überrunden

Ich kann nicht sagen, dass ich darunter litte krank zu sein. Das war einmal, lange Jahre sogar, und ich sehe mich noch, wie ich kurz nach der Diagnose vor dem Spiegel stand, dem großen in geschnitztes Holz gefassten Jugendstilspiegel, der längst im Keller liegt, oder den ich verschenkt habe, ich weiss es nicht mehr.
Ich stand mir gegenüber, spiegelverkehrt, und betrachtete mich und Tränen liefen mein Gesicht herunter. Ich war krank.
Ich hatte mir mein Leben anders vorgestellt. Eine sich entfaltende Blüte, etwas, dessen Leuchtkraft immer mehr zunimmt, mit jedem Tag, bis zum Zenith. Und auf einmal sah ich was mit mir passieren würde, was mit allen geschieht. Ich sah es im Zeitraffer, im Spiegel, auf links gedreht meine Vergänglichkeit und meine Hinfälligkeit, sich auflösende Kollagenstrukturen, das mürbe werdende Skelett, das Welken und Oxydieren der Blütenblätter und es war nicht so sehr der Gedanke, was am Ende dieses Verfalls stehen würde, der mich schmerzte, es war der Weg dorthin, vor dem ich mich fürchtete und es schien mir, als hätte die Krankheit mich unversehens zwei Jahrzehnte nach vorne katapultiert, herausgestanzt aus meiner Leinwand, der Nische im großen Bild, und als wäre ein wichtiger Teil meines Lebens, der noch nicht einmal angefangen hatte, bereits vorbei und ich trauerte darum. Die Witwe meiner eigenen Unversehrtheit war ich geworden. Alles zerfiel.

Krankheit macht einsam, hatte der Arzt gesagt und er behielt Recht. Die Krankheit bedeutete eine Erfahrung, die niemand aus meinem bisherigen Leben mit mir teilte.  Anders als früher glitten unsere Boote nicht mehr nebeneinander her im Strom, das eine weiter vorne, das andere dahinter. Ich war plötzlich vollkommen allein und während die anderen an mir vorbei zogen und ich mich treiben ließ, ahnten sie nicht, dass ich sie längst überrundet hatte.
Ich war ihnen zwanzig Jahre voraus.

12 Kommentare zu “überrunden

  1. Ich mag nicht so recht auf „gefällt mir“ klicken. Ja, Krankheit macht tatsächlich auf eine bestimmte Weise einsam, zumindest wenn sie einen früh trifft. Die Prioritäten werden dadurch so massiv verändert, dass sie nicht mehr zu den Prioritäten der anderen passen. Die Erfahrungen die man macht sind völlig andere als bei denen, die gesund sind. Das Tempo ist ein komplett anderes. Und es ist so wahnsinnig schwer den gesunden, vitalen zu erklären, was es heißt mit einer z.B. chronischen Erkrankung zu leben. Kennst Du die Spoon-Theory? Die ist tatsächlich recht hilfreich, wenn man anderen erklären will, was es heißt mit einer chronischen Erkrankung zu leben.
    https://butyoudontlooksick.com/articles/written-by-christine/the-spoon-theory/

    Mir gefällt übrigens die Formulierung „Witwe meiner eigenen Unversehrtheit“ sehr.

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    • Du hast das sehr gut zusammengefasst und auch die Spoon-Theory bringt den Aspekt des Haushaltens und des ständig-auf-dem-Schirm-Habens, dass man eigentlich auf sich aufpassen muss, dass man seine Kräfte einteilen oder den nächsten Tag beleihen muss gut auf den Punkt. Ich kannte sie nicht. Vielleicht sollte ich bei Bedarf daruf zurück greifen. Was wirklich die Wenigsten verstehen ist genau dieses Problem der Notwendigkeit des Haushaltens. Ich achte zB sehr darauf die richtige Menge Schlaf zu bekommen. Zuwenig schadet mir. Ich stoße immer wieder auf Unverständnis, wenn ich so stur auf dem Minimum von 8 Stunden beharre, weil ich sie brauche. Und dieses Unverständnis und diese Wertung, die damit einhergeht, de einen zum schwierigen, egoistischen oder verwöhnten Menschen stempelt, weil andere sich einfach nicht vorstellen können, dass chronisch krank sein ein lebenslanger Marathon ist, machen das Kranksein so schwer und zu einem so einsamen und traurigen Geschäft.

      Schöne Grüße!

