Rettung

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Ob es mich erfüllt zu retten und gerettet zu werden, fragst du. Als wären wir nicht alle aufeinander angewiesen. Nichts wiegt irgend etwas auf. Nichts zahlt sich aus. Das Wasser fließt über den Stein und um ihn herum. Der Fluss liegt in seinem Bett. Niemand schuldet dem anderen etwas. Es ist so.
Was „von selbst“ heissen könnte, habe ich noch nie verstanden. Das Selbst speist nicht allein sich aus dem Selbst.

Die Luft in Sri Lanka ist feucht und nicht mehlig trocken, lese ich. Das Licht täuscht. Manche Menschen dort haben dunkelblaue Augen. Wie wenig ich von der Welt weiss.

Gestern hat Selma, das Amselkind, sich davon gemacht. Als ich nach Hause kam, war sie aus ihrem kleinen Gewächshaus, das ich ihr als Nest eingerichtet hatte, verschwunden.

Später am Abend höre ich auf einmal die Amseleltern zetern und schreien. Da weiss ich, dass Selma noch lebt und in großer Gefahr ist. Sofort stürzen wir in den Garten, wo wir sie zwischen den Sträuchern und hinter den Mülltonnen suchen, doch wir finden sie nicht. Die Gefahr indes scheint nicht gebannt, die Eltern krakeelen weiter und sitzen flügelschlagend auf den Fahrradlenkern beim Schuppen. Wir folgen ihren Blicken und der Richtung ihrer Drohgebärden und entdecken Selma schließlich auf dem mit Maschendraht eingehegten Nachbargrundstück stumm am Boden sitzend im Efeu. Die Katze Luzie lauert nur 30 cm von ihr entfernt. Nun schreien auch wir, rudern wie wild mit den Armen, klatschen in die Hände und verjagen die gestromte Jägerin. Die kleine Polin rennt in den Hausgang und hinaus auf die Straße, klingelt bei den Nachbarn und ruft „Ich muss jemanden retten!“. Wie durch ein Wunder öffnet sich im gleichen Moment die Tür, einer der Bewohner verlässt das Haus und die kleine Polin kann hineinschlüpfen.

Zwei Minuten später kehrt sie mit der schimpfenden und krächzenden Selma in den Händen zurück und setzt die braune Federkugel auf der eingezäunten Terrasse ab. Schnell überprüfen wir den Zaun auf Schlupflöcher und stopfen diese mit allem, was zur Verfügung steht zu. Anschließend füttern wir Selma mit ein paar Regenwürmern.
Die Amseleltern scheinen inzwischen zu wissen, dass ihr Junges bei uns sicher ist und lassen uns in aller Ruhe gewähren.

Jetzt sitzt die kleine Selma in einer Ecke der Terrasse auf einem Stück altem Stuck, schaut mürrisch und krächzt dann und wann. Ihre wackeren Eltern versorgen sie weiter so gut sie eben können.

Wir sind alle aufeinander angewiesen.

15 Kommentare zu “Rettung

  1. dass man ein Amselkind vor der Katze und überhaupt retten muss, versteht sich „von selbst“. Gibt ja nix Zarteres als so einen leichten pulsierenden Fedelball in der Hand zu haben. Auch wenn Selma jetzt mürrisch guckt: irgendwann wird sie doch froh sein, gerettet worden zu sein, und euch ein Abendlied singen. Und, wer weiß, euch ihre Kinder vorstellen.

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