt, der wedelnde Hund gefüttert und alles in schönster Ordnung. Der Bekannte sitzt nach getaner Arbeit über seinen Büchern und laboriert im Lichtschein der gußeisernen Tischlampe an der Ausdifferenzierung seines Geistes und der Erweiterung seiner Gedankenwelt. Das bisher Gedachte verwahrt er, abgefüllt in Gläsern unterschiedlicher Größe, in seinen inneren Katakomben, wo die Behältnisse nach einer geheimen Ordnung und in einem für Uneingeweihte undurchschaubaren Regalsystem der wechselnden Gewichtungen, Strömungen und Bezüge aufgereiht sind. Ich blicke da weder hinein noch durch und er schweigt sich, wie stets, über seine Welt aus,

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In der Tierklinik sitzt ein attraktiver Mann in einem lindgrünen Hemd und hält eine Kiste mit zwei Vögelchen auf dem Schoß. Er wird diese, ausgerüstet mit einer Zuckerlösung und ein paar guten Tipps, wieder mit nach Hause nehmen. Alle zwei Stunden füttern, feed them all two hours, sagt die Ärztin und fügt hinzu, don´t worry, they are thick.
Die Fragezeichen über des Mannes Kopf schweben noch im Raum, als er längst schon verschwunden ist.

Gleich neben mir wartet ein junges Paar, Mittzwanziger. Er mit Vollbart und zeitgenössischen Tätowierungen, sie langhaarig in enger Stretchjeans und mit silbernen Riemensandälchen. Auch sie haben einen Karton dabei, darin ein halbnackertes Küken, welches die Tierärztin im Vorbeihasten als Taube identifiziert. Später wird sich herausstellen, dass es sich, wie bei meiner Selma, um eine Amsel handelt, denn ich lotse das Paar zu derselben Dame, bei der ich Vorgestern, nach einer erneuten nervenaufreibenden Aktion (dieses Mal: Rettung vor der hungrigen Elster) meinen kleinen Findling abgegeben hatte. Die Vogelexpertin erkennt es auf den ersten Blick: was hier den dünnen  Hals nach oben reckt, kann keine Taube, sondern nur eine Drossel sein.
Selma und Amselina (wie ich das Küken im Geiste taufe) werden nun bis zu ihrer Auswilderung in Staaken leben. Amselina, so schreibt mir die Vogeldame gleich am Morgen per WhatsApp, hätte die Nacht nicht überlebt, wäre sie nicht in ihrer Obhut und damit auf einer Wärmescheibe in einem Frotteenest voll puckernder Schützlinge gelandet. Ich freue mich.

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Das tagelange, unstillbare Erbrechen der Katze endet übrigens rätselhafterweise so plötzlich wie es gekommen ist. Das Neonlicht der Klinik reicht aus, ihre Magensäfte gerinnen zu lassen und nachdem die Ärztin mit den lagunenblauen Haaren den Bauch der Tigerin abgetastet und für weich befunden hat, trete ich nach Stunden des Wartens hinaus in die seidige Nacht und hoffe, dass der rabiate Besitzer des angefahrenen Welpen, der aussieht wie  der bärtige Geiselnehmer von Gladbeck und sich aufführt wie die Axt im Walde, mich nicht auf den im Dunkeln liegenden Parkplatz verfolgen und mir dort den Schädel spalten wird (weil ich als Nichtraucherin seine Frage nach einer Kippe abschlägig bescheiden musste). Meine Bitte wird erhört, nichts Böses widerfährt mir und im Schutze des leise rauschenden Blätterdachs verlasse ich das nächtliche Gelände ohne Zwischenfall.

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Jetzt sitze ich nach einer traumlosen Nacht müde am Küchentisch, schaue hinaus ins satte Grün, lausche dem Regen und schreibe diese Zeilen, derweil der Bekannte sich eine Banane schält und seinen Kopf mit Buchstaben und Wörtern a.k.a. Informationsträgern füllt.
Heute Morgen ist es ihm gelungen den metallenen Deckel des Espressokännchens, der seit Langem schon lose ist, scheppernd auf das Glas des Cerankochfeldes fallen zu lassen und zeitgleich und auf unerklärliche Weise eine Kettenreaktion im etwa 2 Meter entfernten Spülbecken auszulösen, das laute Gegenscheppern von aufrecht in einem Becher stehenden Besteckteilen nämlich, die sich just in diesem Augenblicke aus ihrer Verschränkung lösten und klirrend auf dem porzellanenen Boden des Bechers aufschlugen. Wir hatten unsere Freude an dem schrägen Akkord.
Schläft ein Lied in allen Dingen.

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Daniele Civelo, Naturkundemuseum 48, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

19 Kommentare zu “bei Nacht (rewind / forward)

    • Die Staakener Vogelfrau ist eine gute Seele. Sie schickt Bilder von Selma und Amselina udnd anderen Zöglingen. Leider mit der Bitte diese nicht ins Internet zu stellen.

      An Silke Bischoff erinnere ich mich auch noch sehr gut. Und an den erschossenen 16jährigen Italiener, der jetzt Mitte Vierzig wäre.

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  1. Ich habe noch an alle klare Erinnerungen, Degowski (brandgefährlich), Rösner und Silke Bischoff. Und an ihre Freundin, die überlebt hat. Degowsi wird demnächst entlassen. Ist schon Freigänger, wie ich der einschlägigen Presse entnahm.

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    • Die Überlebende Geisel beschreibt Rösner als den Macher. Ich hatte das, so wie Du, anders in Erinnerung. Aber ich kann mich auch nicht mehr so genau daran erinnern.
      Nur als ich diesen Mann in Düppel sah, glaubte ich auf einmal Rösner vor mir zu haben, eins zu eins.

      Degowski wird entlassen und Rösner war glaub ich nochmal wg Heroin im Gefängnis dran. Er hat somit fast sein gesamtes Leben in Heimen und Gefängnissen verbracht. Auch sehr schlimm.

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  2. „pussy slapping“ ist ein grund, warum ich ernsthaft darüber nachdenke, mich aus der, nennen wir es „öffentlichen welt“ zurückzuziehen. sowas will ich echt nicht wissen (dass du darüber schreibst, finde ich ja gut, aber dass es überhaupt sowas gibt, alter ey)

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    • Ich glaube ja eigentlich nicht, dass es das wirklich gibt. Worüber ich damit schreiben wollte, ist die öffentliche Inszenierung. Die Versuche sich gegenseitig in den Geschmacklosigkeiten und Herabsetzungen zu übertreffen, um sich hervorzuheben und irgendeine Aufmerksamkeit zu bekommen.

      Mir geht es im Übrigen ähnlich wie Dir. Ich habe immer weniger Interesse an der Welt da draußen, eben weil dort solche Inszenierungen stattfinden und die unsägliche Flachheit und Dummheit das Zepter übernommen hat.

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