Ein Tag mit dem Bekannten

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Im Vordergrund: verräterische Tüte; im Hintergrund: Mitsouko

Heute fuhren der Bekannte und ich mit Tölchen zum Potsdamer Platz, wo ich in den Arkaden auf die Schnelle einen BH kaufte. Gleiches Modell, gleiche Größe wie (fast) immer. Danach rutschten und schlitterten wir gemeinsam durch den nahegelegenen Tiergarten, der in weißer Ruhe beinahe menschenleer dalag. Nicht einmal Radfahrer waren unterwegs und so konnte Töle hakenschlagend und schnaubend ihre Runden drehen, während wir über die Kälte jammerten und über den eiskalten Wind und dabei die Nasen hochzogen und froh miteinander waren. Ein fahles Grün, wie ein allerletzter Rest des Sommers,  glomm auf den kahlen Zweigen der Sträucher, hier und da schimmerte ein wenig rostrote Rinde hervor. In der Abwesenheit aller Farben und allen Lärms strahlte friedlich und weiß der Park. Ein kleines Glück, und wir mittendrin.

Auf dem Rückweg holte ich mir einen Cappuccino, besorgte bei Lindner unser Abendessen und anschließend setzten wir uns zum Aufwärmen in das Einkaufszentrum. Seit die Mall of Berlin schräg gegenüber ihre Pforten geöffnet hat, ist es ruhig geworden hier. Das jugendliche Publikum lungert inzwischen lieber drüben rum, wo es die richtigen Marken gibt, und die Arkaden gehören nun den Rentnern, die mit ihren Enkeln unterwegs sind. Eigens für diese Klientel wurde ein Lehrpfad in Form von gleißend erleuchteten Terrarien eingerichtet, in denen Bartagamen, Skorpione, Spinnen, Schlangen, Salamander usw. ausgestellt werden. Neben jeder Glaskiste steht eine Tafel, auf der die wesentlichen Merkmale und Besonderheiten der Tiere zusammen gefasst sind. Ich kann mir kaum etwas tristeres, verloreneres vorstellen, als Tiere hinter Glas in Einkaufszentren.

Um die schöne Stimmung des Nachmittags zu retten, und weil die Riesenvogelspinne beunruhigenderweise nicht in ihrem Terrarium sitzt, obwohl sie das sollte, dränge ich zum Aufbruch.
Der Bekannte macht noch einen Abstecher in die Bibliothek. Ich fahre unterdessen nach Hause. Vor der Haustür begegnet mir der Nachbar mit den großen blauen Augen. Hey, spricht er mich an, hast du neulich dein Paket noch bekommen? Der Bote wollte es einfach vor deiner Türe abstellen.
Ja, ist angekommen
, sage ich und sehe, wie der Blauäugige auf meine Tüte starrt, die ich mit beiden Händen vor dem Oberkörper trage. Kurz überlege ich, ob ich ihm auch gleich noch den BH zeigen soll, der in der Tüte steckt, verwerfe den Gedanken aber sogleich und verabschiede mich. Er lächelt überfreundlich.

Zuhause sauge und wische ich und als der Bekannte zurück kommt essen wir zusammen. Zum Nachtisch gibt es Schokokuchen, gebacken aus Mandelmehl.

 

(So schlicht und schön geht´s mitunter zu im Hause tikerscherk)

37 Kommentare zu “Ein Tag mit dem Bekannten

  1. Vielleicht finden die Tiere das ja ganz cool, im Einkaufszentrum abzuhängen. Immer nur Zoo oder Glaskasten bei depressivem Sonderling in der Wohnung ist ja auf Dauer auch nicht so toll. Bei Bartagame muß ich an die Schwestern von Marge Simpson denken…

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  2. Erinnert mich an eine Geschichte von dir, die ich neulich ganz unten in deinem Archiv fand. Damals warst du unterwegs im sommerlichen Berlin, auf der Suche nach dem einen, besonderen BH. Bist du genügsam geworden? 😉

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    • Es gab Kartoffelsalat süddeutsche Art, Pastasalat mit Gemüse (scharf!) und für den Herrn ein Schnitzel. Zum Nachtisch gab es den legendären Schokokuchen meiner Tante, aus Mandelmehl mit Marzipan. Im Anschluss sahen wir uns eine Dokumentation von Andreas Dresen an.
      Ein rundum gelungener Tag.

