Familiengeheimnis

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Sie hatten die Verwüstung, die sie anrichteten, billigend in Kauf genommen.

„Ihre Mutter wusste was sie tat.“

In meiner Vorstellung war es meine Mutter, die Schuld an allem trug, und ihre Handschrift war der aktenkundige Beweis dafür.

Wir haben nie darüber geredet. Nur ein Mal, vor ein paar Jahren, als er zu Besuch war, habe ich den Kanzler gefragt, warum er es zugelassen hat. „Warum hast du nicht eingegriffen?“Ich wusste es nicht besser“, hat er geantwortet und war meinem Blick ausgewichen. Es tat mir weh für ihn und für uns.

In meiner persönlichen Erzählung hat der Kanzler getan was ihm möglich war. Ich bin für dich da. Für mehr war er zu schwach und zu verstrickt.

Irgendwann habe ich den Gedanken aufgegeben Anzeige zu erstatten. Es hätte nichts ungeschehen gemacht. Zwei der vier sind bereits verstorben.

Manchmal weiss ich nicht mehr ob das alles wirklich stimmt. Zu unglaublich ist es, um wahr zu sein. Die Narben sind über die Zeit zu hellen Strichen verblasst.

Wir plaudern um nicht daran zu rühren, dünn der Boden auf dem wir spielen, und hinter allen Worten steht der dunkle Schatten dieser Schuld, des blutschweren Familiengeheimnisses.

Erinnerung an Schmerzen, an Angst, an Haltlosigkeit, an Verlust und Unwiederbringlichkeit. Tränen und Versteinerung.

Erinnerst Du Dich an Onkel R.?, fragt der Kanzler und mir weicht das Blut aus dem Körper. Ja, ich erinnere mich, sage ich in einem Ton, der ihn erst aufhorchen und dann verstummen lässt. In seinem Gesicht lese ich, dass auch er sich wieder erinnert. Sein Körper sackt zusammen.
Der Onkel, die Kollegen. Meine Mutter. Nun erinnern wir uns beide und schweigen.

Nur langsam kommt das Gespräch wieder in Gang.
Wie konnte er vergessen.

Du musst Verständnis haben für deinen Bruder, sagt der Kanzler und ich frage ihn, ob er auch Verständnis für mich hat. Hast du Verständnis für mich?

Doch er will nichts hören davon. Er wird mir nie verzeihen, was sie mir angetan haben.

Heute ist der erste Todestag meiner Mutter.
Manchmal denke ich, wie gerne ich sie noch zur Rede gestellt hätte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: bswise, Frantz, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

19 Kommentare zu “Familiengeheimnis

  1. Ja, auch ich hätte meine Mutter gerne zur Rede gestellt. Am Ende hatte sie alles vergessen. Selbst wenn sie gewollt hätte, wäre es nicht mehr gegangen. Alzheimer. Ganz böse. Agressiv. Ging alles schneller als gedacht.

    Ich empfand dies vom Leben sehr unhöflich, mich so zurück zu lassen.

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    • Meine Mutter hat die gleiche Ausfahrt genommen wie Ihre. Sie hat sich davongeschlichen in den Schutz der Demenz, an der sie früh erkrankte. Und dann ist sie gestorben ohne auch nur eine Frage beantwortet zu haben oder sich entschuldigt zu haben. Und selbst im Tod tritt sie noch nach.
      Sie haben Recht: das ist sehr unfein vom Leben. Aber das Leben ist eben eine Schlachtplatte.

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  2. An ein „blutschweres Familiengeheimnis“ wagt man als Außenstehender erst recht nicht zu rühren. Nur zwei Fragen: Von wem stammt das Zitat: „Ihre Mutter wusste was sie tat“ und was ist beweiskräftig an ihrer Handschrift oder meinst du damit ein Eingeständnis, das sie handschriftlich niedergelegt hat?

