im Garten mit Isabel

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Herzklopfen als ich vor dem Einschlafen sehe, dass die Schwester zwei Mal angerufen hat. Auch der Anwalt hat sich auf allen Leitungen und per Mail gemeldet und bittet um Rückruf. Angst kriecht mir den Nacken hoch. Der Bekannte prophezeit Schlimmstes, wahrscheinlich steht weiterer Psychoterror ins Haus. Kaum spricht er es aus, rauscht es in meinen Ohren. Schlechte Gedanken nach 17 Uhr tun mir nicht gut. In der Nacht lasse ich mich wieder von der monotonen Stimme Judith Hermanns beruhigen und am Morgen rufe ich den Anwalt zurück. Manches klärt sich, doch es bleibt anstrengend und emotional aufreibend und ich weiss nicht woher die Kraft nehmen. Stellvertretend für den seelischen Mühlstein schmerzt und puckert mein verletztes Knie.
Nach dem Telefonat greift bleierne Erschöpfung und Traurigkeit nach mir. Das Gefühl der Verlorenheit.

Nur zwei Stunden später meldet sich der zweite Anwalt in der anderen großen Sache. Er bittet um ein Gespräch am morgigen Tag. Worum es geht will er mir noch nicht sagen. Meine Nerven.

Morgen wird auch der hauseigene Handwerker kommen und mich vermutlich zu diesem und jenem unauffällig befragen, unterdessen schleicht seine Auftraggeberin, die Vermieterin ums Haus und begutachtet die Fahrräder. Meines wurde vor ein paar Monaten im Innenhof platt gestochen, als Einziges. Jetzt habe ich ein Herrenrad, zur Tarnung. Das kaputte Rad habe ich stehen lassen. Zuviel Kraft kostet mich dieser Nebenschauplatz, der unerklärliche Hass dieser fremden Person. Wohnraum ist teuer, Ich habe kein Geld um mir eine andere Bleibe zu suchen. Das weiss sie und sie genießt es.

Derweil springen die Kinder durch den Garten wie ungelenke Fohlen.
Ein paar Mädchen schieben sich abwechselnd in einem Buggy umher und spielen Familie. Andere haben sich unter dem todgeweihten Bambus versammelt und schütteln dessen nasse Halme, um die Tropfen auf sich herabregnen zu lassen. Sie lachen.

Die liebste Freundin schreibt mir eine lange Mail. Ich solle mir keine Sorgen machen, sie fühlt sich nicht von mir vernachlässigt. Ein paar Scans von alten Fotos schickt sie mit. Auf einem davon sitzen wir zu viert am Tisch, mein Bruder, dessen damalige Frau, die Freundin und ich. Vor mir ein Päckchen Zigaretten. Vorbei, vorbei. Der Bruder ist schon lange aus meinem Leben gegangen, seine Ehe wurde nach 2 rasenden Jahren geschieden, ich rauche nicht mehr. Die Freundin ist mir geblieben und das ist so wertvoll für mich. Doch auch um sie sorge ich mich nach ihrem Treppensturz. Seit sechs Wochen ist sie nun arbeitsunfähig und die Wirbelsäule knirscht gefährlich.
Die Fotos zeigen uns im Garten ihrer Eltern, wo wir unbeschwerte Sommertage verbrachten. Nachts schauten wir nach den Sternen und redeten. In der Entfernung das leise Rauschen der Autobahn, im Süden der dunkle Saum des Waldes.
Ich sehe mich an auf diesen Bildern und erinnere mich auch an meine kleine Wohnung damals. An die Zeit nach der Klinik, die Wochen nachdem meine Mutter verschwunden war und mein Vater so krank, an Domestos, das mir die Kehle heunterrinnt, an blutiges Erbrechen im Flur auf dem fleckigen Teppich liegend. Haltlos weinend ohne Trost.

Es stimmt nicht, dass früher alles schöner war. Damals lagen mehr Jahre vor mir, der Trichter war weiter und die Perspektive ging bis zum Horizont.
Heute ruht der Blick auf dem Boden vor meinen Füßen. Jetzt ist nur noch jetzt. Einatmen, ausatmen und nicht an das denken, was geschehen könnte, sondern bei dem bleiben, was gerade ist. Es bleibt trotz allem, was sich dunkel am Horizont abzeichnet immer noch mein Leben, das einzige, und das ist viel besser als gar kein Leben, als unterzugehen im Mittelmeer, zu sterben in einem sinnlosen Krieg oder an einer unerfüllten Sehnsucht.

