Im Unterholz

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Wird´s regnen, Treiber?
Ja, auf dich.

Bestform heisst das Ziel. Für den Hund, für mich und die Katz´.

Zweifel ist etwas ganz anderes als fehlende Hoffnung, so lerne ich,  geistesgeschichtlich betrachtet. Hoffnung ist ein christlicher Begriff und hat, auch dann, wenn sie fehlt,  nix zu tun mit der pyrrhonischen Skepsis.

Eins weiss ich ganz genau: so stringent und geschichtsaufgeladen werde ich nie denken.

In other words.

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Samstags kommt der Arzt zu Besuch. Ein ganz besonderer Service. Als ich ihn google  im Internet suche, stelle ich fest, dass er der Neffe eines bekannten Mannes ist. Ein Name, so ähnlich wie Uhlenbusch, doch die Sendung kam Sonntags, wie auch die Waltons am Tag des Herrn über den Bildschirm flimmerten. Mein frühkindlicher Weltschmerz, ausgelöst durch John-Boy und den Briefträger Heini, zog sich bis weit in die Adoleszenz hinein. Selten, ganz selten ereilt er mich auch heute noch in dieser Wucht. Je verhangener der Himmel, umso besser stehen die Chancen.

Der Arzt und ich trinken Cappuccino. Wir reden über die Hunde, seiner, ein Teckelchen, ist bereits 19, und über Smartphones. Stell Dir vor, 920 Bilder pro Sekunde! Man kann einen Tropfen zerplatzen sehen. Am Liebsten fotografiert er frisch gezapfte Biere. Ich betrachte die Galerie und versuche mich zu erinnern wie lange mein letztes Hopfengetränk zurück liegt. Fünf Jahre? Für die Weiterbehandlung der angschlagenen Katze gibt er mir gute Tipps. Budesonid statt Decortin, wirkt wo es soll und hat weniger Nebenwirkungen.
Gegen Ende unserer Unterhaltung macht er mir noch ein schönes Kompliment:  Du hast eine so aufrechte Wirbelsäule, weil Du ein Mensch mit Haltung bist.

Ich glaube er färbt die Haare.

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Der Kanzler hat sich für das nächste Wochenende angemeldet. Aus dem Familienfundus wird er ein Kindertagebuch mitbringen, geschrieben zwischen 1914 und 1918. Ein guter Grund sich Sütterlin anzueignen. Wer weiss, wofür ich das noch gebrauchen kann, in unserer gläsernen Zukunft. Früher nutzte ich die kyrillische Schrift um Geheimnisse für mich zu behalten. Sowas wie: Эрик, я люблю тебя oder Панк не умер

Russisch hatte ich überhaupt nur belegt, um meine Familie zu brüskieren. Die DDR-Fahne in meinem Jugendzimmer  diente dem gleichen Zweck. Doch meine Eltern scherten sich nicht darum. Sie hatten genug mit sich selbst zu tun und ihr Erziehungsstil pendelte zwischen autoritär und laissez-faire, je nachdem, wie es um ihre Ehe stand.

Ein Besuch beim Großwesir-Patenonkel, gleiche Zeit,  kommt mir in Erinnerung. Villensiedlung auf dem Bad Vilbeler Heilsberg. Ich habe mich abgesetzt und stehe rauchend im Wald, Beedies. Mein Halstuch ist getränkt mit Patchouli. Ich trage  ein schwarzes Nadelstreifjackett über löchrigen Bundeswehrhosen, dazu Herrenschuhe aus den 60ern, die aussehen wie Krieg und Kartoffelschalen-kochen. Meine Cousinen, alle 5 blond, sind die lieblichsten Wesen der Welt. In leichten Kleidchen springen sie durch den Garten. Sie legen eine Amsel in ein Grab. Die 100ste,  die ihr Leben an den riesigen Panoramascheiben der marmornen Villa verloren hat.
Auf der heißen Milch am Abend schwimmt Haut. Ich habe Angst, dass meine Eltern sterben und ich fortan bei der Großwesirs-Familie leben muss.

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Das war früher. Heute kostet 1 Liter  Druckertinte, abgefüllt in Epson-Patronen,  7.998 Euro, erhältlich beim Mediamarkt in Berlin-Steglitz.

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(Quelle: deppenklatsche, twitter)

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Heute erhalte ich von der abgelehnten Bewerberin eine Hassnachricht, die ihresgleichen sucht. Einmal im Strahl auf die Tastatur gekotzt und anschließend auf Senden gedrückt. Heiße Wut quillt aus dem Display, direkt auf meine Hände. Das macht mir etwas aus, auch wenn es nicht sollte. Ich hab Respekt vor dem entfesselten Furor einer Gekränkten.