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  3. Und weil Familie nie verzeiht, was sie billigend in Kauf genommen hat, würde auch zur Rede stellen wenig bis gar nichts nützen. Ist ja nicht so, daß die Wahrheit™ irgendetwas am familiären Nie-Verzeihen ändern könnte. Weil: Schuld und gut gepflegte Lebenslügen sind stabiler als Fakten und als das sprichwörtlich dickere Blut. <-Das macht zwar eine vermutlich unauflösliche Verbindung, aber nicht notwendigerweise eine empathische. Empathie ist eine freiwillige Entscheidung (und die ist das Äußerste, was mir an Eltern-Ehren möglich ist: mir aus deren Biografie zu erklären, wie das alles passieren konnte).

    Ich weiß auch oft nicht, ob das alles wirklich stimmt. Dazu ist es zu monströs und ich weiß auch um den Unterschied zwischen Wahrheit und Wahrnehmung und um die sich zur Heilung notwendig verändernden Erinnerungen. Zweifel an der eigenen Wahrnehmung sind eine Art Narbenjucken. Alles Liebe und Grüße, Sie wissen auch, was Sie tun und Sie machen das gut!

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      • Ach, zur Macht der Schuld reicht schon die de-Maziéresche christliche Prägung im heimischen Kulturkreis.
        Aber ist es nicht eigentlich irre, wie wenig das Konzept der Ent-Schuldigung verstanden wird, daß darum gebeten werden muß, wem das nützt und noch lange nichts mit Sühne zu tun hat, sondern allenfalls der Beginn eines Täter-Opfer-Ausgleichs ist?

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        • Mit Täter/ Opfer betreten wir ein gefährliches Terrain voller Sprengstoff, wie wir neulich erleben durften.
          Ent-Schuldgung gibt es sowenig wie Wiedergutmachung (allein das Wort, eine kaltschnäuzige Anmaßung!).
          Gesehen zu werden wäre der erste Schritt. Der zweite wäre versuchen einen Ausgleich zu schaffen, Versöhnung anzustreben. Doch das wird nicht sein, weil die Schuld zu groß ist.

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          • Doch das wird nicht sein, weil die Schuld zu groß ist und weil das Hegen und Pflegen von Lebenslügen einfacher erscheint als Sehen, Reue, Bitte um Entschuldigung, Versuch von Ausgleich und Versöhnung.

            Welches gefährliche Terrain voller Sprengstoff meinen Sie im Speziellen? Daß aus denen, die mal zu Opfern gemacht wurden, später auffällig oft Täter werden, ist ja eine Binse.

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            • Sie haben Recht. Doch ich nenne es Lebensillusion, denn sie wissen es wirklich nicht mehr. Sie leugnen es nicht einfach, sie haben es völlig verdrängt und wollen nicht mehr daran erinnert werden.

              Ich meinte die Täter/Opfer/Erlebende Diskussion, die aus guten Gründen hochemotional geführt wurde. Doch wenn der Ton zu scharf wird muss ich mich raushalten.

              (Die Geschichte, die ich hier zu erzählen versucht habe, handelt von Machtmissbrauch und roher Gewalt)

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              • „Sie wissen es wirklich nicht mehr.“ Ja, das kann sein. Sie haben es so erfolgreich verdrängt, dass es ihnen selbst absurd erscheint. (Hochemotionale Diskussionen vertrage ich auch nicht mehr gut, deshalb musste ich mich aus manchen feministischen Kreisen auch zurückziehen.)

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  4. Ich habe meine Mutter immer lauthals angeklagt und meinem Vater und der Familie die Freundschaft entzogen. Ich finde immer, die könnten ja wenigstens mal zuhören, das ist so das mindeste, was doch gehen muss. Geht aber wohl nicht immer, und nicht immer aus Bösartigkeit. Ich fühle mich zwar „im Recht“, das macht allerdings einsam und kaufen kann ich mir dafür irgendwie auch nix. Jede und jeder gibt vielleicht das Beste, was sie können.

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  5. Diese Geheimnisse gibt es fast in jeder Familie – vermutlich gehören sie zum Menschen. Mir haben nun in dieser Woche zum dritten mal Vögel und Katzen ausgerissene Flügel von Kleinvögeln in den Garten und auf den Balkon gelegt, den Torso haben sie mitgenommen. Wollten sie mir etwas bringen? Dafür habe ich die kleinen Vögel nicht den Winter durchgefüttert. Die grausame Natur wohnt weiter in uns.-

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