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  3. Ich hatte mal eine Kollegin, die immer von ihrem „Bekannten“ sprach, obwohl sie schon 15 Jahre mit ihm zusammen war. Das war 1982: Ich arbeitete nach der Ausbildung und vor dem Abendgymnasium als Angestellte bei der KKH in Frankfurt. Es gab dort noch keine Computer, die Sachbearbeiter kontrollierten kieferorthopädische Anträge oder rechneten Kurkosten aus anderen Währungen um. Es war die Zeit der „Kurlaube“, mindestens alle zwei Jahre machte der deutsche Arbeitnehmer zusätzlich zum Urlaub eine vierwöchige Kur – und kein medizinischer Dienst widersprach der Kostenübernahme.

    Ich hielt es nicht lange in dem muffigen Büro aus, das im damals schon schicken Steinweg lag, denn das Büro-Klima war extrem spießig. Jeden Morgen musste dem Abteilungsleiter von meiner Kollegin oder mir Kaffee gekocht und in sein kleines Büro gebracht werden. Die Kollegin war darauf bedacht, ihre herausgehobene Stellung als langjährige Mitarbeiterin nicht zu verlieren und ließ mich stundenlang Ablage machen in einer fensterlosen Kammer. Wollte man zur Toilette im Treppenhaus, musste man sich einen Schlüssel holen.

    Manchmal hatte die Kollegin aber Lust zu reden und erzählte vom Bekannten, der über ihr wohnte, jeden Tag mit ihr zu Abend aß, zwei Flaschen Wein leerte, am Wochenende mit ihr durch die Stadt bummelte und der Kollegin ab und an ein schickes Kleidungsstück schenkte.

    Nach ein paar Monaten habe ich gekündigt und bin zu einer großen Reisegesellschaft gewechselt, wo die Hälfte der männlichen Arbeitnehmer damals schon offen schwul war (Seereisenabteilung!).

    Da siehst du mal, zu welche langen Assoziationen das Wörtchen „Bekannter“ führen kann.

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    • Der Bekannte fand das nur so halb lustig, dass ich ihn so nenne. Er ist es aber gewohnt, dass ich mittelmäßige Witzchen mache und dann stundenlang darüber gickele.

      Ich mag das, wenn ein einzelnes Wort eine solche Kette an Erinnerungen nach sich zieht.

      Du hast auf dem Abendgymnasium Abitur gemacht? Erinnerst Du Dich noch an ein Graffito, das sich irgendwo in der Frankfurter Innenstadt befand (vielleicht auch im Nordend) auf dem stand

      Bullen: Hände weg vom Abendgymnsisi

      ?

      Ich krieg Heimweh von Deiner Geschichte, die eigentlich viel zu schade für den Kommentarbereich ist.

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      • Ich war auf dem AG Neu-Isenburg. Ja, an das Graffiti erinnere mich, aber nicht mehr an den Standort.

        Ich lache auch am längsten über meine eigenen Witze. Die ich natürlich lustig finde. Aber meine Tochter hat mich anlässlich des Besuches ihres neuen Freundes am Wochenende instruiert, ich solle bitte keine Witze machen, weil „Da lachst nur du drüber“. Sowas höre ich nach 15 Jahren aufopfernde Aufzucht.

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        • Ich wette Deine Witze sind sehr lustig.

          Die Tochter wird jetzt vermutlich ein paar Jahre durchmachen, in denen sie sich geniert, und dann wird sie anfangen Witze zu erzählen, über die sie selbst am meisten lacht.

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  4. Ich kenne wenig trostlosere Orte als Einkaufszentren, und habe mich immer gefragt, wer sich da wohl freiwillig reinsetzt. Dein schöner Text erschließt immerhin ihre Tauglichkeit als Wärmestuben (wobei herumlungernde Sheriffs wahrscheinlich sehr genau darauf achten, wer sich da aufwärmt). Dass sie sich schon mit „Lehrpfaden“ aufhübschen müssen um Kundschaft anzuziehen zeigt mir, dass ihre Zeit wohl auch schon dem Ende entgegen geht. Ihre übrig bleibenden Ruinen wird eines nicht mehr fernen Tages dann Amazon besetzen. (Tschuldige, dass ich Deinen zarten Text so negativ kommentiere, aber ich dachte spontan beim Lesen, in Abwandelung des Kestnerschen Wortes Wo bleibt denn hier das Positive: wo bleibt denn hier die Katastrophe?)

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    • Ich glaube nicht, dass die Zeit der Einkaufszentren vorbei ist. Die Leute scheinen das zu mögen bei Kunstlicht und schlechter Luft zu flanieren, gemeinsam Kaffee zu trinken und ihr Geld zu verpulvern. Tja.

