Viel Gejammer und am Ende Helene Fischer (Arbeitstitel)

 

 

(youtube-Direktlink, Von Wegen Lisbeth, Wenn du tanzt)

 

Der folgende Text ist getragen von Selbstmitleid, Entzauberung und Niemand-hat-mich-lieb-Gequengel. Gentrifizierung und Touristenbashing kommen auch ganz kurz drin vor.  Die einzelnen Handlungsstränge basieren auf wahren Begebenheiten und auf echten Gefühlen.

Gegen Ende übernimmt aber meine innere Helene Fischer das Ruder und bietet der katastrophenmüden Leserschaft einen hoffnungsfrohen Ausblick auf ein besseres Morgen.

 

Eat this!, wie der Kieznekrotiker gesagt hätte:

 

Die Katze ist verdächtig anhänglich, ihre Pupillen groß. Der Hund fiept leise. Was haben die beiden bloß?

 
Die Vermieterin piesackt mich mal wieder. Baut Drohkulissen auf und versucht, mich einzuschüchtern. Sie möchte mich aus der Wohnung drängen, schon seit zwei Jahren, und hat aus verschiedenen Gründen schlechte Karten dabei. Ihre neueste Idee ist, mir die Tierhaltung zu verbieten, ebenso die Terrassennutzung, und nach dem Abholzen meiner Kastanie im Bottich warnt sie nun vor weiteren Zerstörungen. Ein klärendes Gespräch hat sie ausgeschlagen. Der Mieterverein wird sich darum kümmern, doch diesen Stress hätte ich trotzdem lieber nicht. Leider wohnt die Vermieterin im Haus und jeden Morgen, wenn ich sie die Weinflaschen der vergangenen Nacht in den Glascontainer werfen höre, zucke ich innerlich zusammen. Das mürbt.

 

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Meine Familie schweigt. Selbst der Kanzler spricht nicht mehr mit mir. Er ist ein alter Mann. Ich hoffe wir werden nicht so auseinander gehen. Ich befürchte wir werden so auseinander gehen.

 

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Der Bekannte ist von Haus aus ein Schweiger, er hat noch nie gerne gesprochen, am Wenigsten über sich. Außer zu Beginn, als wir uns kennen lernten. Da zeigten wir uns aus vollem Herzen wer wir waren oder was wir füreinander sein wollten. Mit den gebotenen Überzeichnungen und unter Einsatz geschickter Beleuchtung.

Der Bekannte verbringt seine Tage in der Bibliothek. Dort liest er und in den Pausen raucht er im Innenhof. Wenn er am Abend nach Hause kommt, räumt er seine Einkäufe in den Kühlschrank, macht sich ein paar Brote und liest weiter. Nachts, während mir ein Audiobook in die Ohren rieselt, höre ich ihn schwer atmen. Am Morgen ist er lange vor mir wach.

Hier und da plaudern der Bekannte und ich. Wir tauschen unsere Einschätzungen über das Weltgeschehen aus, kommentieren die voranschreitende Gentrifizierung mit ein paar alte-Hasen-Sprüchen und ich mit meinem Ureinwohnergehabe, wir bedauern den aktuellen Touristenbefall im Kiez und das lausige Wetter. Gerne kokettieren wir dabei mit unserer Lebenserfahrung und lachen oder lächeln süffisant.
Der Bekannte hilft mir bei juristischen Fragen, wie zum Beispiel der Abwehr der Vermieterinnenangriffe. Ich kann ihm bei nichts helfen, denn er teilt seine Sorgen nicht mit mir. Ansonsten lebt jeder für sich. Ab dem Frühjahr spazieren wir jeden Sonntag drei Stunden durch die Stadt und schauen uns Häuser an. Wald wäre mir manchmal lieber, aber der Bekannte hat für Chlorophyll und Vogelgesang nchts übrig. Er findet die Stille, die er braucht bei seinen Büchern.

Findest du mich schön?, frage ich ihn.
Nicht wenn Du so angestrengt guckst, sagt er.

Entzauberung hat mein Leben entzaubert. Das muss wohl so. Manchmal legt sich ein Blur darüber, ein weichgezeichneter Augenblick, doch insgesamt herrscht Sinnesflaute, daran ändert auch der zunehmende Zuckerkonsum nichts.
Es fehlt mir an Geborgenheit und vor allem an Musik.

 

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Ich vernachlässige meine Freunde.
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Wenn ich Zeit habe, schaue ich mir GIFs an und kleine Videos, überfliege ein paar Snippets hier und da. Blogs lese ich nur wenig. Der Alltag und meine körperlichen Malaisen (primärtraumatische Meniskusläsion links) nehmen mich so sehr in Anspruch, dass mir die Konzentration für alles andere fehlt. Auch deswegen kommt mir Twitter gerade recht. Zwitschern, scherzen und dann weiter arbeiten an der Lebensformel die endlich Ruhe und Glück bringen und meine Welt wieder in ein warmes Spätsommerabendgold tauchen wird.

 

 

Helene sagt:

Immerhin lässt sich die Sonne ab und an blicken und sobald ich draußen bin, unter freiem Himmel im Licht, fällt beinahe schlagartig alles von mir ab.
Den Hund muss ich zur Zeit zwar fast durchgehend tragen, so schwach ist sie. Doch wenn ich sie auf dem Rasen absetze, wedelt sie, markiert und scharrt und schnaubt vor Freude und legt auch mal einen kurzen Sprint hin, so leicht ist ihr zumute. Und dann denke ich, dass ich mir ein Beispiel an ihr nehmen sollte: einfach drauflosleben! Atemlos! Tanzen!

 

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(Bitte beachten Sie, dass das obige Video in meinem kleinen zauberhaften Kreuzberg spielt!)

 

 

22 Kommentare zu “Viel Gejammer und am Ende Helene Fischer (Arbeitstitel)

      • Verlassener Cyber-Krimineller mit Panzerfaust in den Augen, sehr böse, Dir aber immer noch zugetan. Ich bin’s, ich bin’s, auch wenn ich es mir seit drei Wochen jeden Morgen selber erklären muß.

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        • Verlassen hoffentlich nicht!
          Leben ist Veränderung. Panta Rhei. Weisste doch!
          Ich freu mich, dass Du mir noch zugetan bist, obwohl ich mich so wenig blicken lasse. Beruht auf Gegenseitigkeit. Aber das weisste ja auch.

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          • Ich hasse Veränderungen und diesen sogenannten Fortschritt. Niemals ist dabei etwas Gutes herausgekommen. Nur verlassen sein und Komik. Waterloo, Kursker Bogen, Belagerung von Sevastopol, Vietnam und all solche Dinge. Man sollte Katastrophen auf zwei oder drei pro Menschenleben verteilen und dann solche DInge wie »Es gibt kein Bier auf Hawai« oder »die Kondome sind alle!« beschränken. Irgend etwas überschaubares.

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    • Ich hab, glaub ich, noch nie ein ganzes Lied von Frau Fischer gehört. Ich schaff das einfach nicht. Geht nicht. Aber ich stelle mir vor, dass sie nach dem Konzert die Arme ausbreitet und ihre Fans segnet und alle geheilt und frohgemut nach Hause gehen.
      Ich freu mich, dass mein Gejammer Dir melancholische Berlinsehnsucht macht.

      (auf die Blogroll mit Dir!)

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    • Ich kann sie sehr empfehlen, die Helene. Als Birne, als Heilssouffleuse, wie auch als Typveränderung. Ich nämlich so: wehleidig und brünett, und sie so: lebensbejahend und blond.

      Ich danke Ihnen für die guten Wünsche!

      Gefällt 1 Person

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