 

 

 

Bild: Cloudtail the snow leopard, tiger im unterholz, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

27 Kommentare zu “Im Unterholz

  1. „alle 5 blond, sind die lieblichsten Wesen der Welt. In leichten Kleidchen springen sie durch den Garten.“ etc. – sehr eindrücklicher Absatz!

    (In der Schwimmbadvilla der hiesigen Tante die kleinen altrosa Landschaftsszenerien auf dem englischen Teegeschirr, in die hinein ich mich immer verlor verguckte nach innen davonstahl. Oder ins Persermuster der dicken Teppiche – dann doch auch lieber bei den eigenen Eltern, zumindest im Vergleich. Die hiesige bzw. dortige Cousine Nr.1 brannte dann mit einem Seemann durch und befuhr die Weltmeere, die Cousine Nr.2 freite den Postboten. Beides wurde nicht gern gesehen.)

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    • Mit einem Seemann würde ich auch gerne durchbrennen!

      Die blondeste meiner 3 Cousinen wurde übrigens ein gut gebuchtes Unterwäsche-Model und ehelichte später ihren Skilehrer. Heute betreiben sie ein Hotel.
      Die zweite heiratete in eine Wurst-Dynastie, die dritte wurde Tierfreundin.
      In der Villa gab es auch ein Schwimmbad. Wenn das Unterwäsche-Model ins Wasser sprang, stand ihr Vater daneben und strahlte vor Glück. „Sie hat Zähne wie Perlen“, sagte er einmal.

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      • Herrlich. Gern mehr davon, mir fallen dann sicher auch noch eine Menge Familiensachen ein (z.B. die – keine Ahnung wie ich mir der eigentlich verwandt bin – die H., stellen Sie sich einfach Paris Hilton mit 40 vor: im weißen Bentley mit abartiger Geschwindigkeit zum Friseurtermin unterwegs, von der Polizei angehalten. Sie aufs Äußerste empört zum Polizisten: „Wissen Sie denn eigentlich WER ICH BIN??“). Meine Güte … ich denke jetzt mal lieber nicht weiter über Familie nach geschweige über mich selbst und wünsche einen guten Sonntagabend und alles Gute für Ihre Tiere!

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        • Über die entferntere Verwandtschaft nachzudenken macht mir nix aus. Mondäne Familienmitglieder mit überdurchschnittlichem Selbstbewusstsein haben doch einen hohen Unterhaltungswert. Mir fällt bestimmt noch mehr ein- danke für Anregung und Zuspruch und einen schönen Abend Ihnen!

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  2. Bei uns kam letzthin eine Bewerbung von jemand, der im Falle einer Ablehnung das Recht zu einem Faustkampf mit einer am Bewerbungsprozess beteiligten Person forderte. Witzbold, Wahnsinniger oder Jemand, der vom Amt gezwungen wird, 30 Bewerbungen im Monat zu schreiben? Die Grenzen sind fließend.

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        • Das scheint bei den jetzigen Twens fast schon gang und gebe zu sein. Die 22jährige, die für wenige Monate bei uns gearbeitet hat, hielt es auch für absolut normal, dass alle nach ihrer Pfeife tanzten. Vor allem die männlichen Kollegen. Sie drückte sich bei jeder Gelegenheit vor der Arbeit und ließ andere ihre Aufgaben erledigen. Da ich ihr das aber nicht durchgehen ließ, blies sie offiziell zur Hexenjagd auf mich und denunzierte mich bei den Kollegen, weil ich ihr schier unmenschliche Aufgaben abverlangte. Sie hatte in wenigen Wochen alle Männer hinter sich gebracht und ich durfte als einzige weitere Frau in dem Bereich ein halbes Jahr Spießrutenlaufen.

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          • Klingt sehr unangenehm. Ich hoffe das Verhältnis zu den Kollegen hat sich inzwischen wieder entspannt.

            Bei dieser Frau waren wir uns alle einig: wir wollten sie nicht im Team haben.
            Erschreckend finde ich, dass solche an sich professionellen Beziehungen derart persönlich werden müssen.

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    • Ich nehme an der Bewerber bekam keine Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch? :)

      Auf eine Stellenanzeige hin schrieb vor einiger Zeit eine Frau, die erklärte wie geeignet sie für die Stelle sei, und dass sie wirklich sehr gerne bei uns arbeiten wolle, dass sie aber leider nicht genug Zeit habe, auch wenn sie in ihrem anderen Job reduzierte. Unser Job und der andere würden sie vollkommen überfordern. Deswegen müsse sie leider absagen.
      Ich schrieb ihr zurück, dass sie sicher die richtige Entscheidung getroffen habe und, dass niemandem gedient sei, wenn sie über ihre Grenzen hinweg ginge.