      Gefällt 3 Personen

  2. das mit dem erklären funktioniert sowie selten……….
    wie sollen sie es denn auch „verfühlen“ – wenns sie es nicht betrifft.

    dafür finde ich das internet prima – man ist nicht mehr soooo allein.

    ich habe auch lange mit meinem schicksal gehadert – und es nun einfach angenommen und
    akzeptiert. widerspruch zwecklos :-)

    die größte kunst im leben ist es wohl zu allem was einem passiert ein großes JA zu leben….
    auch wenns einem wirklich nicht in den kram passt.
    nun – wie heißt es so schön: gottes wege sind unergründlich.

    immer wieder aufstehen – krönchen rücken – weitergehen……..ansonsten gehst du unter.

    ist nicht immer einfach – tja – das leben ist kein ponyhof.

    ich glaube im großen und ganzen geht es darum – mit den ganzen krisensituationen fertig zu werden – und nicht immer so – wie man sich das denkt.
    wir haben unser leben nicht unter kontrolle.
    unsere gedanken dazu sehr wohl.

    ist das glas halb voll – oder halb leer

    man kann vielleicht gewisse sachen nicht mehr machen – dafür mache ich halt andere :-D

    sich mit anderen zu vergleichen ist nicht gut – denn wir sehen meistens immer nur das gute bei
    ihnen – glaube mir – unter jedem dach ein ach.

    hast du eine zitrone – dann mach‘ limonade daraus.

    herzlichst
    kalypso

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  3. Das ist ja so traurig schön ausgedrückt. Wenn es schwer ist, wie Liisa sagt, „den gesunden, vitalen zu erklären, was es heißt mit einer z.B. chronischen Erkrankung zu leben“, dann hast du es hier auf überzeugende, weil literarisch schöne Weise getan, meine Liebe.

    Gefällt 6 Personen

  4. Ja, sehr schön hast du es gesagt, wie es ist, plötzlich an den anderen vorbeizupreschen gerade, weil du langsamer geworden bist und jeden Schritt bedenken musst. Ich wurde mit 18 plötzlich gestoppt: He du, nu mal langsam! Und gehörte nicht mehr dazu. Aber einer war da, der verstand. Und so konnte ich mich wiederfinden.

    Gefällt 1 Person

    • Du auch?

      Bei mir war leider niemand da, am wenigsten meine Familie. Meine Krankheit wurde udn wird bis heute übergangen, wie etwas Peinliches oder einfach nur Unangenehmes.
      Drum hat´s bei mir ein bisschen gedauert, bis ich mich gefangen hatte.

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  5. Bei diesem deinen Text fängt es in meinem Kopf zu rattern an: Wer schon früh mit der Krankheit konfrontiert wird, lernt, dass er nicht unsterblich ist. Diese Erfahrung ist anderen nur schlecht mitteilbar, wenn sie sie noch nicht gemacht haben.
    Ich kenne so viele, die Raubbau an ihrem Körper betrieben haben, mit schlimmen Konsequenzen, weil so wie alle anderen sein und nicht immer wieder nur erklären wollten. Um dann auf Unverständnis zu stoßen.
    Vielen Dank für diesen Gedankenanstoß!

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    • Der Raubbau beginnt immer dann, wenn man so tut als wäre man nicht krank. Ich kenne das und ich mache das auch noch manchmal.
      Inzwischen bin ich allerdings zum Glück ziemlich konsequent in der Einhaltung meiner Grenzen. Und ich weiss und akzeptiere mittlerweile auch, dass mein Leben eben nach einem anderen Muster gewebt ist, als das der Anderen.

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  6. Ja, ich habe den Text auch konzentriert gelesen.
    Was mich wundert: Daß man während einer Krankheit die Kraft und den Nerv hat, Zusammenhänge zu schauen und in Metaphern zu denken und fühlen.

    Einsamkeit !!
    Ich kenne sie von einer sehr sehr langen Depression – das Gefühl, alles ist weggebrochen, man hat nichts mehr, all das was so zählt im Leben, steht nicht mehr zur Verfügung.

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    • Ich habe sehr viel über meine Krankheit nachgedacht. Auch über den einzig möglichen Ausweg daraus. Die Metaphern kamen dabei ganz von selbst. Das bildliche Denken ist mir eigen. Ich sehe was ich fühle. So auch das verlorene Rennen.

      Ich hoffe Deine Depression gehört der Vergangenheit an und Dir steht wieder das zur Verfügung, was Du brauchst um ein zufriedenes Leben zu führen.

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      • Daß Dir das bildliche Denken eigen ist, kann und konnte ich mir denken – ich wüsste nicht, ob ich solche Bilder gebrauchen würde, bzw. denke ich eigentlich, daß auch ich sie „aufsuchen“ würde. Vielleicht handelt es sich auch um ein „Zurückschlagen“ mit der Phantasie, ein Sich-erheben aus der Dinglichkeit mit der Kraft der Worte..

        Meine Depressionen gehören der Vergangenheit an. Ich vermute aber, daß sie zum Lebensende wiederkommen werden.
        Bis dahin geniesse ich die freie Zeit, sozusagen.

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