Abschied

Zum Abschied legt der Onkel den Arm um mich und küsst mich auf die Stirn. Falls wir uns nicht mehr sehen, wünsche ich dir ein gesegnetes Leben, sagt er.
Es dauert einen Moment, bis ich verstehe. Wir sehen uns aber bestimmt noch mal!  Meine Augen brennen und ich küsse ihn auf die Wange. Ganz weich ist seine Haut. Darunter stachelt der rote Bart und riecht würzig wie zu Kindertagen. Er lächelt milde.

Ich denke an die Tante, die wir heute beerdigt haben.
Daran, dass sie den kurzen Moment, als ihr Sohn das Zimmer verließ, damit man ihr Bett richten konnte, nutzte um zu gehen. Mit einem letzten Ruck hat sich die Seele von ihrem Körper gelöst und ist, noch ehe sie sich wundern konnte, wie ihr geschah, verpufft.
So stelle ich es mir vor.

Sie werden sterben. Einer nach dem anderen. Und es gibt nichts dagegen zu tun. Wir können es nur aushalten und nachrücken, auf diesem endlosen Laufband, das uns Stück für Stück nach vorne trägt.

Es ist Freitag, die A2 ist voll, ein LKW nach dem anderen rollt schwer beladen in Richtung Westen.
Schneeregen fällt und immer wieder stockt der Verkehr. Ich versuche den Verkehrsfunk einzustellen, doch es läuft nur Dudelmusik. Ich mache das Radio aus.
Die Wischer jagen mit ihren langen Armen unermüdlich den zerplatzenden Flocken hinterher und fegen sie mit einer entschlossenen Bewegung von der Scheibe.
Auf den Seitenfenstern hat der Fahrtwind das Wasser zu einer zuckenden Tropfenkolonne zusammengedrückt. Langsam  ruckelt der schmale Streifen Richtung Heck, bis der erste Tropfen in der Reihe abreisst, auseinanderstiebt und davongetragen wird. Unablässig folgen neue nach.

Von rechts zieht ein weißer Golf an mir vorbei. Dental Scherz steht auf der Fahrertüre. Namen gibt´s. Ich nehme mir vor, später nachzuschauen, was die Firma genau herstellt oder vertreibt.
Alles hat man in kürzester Zeit herausgefunden, denke ich. Früher war mehr Geheimnis. Man bewahrte die Eindrücke in seinem Inneren, ging nur manchen nach und auch das oft nicht gründlich und mit der Zeit verwoben sie sich miteinander zu einer Welt aus Gespinst, Ahnung, Mutmaßung und Wissen. Zu einem verschneiten Wald, durch dessen stilles Unterholz ein Eichhörnchen huscht.

Die Trauerfeier findet in einem Landgasthof statt. Erbaut aus rotem Backstein, sind die Räume bis auf Brusthöhe dunkel vertäfelt, ein paar schlicht gerahmte Faksimiles hängen auf den weißen Wänden darüber. Hinter uns züngelt ein Kaminfeuer. Mir wird angenehm warm.

Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen, fragen wir uns. War es bei der Hochzeit von J. oder der von C. Gibst du mir deine Telefonnummer. Wir müssen uns wirklich mal treffen. Nicht erst zur nächsten Beerdigung.

Der Restaurator- Cousin, ein baumlanger Mann, ist mit seinem Königspudel, einem großen schwarzen Tier, angereist. Stell dir vor, sagt die Schwester, er nimmt ihn jeden Sonntag mit in die Kirche und wenn das `Vater Unser´ beginnt, steht der Hund als erster auf. Wir lachen.
Ich bitte sie, mir ein aktuelles Bild von ihren Söhnen zu schcken. Sie zeigt mir eines in ihrem smartphone und sendet es dann. Als ich später nachschaue, finde ich anstelle der beiden Neffen diese traurigen Gesellen:

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Der Patenonkel tritt an unseren Tisch heran, stützt sich mit einer Hand auf meine Stuhllehne und ich spüre, dass er zittert. Ich habe Parkinson, sagt er, wie zur Erklärung, doch der Internisten-Cousin fragt ihn nach seinem winzigen Abzeichen am Revers. Das ist vom Rotarier-Club, antwortet der Onkel und kommt sofort ins Erzählen. Eines der Club-Mitglieder, ein Katholik, so berichtet er, sei derart großzügig, dass er jedes Jahr ein enormes Vermögen für schwachsinnige Kinder spende. Vorbildlich!
Meine Schwester wirft mir einen Blick zu. Ich lächle. Die Zeiten sind vorbei, ich werde ihn nicht zurechtweisen.
Ich fühle mich Zuhause bei diesen Menschen, geborgen. Der Schoß der Familie.