 

 

 

 

 

 

Bild: petershagen, flickr, non non allez pas
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/ (Rahmen entfernt)

14 Kommentare zu “im Garten mit Isabel

  1. Ihr Text…. geht mir so nah, dass ich nichts kluges dazu schreiben könnte. Ich wünsche Ihnen einen Robin Hood an die Seite, der eh schon immer mein Lieblingsheld war, und beschließe, im nächsten Leben als gute Fee wieder zu kommen. Dann werde ich alle möglichen Wünsche erfüllen, mit Zauberstab wedeln und alles lösen, was der olle Robin nicht schafft 🍀

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  2. „Es stimmt nicht, dass früher alles schöner war. …..zu sterben in einem sinnlosen Krieg oder an einer unerfüllten Sehnsucht.“

    Das haut mich um. Hört sich jetzt vielleicht abgeschmackt an, aber du drückst genau das aus, was ich denke und nicht so gut sagen/ oder schreiben könnte.

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  3. Du weißt hoffentlich, wie gern ich deinen Blog lese – aber hier noch mal: Echt eine wunderschöne Ecke im Internet!

    Es tut mir umso mehr leid zu lesen, wie es da im Kreuzberger Hinterhof zugeht.
    Wann immer Probleme über zwei Menschen hinauswachsen und dann irgendwann beim Anwalt landet, fühlt man sich, als würden Herzangelegenheiten bürokratisch zerschreddert. Also, ich zumindest. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass, so schwer es auch ist, man üble Vergangenheiten von übler Gegenwart loslösen muss. Sonst fühlt man sich ganz zurecht als wäre da nichts als das Mittelmeer um einen herum. Weder bedingen noch helfen sie sich. So viel aus der Plattitüdenkiste. Abseits davon: Lass es dir gut gehen, du hast es verdient und der Rest kommt mit der Zeit von allein – nimm es von jemandem, der das vor Jahren noch wütend niedergeschrieen hätte!

    Mit allerliebsten Grüßen aus Wales
    Emily

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    • Danke, liebe Emily. Ich freu mich über Deine lieben, aufmunternden Worte.
      Die Vergangenheit von der Gegenwart zu trennen ist der eine große Schritt. Die Zukunft soweit es geht, auszublenden der zweite. Ansonsten bemühe ich mich zu tun was ich tue. Das gerät nur immer dann aus den Fugen, wenn von allen Seiten an mir gezerrt und gezogen und auf mich eingeteufelt wird.
      Heute scheint die Sonne. ich habe mir frei genommen und werde nachher im kühlen Wald verschwinden.

      Liebe Grüße ins schöne Wales!

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  4. Vielleicht einen Schnitt machen, wenn das Knäuel sich nicht mehr auflösen lässt? Vielleicht raus und weg? Da war doch ein Wald, ein Gebirge, ein See, der winkt. Die Erde ist groß und freundlich, größer als das Mittelmeer, das übrigens auch freundliche lichtvolle Küsten hat, die sich bewohnen lassen.
    Ich weiß, ich sollte den Mund halten. Liebe Grüße dir.

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    • Darüber denke ich viel nach. Über den Schnitt, die Flucht, den Neuanfang. Meine Familie bleibt immer meine Familie, da ist kein Entrinnen und meine gesundheitliche Situation, die Abhängigkeit von medizinischer Behandlung, die sich daraus ergebenden finanziellen Einschränkungen schränken meinen Handlungsspielraum ein. Stell Dir vor: ich spiele Lotto.

      Du solltest nicht den Mund halten. Auf gar keinen Fall, liebe Gerda. Danke für Deine Gedanken.

      Liebe Grüße

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  5. Ich schick dir meine guten Wünsche und alles Schlechte deiner Piesackerin.

    In letzter Zeit spiele ich auch manchmal Lotto, aber nur Mittwochs-Lotto. Weil ich ja nicht reich werden will, sondern nur von kleinen Fluchten träume, einer winzigen Fewo an der Ostsee zum Beispiel. Und es hilft ja manchmal, ein paar Tage weg zu fahren, Luft zu holen, bisschen Abstand kriegen.

    Ich radle jetzt in meinen Schrebergarten und lass mich von den Fröschen
    im Teich anstarren – unverwandt und furchtlos, sie halten mich wohl für ein Ungeheuer, aber ein recht interessantes.

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  6. Komisch, bevor ich deinen Beitrag las, dachte ich über meinen Onkel nach, der im Mittelmeer ertrunken ist, in einem sinnlosen Krieg, mit 21 Jahren in einem deutschen U Boot. Ja, wir dürfen uns freuen, dass wir leben, alt werden durften und Sorgen haben können.

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  7. ach, liebste tikerscherk, weißt du, was ich am liebsten täte? mich nachher, zur stillsten stunde der nacht, zu deinem rucksack schleichen und ein paar von den schwersten steinen klammheimlich raus nehmen und weg tragen, ganz weit weg …

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