sans souci/ sorgenfrei

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An einem sehr heißen Tag waren wir zusammen in den Treptower Park gegangen. Stundenlang hatten wir auf der Wiese gelegen, auf das träge vorbeifließende Wasser und die Halbinsel Stralau geschaut. Wir hatten geplaudert, geraucht und an unseren Bierflaschen genippt. Hin und wieder kam ein Ausflugsschiff vorbeigeschippert, die MS Sanssouci oder die Monbijou. Oben auf dem Sonnendeck saßen Touristen und winkten den am Ufer Liegenden zu. Wir wedelten und winkten wie wild mit unseren Beinen zurück und die Touristen machten Fotos. Dit is Balin. Im Kielwasser der Schiffe schaukelten Tretbootchen neben Stockenten, ab und an brauste eine Motoryacht vorbei und schob einen Kranz weißer Gischt vor ihrem Bug her. Lastkähne kreuzten tutend und alle halbe Stunde tauchte das feuerrote Wasserflugzeug am Himmel auf, um weiter hinten in der Rummelsburger Bucht zur Landung anzusetzen. Bald würde es zu seinem nächsten Stadtrundflug starten.
Es war drückend heiß, die Luft feucht und im Osten bildeten sich schon die ersten Wolkengebirge. Das zweite Bier hatte mich rammdösig gemacht. Ich schloss die Augen und lauschte dem Murmeln der beiden anderen. Ab und an lachten sie leise, dann war es eine Weile ruhig.
Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen oder ob ich bloß gedöst hatte. Wahrscheinlich war es das Gickeln und Grunzen neben mir, das mich weckte. Bestimmt kitzelten sie sich gerade gegenseitig. Langsam öffnete ich das linke Auge und blickte in den Himmel, der dräuend über uns hing. In der Ferne grollte es ganz leise und es klang wie entferntes Möbelrücken. Ich dachte an den Nachbarn, damals in Frankfurt. Nacht für Nacht hatte er schwere Gegenstände, vielleicht Klaviere oder Schrankwände, durch seine Wohnung geschoben und ich war ihrem Weg durch die Räume mit den Ohren gefolgt. Am frühen Morgen, wenn die ersten zur Arbeit gingen, hörte er auf damit. Ich dachte viel über den Mann nach, der, begegnete man ihm im Treppenhaus, einen ganz normalen Eindruck machte. Vielleicht hatte er einfach Schlafstörungen, oder er war Inneneinrichter mit einem schlecht ausgeprägten Vorstellungsvermögen. Möglicherweise  war er auch einfach nur einsam und traurig. Der Gedanke hatte eine so ungünstige Wirkung auf meinen gerade erwachenden Geist, dass ich ihn schnell beiseite schob. Neben mir lachte es noch immer leise. Ich öffnete nun auch das zweite Auge und drehte den Kopf. Von rechts schob sich eine dunkle Wolkenfront heran. Es würde bald regnen.

Während die Kolumbianerin sich noch über meine zielsichere Wetterprognose wunderte und auf dem Rücken liegend weiter in den Himmel starrte, hatten B. und ich uns bereits aufgerappelt und klaubten rasch unsere Sachen zusammen. Nachlässig stopften wir alles in die Rücksäcke und schauten hin und wieder zu der Baumgruppe hinter der Wiese, deren Wipfel auf einmal vollkommen regungslos in der schweren Luft standen. Auch die Vögel waren verstummt.
Est war inzwischen so schwül, dass uns bei jeder Bewegung der Schweiß herunterann. Auf meiner Oberlippe sammelte sich Wasser. Kaum waren wir fertig und hatten auch die letzte Kippe eingesammelt, fingen die Kronen der Bäume schon an, sich hin und her zu wiegen. Ein leises Rascheln und Wispern war zu hören, das sich bald zu einem kräftigen Rauschen steigerte. Unterdessen verdunkelte der Himmel sich rasend schnell und die blauschwarze Walze hing bereits über der Insel der Jugend. Die silbrigen Blätter der Pappeln und Linden begannen kurbelnd und winkend im Wind zu flirren. Erste Böen kamen auf und fuhren in die Baumgruppen, die sich unter den jähen Stößen hin und her warfen wie ekstatische Tänzer. Das Grollen wurde lauter.
Staub wirbelte hoch und kreiselte über die fast ausgestorbenen Parkwege. Die letzten Radfahrer strebend geduckt in Richtung Puschkinallee davon. In der Ferne blitzte es vereinzelt. Wir legten einen Zahn zu.
Als wir beinahe schon am Hafen angelangt waren, brachen die ersten schweren Regentropfen aus der schwarzen Wand und platschten auf die staubigen Bäume, auf den Rasen, auf uns. Innerhalb von Sekunden hatte es sich eingeregnet, die Wiesen dampften und ein erdiger Duft hing in der Luft. Da blieb die Kolumbianerin ganz unvermittelt stehen, streckte beide Arme in den Himmel und stieß einen Jubelschrei aus.
Wir sahen sie an. Der Regen prasselte in Wellen auf uns herab und es hatte deutlich abgekühlt. Während wir uns noch bemühten extra flach zu atmen, damit der nasse Stoff nicht an unseren warmen Körpern festklebte, zog die Kolumbianerin erst ihr Shirt und dann ihren Rock aus und fing an zu einem inneren Takt zu tanzen.
Wir zögerten einen Moment. Dann legten auch wir die Rucksäcke auf die Erde, streiften unsere Kleider ab und taten es ihr gleich.

 

 

 

 

 

 

Bild: Mompl, flickr, Wasserflugzeug
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

 

 

 

25 Kommentare zu “sans souci/ sorgenfrei

  1. dancing in the rain…. Glück pur, das sich aus dem eher bedrohlichen Szenarium herausschält wie die Kastanie aus der stacheligen Hülle. Plopp ist sie da, die glatte glänzende Frucht.

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  2. Abgesehen von dem herrlichen Sommergefühl, den der Text vermittelt mußte ich bei der Stelle mit dem Inneneinrichter herzlich lachen… Jetzt weiß ich endlich, was über uns passiert. Danke!

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    • Ihr habt auch dieses Möbelrücken über Euch?

      Als ich die Geschichte schrieb, war ich geneigt, der Spur des Möbelrückers weiter nachzugehen und den Rest der Geschichte wie lose Maschen hinten runter fallen zu lassen. Ich habe mich dann aber doch für das Sommerglück entschieden. Dem Mann werde ich mich ein anderes Mal zuwenden.

      Schön, dass es Dir gefallen hat.

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  3. „Rammdösig“ – ich wüsste nicht, mit welchem Wort dieser entspannte Zustand besser zu erfassen wäre und doch bist du wahrscheinlich die erste, die es literarisch verwendet. Benutzen Berliner das Wort auch oder hast du es aus Frankfurt mitgenommen?

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