Fiktiver Vogel

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Der Bruder, so erzählt der Kanzler, und es schwingt Verständnis, aber auch ein wenig Traurigkeit in seinen Worten mit, fühle sich zu kurz gekommen. So oft habe man ihn im Laufe seines Lebens über den Tisch gezogen, dass er darüber depressiv geworden und das Vertrauen ihm abhanden gekommen sei. Auf meine Frage wann ihn wer eigentlich je über den Tisch gezogen, oder ihm übel mitgespielt habe, weiß der Kanzler auch keine Antwort. Das empfindet er eben so, sagt er und dann schweigen wir beide. Was will man da noch sagen.

Es ist eine merkwürdige Zeit, in der es ausreicht, etwas herbei zu empfinden, was faktisch niemals stattgefunden hat, und es zur Wahrheit zu erklären, der Inneren.

 

 

 

 

 

 

 

Bild, diada, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

19 Kommentare zu “Fiktiver Vogel

      • Nein. Aber dieses rettungslose Benachteiligtsein ist eine Tatsache. Wenn der sich nun mit anderen benachteiligten Kindern trifft, haben wir ein Phänomen. Und wenn das Treffen nicht in der Kaschemme, sondern im Hinterzimmer oder gar Montags Abends auf der Straße stattfindet, wächst sich allmählich ein Problem aus.

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        • Der Kanzler lehrte uns, dass es immer nur eine Wahrheit gibt (ich bin bald dahinter gestiegen, dass das nicht sein konnte). Er hielt es mit Leibniz.
          Die eine Wahrheit des Benachteiligten ist, dass er, ganz gleich was geschieht, benachteiligt bleibt.
          Das ist traurig für den Betroffenen und frustrierend für sein Umfeld.

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          • Nach Leibniz spürt die allumfassende Gottesmonade jede unserer Regungen durch Zeit und Raum. Die eine, unumstößliche Wahrheit der Naturwissenschaften lautet: Du hast so lange recht, bis dir einer nem größeren Forschungsetat das Gegenteil beweist. Daraus schließe ich: ob das Glas halb voll oder halb leer ist, bestimmt derjenige, der die Runde bezahlt. Und das solange, bis er Hausverbot kriegt.

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            • :)

              Leibniz setzt die Wahrheit mit Rudi Völler gleich: es kann nur eine(n) geben.
              So lehrte es zumindest der Kanzler, der mit beiden Beinen in der Naturwissenschaft steckt und Anwärter für den Nobelpreis für Evolution ist.

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  1. Einerseits kann man ja die Wahrnehmung eines/einer anderen nicht falsch nennen, gleichzeitig kann eine Realitätsüberprüfung nützlich sein, etwas, das in jeder terapeutischen Begleitung gemacht wird- dabei stellt sich dann meistens heraus was wirklich dahinter steckt.
    Zu kurz gekommen fühlen sich ja viele … und dann denken auch noch sehr viele, dass sie in der falschen Familie gelandet sind- ich bin natürlich auch so ein Findelkind im Binsenkörbchen ;)
    herzliche Grüsse
    Ulli

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    • Ach, ich weiß nicht. Ich nenne diese Wahrnehmung vielleicht nicht falsch, aber ich ordne sie doch eher dem Bereich des Wahns zu. Wenn jeder exakt das Gleiche bekommt (zählbare Dinge) und einer behauptet immer noch er habe weniger erhalten und erhebt bittere Anklagen darob, dann hört mein Verständnis auf. Da kann man nicht helfen, da muss er sich selbst helfen.

      Auch ich bin eine vertauschte Prinzessin mit einer bösen Stiefmutter und ich bin immer noch auf der Suche nach meiner richtigen Familie. Allerdings mache ich niemanden für mein Lebensglück verantwortlich. :)

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    • Das stimmt wohl. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die gesellschaftliche Toleranz dafür zugenommen hat, bzw. das Phänomen seinen Palatz in der öffentlichen Diskussion gefunden hat.
      Gestern las ich bei Christian Buggisch über Fake-News in der rechten Facebook-Szene.
      Weist man die Leute darauf hin, dass die Nachrichten, über die sich gerade ereifern, erstunken und erlogen sind, zeigen sie sich gänzlich unberührt davon. Na und, das hätte aber genau so statt finden können, und das reicht ja wohl.
      Tscha.

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