      Um meine strapazierte Leserschaft zu entlasten und um einfach mal andere Pfade einzuschlagen, dachte ich, dass ich mal eine Weile, 2 Wochen vielleicht, meine Tageserlebnisse verblogge.
      Deinen Kommentar empfinde ich nicht als negativ. Ich stelle mir ja auch jede denkbare Apokalypse vor und male mir Untergangsszenarien aus. Liegt in meiner Natur und hat etwas entlastendes, wenn es dann doch ganz anders und weniger schlimm kommt.

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  5. mir begegneten neulich ein paar tiere, die vermutlich noch verlorener waren (vermutlich auch de facto vergangenheit inzwischen) als die verglasten Existenzen im einkaufszentrum…
    im futterhaus, wo der mann und ich schweinchenzubehör besorgten, zirpten in engen plastikkistchen futtergrillen vor sich hin: der sound süditaliens an einem heißen sommertag, eingezwängt zwischen pappe und frissmich-etikett. das hat mir fast das herz gebrochen.

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    • Oweh. Das habe ich auch schon erlebt. Wunderbar sommerliches Zikadenzirpen und wenn man sich umschaut findet man Dutzende der armen Tiere eingesperrt in eine Plastikpackung. Am liebsten hätte ich sie allesamt gekauft und ausgesetzt. Dann aber dachte ich, dass das die draußen bestimmt jede Menge Schaden anrichten und habe traurig den Baumarkt (Hellweg am Ostbahnhof führen sowas) verlassen. Schnief.

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    • Yeah!
      Ich erfülle hier im Blog doch vor allem die Erwartungen der Leserschaft. Ihr wollt mich leiden sehen? Bitte schön!

      In Wahrheit (hihi) lebe ich ein Leben voller Liebe, Leichtigkeit und Lust. Ab und an sauge ich mir ein paar Katastrophen aus den manikürten Fingern und erlebe in der reinen Imagination die einzigen Täler meiner privilegierten Existenz. Hach.

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            • Absolutely. Ich tendiere zwar immerzu dazu zu denken, dass das Glas schon halbleer ist, aber dann kommen meine zauberhaften Freunde und schenken nach und immer wieder und noch mehr, und plötzlich merke ich, dass das Leben zwar mitunter ein Knüppel-aus-dem Sack ist, aber eben auch ein Tischlein-Deck-Dich. Märchenhaft.

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                  • Ist das nicht nur so, wenn man noch am ersten teil festhält? Zum ersten gehört das wachsen. Zum zweiten das verdorren. Eine intrinsische Sache abzulehnen kann nur zu Beschwernis führen. Nicht oder?

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                    • So ist es. Festhalten an dem was man kennt, um dann vorsichtig einen Fuß nach vorne zu setzen und zu schauen ob der Boden trägt. Wenn er trägt, lässt sich auch irgendwann das Tanzbein schwingen. Schwierig ist dann erst wieder der Sprung über die Klippe. Ins mutmaßliche Nichts.

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                    • Jeder Schritt ist ein solcher. Wer sagt dir, das der nächste trägt? Oder der Boden beschließt sich zu verschlingen?
                      Gut der gesunde Menschenverstand lässt da gewisse Vertrauensfragen schneller beantwortet … aber letztlich köchelt es doch darauf hinunter. Alles ist sicher oder nichts. Jener letzte Schritt kann immerzu erfolgen. Vertrauen wir also oder zweifeln wir?

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                    • Du meinst wohl mitten im Tode von Leben getragen! Sieh es wie immer (bei mir in solchen Momenten) als eine Formulierung der Befreiung und nicht der Hoffnungslosigkeit.

                      Ich sitze im Zug, esse Puddingbretzel und fahre meinen Sorgen entgegen. Auch nen Plan, eh?

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                    • Mein Bekannter ist eher ein naher Bekannter, obwohl er weit weg wohnt.
                      Das Zuahuse lässt Dich verstummen? Dann brauchst Du vielleicht Tapetenwechsel? Oder ist das Verstummen ein zenmäßiges Schweigen?

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                    • Tapeten habe ich nie. Immer nur putz uns gestrichen. Das geht leichter. Aber nein, das ist s nicht. Auch kein cenmäßiges schweigen.
                      … vielleicht das schweigen der Lethargie? Eh. Schwer darüber zu schreiben ohne pathetisch zu klingen.

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