      Ich habe viel über die Frau nachgedacht. Vielleicht hatte sie soviele Absagen einstecken müssen, dass sie auch mal eine schreiben wollte.

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  3. Deine Betrachtungen über die Hoffnung finde ich sehr interessant. Bei den Buddhisten ist Hoffnung sogar ein äußerst negativer Begriff. Man soll im Hier und Jetzt glücklich sein und nicht in Träumen und Hoffnungen herumirren. Na ja, dazu gibt es eben sehr unterschiedliche Vorstellungen.
    Deine Kindheitserinnerungen sind immer so eindringlich und plastisch beschrieben. Lese ich sehr gerne.

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    • Das sind gar nicht meine Betrachtungen. Es ist eher der Versuch eine Unterhaltung mit dem Bekannten dazustellen. Da redet sich nicht so einfach über Hoffnung, ohne dass er einem die gesamte Geschichte hinterher trägt und einem damit das Wort im Munde herumdreht.

      Schön, dass Du meine Familiengeschichten gerne liest. Rückblickend ist auch für mich manches interessant daran.

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  4. Diese Waltons- und Uhlenbuschwelten haben mich auch lange verfolgt. In mein naives Kindergemüt hat es sich eingeprägt, dass es anderswo eine heile Welt gibt, eine Zuflucht. Nur ich darf da nicht mitspielen, bei meiner Familienbesatzung hat man die falschen Schauspieler gewählt.

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    • Merkwürdigerweise hat mich diese verklemmte und herzensgute Waltons-Welt eher bedrückt. Die Abgeschiedenheit in der sie lebten, diese belatzhosten Männer mit den freundlichen Gesichtern, dieser ganze frömmelnde Konservatismus, der da aus jedem Satz triefte. Ich war ein Stadtkind durch und durch und dazu schien zu gehören, dass die Schauspieler in meinem Film exaltierte, überzüchtete Rennpferde waren, die bei der leisesten Irritation hochgingen, wieherten und auskeulten.

      Zum Glück darf man sich irgendwann seine eigene Familie zusammensuchen.

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  5. Hoffnung ist ein christlicher Begriff
    Und Pandoras und ihre Plagen-Box, aus der nur die Hoffnung nicht entweicht, bevor sie wieder geschlossen wird? Weil Hoffnung oft als Möhre vor der Eselnase dient, kann man sie schon auch als Plage verstehen. Anders als die Zuversicht.

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    • Der Bekannte sagt, dass das griech. Wort Elpis nicht Hoffnung sondern Erwartung bedeutet. Und es ist Elpis, die in der Büchse der Pandora bleibt.
      Die Möhre vor der Nase ist doch eigentlich jede zukunftsgerichtete Handlung innerhalb dieses endlichen Lebens. Hat man sich erstmal darauf eingelassen, kann es gemütlich werden im Hamsterrad.
      Ich gebrauche Zuversicht und Hoffnung synonym. Aber was weiss ich schon…

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      • Das finde ich interessant! Kann denn Elpis aka Erwartung die Welt tatsächlich weniger trostlos machen als sie mit den ganzen Plagen aus Pandoras Büchse ist?
        Erwartung und ein bißchen auch Hoffnung verstehe ich als auf etwas Konkretes gerichtet, während ich mir Zuversicht als eine Grundhaltung vorstelle.
        Aber ich weiß auch nix.

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        • Ich würde es ebenso verstehen wie Du, wenngleich die Grundfrage eine ganz andere war. Der Bekannte hat mir noch so einiges erklärt dazu, was mir auch einleuchtete, zumindest auf der ideengeschichtlichen Ebene. Inhaltlich bleiben die Differenzen diegleichen, wenn nicht sogar dieselben, wat weeß icke.

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  6. Ich stelle mir vor, dass das Wissen um historische und philosophische Implikationen solch existentieller Begriffe wie Hoffnung, Erwartung etc. nicht nur den eigenen Horizont erweitert sondern auch hilft, mit dem eigenen Schicksal besser klar zu kommen; indem man die eigene kleine Existenz an das große ideengeschichtliche Ganze anbindet und sich so ein Stück weit „aufgehoben“, vielleicht sogar „angenommen“ fühlen kann. Was ich dann aber hier gelegentlich über das Nervenkostüm Deines Bekannten lese scheint diese Theorie eher zu widerlegen…

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