Als der Onkel dem Kanzler einen Mann vorstellen möchte, winkt der Kanzler ab. Ich weiß doch wer Sie sind. Erstes Semester Medizin in Göttingen, sagt er. Dann nennt er Vor- und Nachname des Mannes und fragt diesen, ob sie sich duzen wollen. Selbstverständlich!
Angeregt unterhalten die beiden sich über früher und heute und bald schon tauschen sie Handynummern und e-mail-Adressen aus.
Er hat von uns allen das beste Gedächtnis, raunt mir der Onkel bewundernd zu und ich spüre, wie kindlicher Stolz in mir aufsteigt. Mein Papa.

Zum Abschied hebt der Bruder die Hand, schaut mich kurz an und verlässt das Lokal. Den ganzen Tag über haben wir nicht ein Wort miteinander gewechselt und uns zur Begrüßung nur flüchtig zugenickt. Ich weiß nicht wieviele Jahre das schon so geht. Irgendwann haben wir die Schnur des Luftballons einfach losgelassen und er ist davongeflogen.
Ich frage mich, ob ich traurig bin. Doch ich finde kein Echo und keine Antwort darauf in mir.

Es hat längst aufgehört zu schneien, als ich ich auf den Heimweg mache. Schwarz liegt der Wald neben der Autobahn, lange LKW-Konvois mit polnischen Kennzeichen schieben sich durch die Nacht in Richtung Osten und ich fühle mich in meinem warmen Auto wie in einem Wohnzimmer voll wuchtiger Schränke, deren dunkle Schatten im Flackern des Fernseherlichtes wie Urgestalten an mir vorbeiziehen.

Als ich in unsere Straße einbiege, stehst du schon auf dem Gehweg und wartest auf mich. Zusammen gehen wir ins Haus.
Ich erzähle dir von meinem Tag und merke wie erschöpft und wie traurig ich bin. Schweigend greifst du nach meiner Hand.

Später liegen wir im Bett, dein warmer Körper dicht neben meinem.

 

 

 

 

 

28 Kommentare zu “Abschied

    • Sehr heimisch kann man sich fühlen in dieser Welt und mit den Menschen, die zu einem gehören.

      Leider werte ich immer noch viel zu oft und zuviel.
      Doch inzwischen hält auch eine gewisse Gelassenheit Einzug, das Gefühl den anderen so lassen zu können. Ohnehin ist mir zu so vielem der Ernst abhanden gekommen. Soll einer 1000 Mal `schwachsinnig´ sagen, solange sein Handeln eine andere Sprache spricht.

      Gefällt 2 Personen

  1. Das lese ich als eine echte Geschichte, die das Leben schreibt und in einer Art und Weise, wie nur du es kannst!
    Ich bin immer wieder froh, dass ich dich in der Weite von Bloghausen finden durfte!
    Danke für deine Geschichte, die wie ein kleines Kaminfeuer ist-
    herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 4 Personen

  2. Ja, es ist seltsam Zeuge zu werden, wie die ältere Generation langsam anfängt abzutreten und immer mehr zu realisieren, wir werden die nächsten sein.

    Die weltbeste WG-Genossin kam dieser Tage heim und erzählte, wie sie unterwegs ein LKW irritierte. Er trug in großen Lettern die Aufschrift „TotenTransport“. Wie wir herausfanden, ein norwegisches Speditionsunternehmen.

    Ein Segen, wenn man heimkehren darf zu einem anderen Menschen, wirklich heimkehren.

    Gefällt 1 Person

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