Leidenschaft

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Eigentlich wollte ich ja was über den Buick schreiben, und wie wir damit die steilsten Straßen von San Francisco erst ganz langsam nach oben geschippert sind, um sie dann mit Vollgas runterzubrettern, dabei die Fußgängerüberwege, die wie Stufen das Gefälle unterbrachen, als Sprungschanzen zu nutzen, auf diese Weise einen riesigen Satz nach vorne zu machen und abzuheben, wodurch es den Magen anhob und das Becken gleichzeitig nach unten riss, was zu einer interessanten und vielversprechenden Dehnung und einem verheißungsvollen Ziehen im Inneren führte, bis der Wagen schließlich krachend aufschlug, es unsere Eingeweide angenehm zusammenstauchte und uns so ein weiterer süßer Schmerz beschert wurde. Insbesondere der Rückstoß ins Becken entpuppte sich als ein besonderer Hochgenuß, den wir wieder und wieder erleben wollten, weshalb wir den Berg ein um´s andere Mal mit unserem weißen Schiff erklommen und oben angekommen Encore une fois! schrien. Vor uns lag tiefblau der Pazifik. Der Felsen von Alcatraz leuchtete in der Sonne, Ice T besang seine 99 problems und wir rasten in unser kleines Glück.

Doch als ich gerade im Begriff war diesen nämlichen Text zu schreiben, kam ich beinahe zufällig an einer Metzgerei im Kiez vorbei und erlebte, vor dem Schaufenster stehend, eine Hausschlachtung mit. Der Fleischer, ein vierschrötiger Typ, ließ sich sehr viel Zeit bei seiner Arbeit, die man, angesichts der Begeisterung der Menschenmenge, die sich vor dem Laden zusammengefunden hatte, und der offenkundigen Genugtuung, ja Hingabe, mit der der Mann seine Tätigkeit verrichtete, ruhigen Gewissens als Hinrichtung bezeichnen kann.
Hin und wieder legte der Henker eine Pause ein, warf einen Blick in die Runde und nahm den Beifall und die Jubelrufe der Schaulustigen entgegen. So gestärkt machte er weiter.
Die Schreie des Publikums steigerten sich zu beinahe orgiastischem Ausmaß, wann immer der Vollstrecker eine Arterie traf und das Blut stoßweise an die hochgefliesten Wände spritzte. Während der Hinrichtung kraulte und beruhigte der Mann das todwunde Opfer, eine Handaufzucht, von Zeit zu Zeit und streichelte es sanft hinter den Ohren, Good boy, du schaffst das, du bist stark!, um mit der anderen Hand bereits zum nächsten Stoß anzusetzen und das Messer – zack – ein weiteres Mal fachgerecht zwischen den Rippen des Sterbenden zu versenken. Als das Werk endlich vollbracht war, trennte er den Kopf des Opfers von den Schultern, legte diesen auf ein Tablett und steckte ihm ein blankpoliertes Äpfelchen zwischen die Zähne. Neben das Arrangement stellte er ein Schild mit der Aufschrift:

Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen

Blutwurst, Blutwurst! skandierte das hungrige Publikum.
Der Metzger wischte erschöpft seine Hände an der Schürze ab, trat vor seine Gefolgschaft und erhob die Hand zum Victory-Zeichen.

 

 

 

 

Bild1: Gunnar Stender, Great Shot, flickr
Lizenz: https://www.flickr.com/photos/nutch3/4717383769/in/faves-139247418@N03/

33 Kommentare zu “Leidenschaft

  1. Oh, Blutwurst kann sehr gut schmecken, bekenne ich. So’n leckerer Flönz, gebraten mit rohen Zwiebeln und begleitet von Kartoffelbrei … Die Hausschlachtung im Kiez scheint mir wohl eher erträumt als die rasende Fahrt im Buick.

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  2. Du hast es ja nun schon mehrfach beteurt, dass dies weder ein Traum, noch in einem anderen Land, noch in einer anderen Zeit stattfand- ja, unfassbar und ungeheuerlich- nein, nicht dass geschlachtet wird, das wird es seit Jeher, aber ich kenne es noch hinter dem Haus, verborgen vor dem öffentlichem Blick- wirklich, seltsam das!
    unangenehm, wie dieses in den Bauch haut- ein harter Kontrast zu deinem wilden Entree-

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  3. Also für mich war das jetzt Achterbahn, die ich mich nicht mehr traue zu fahren. War alles mit dabei: Kribbeln, Spannung, Angst, Übelkeit und Entsetzen. So eine ineinander verschlungene, mehrkanalige Erfahrung. Skurril. Ich verlasse das Fahrgeschäft mit flauem Magen und entarteten Knien.

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    • Das war nur ein einfaches (und natürlich schiefes) Gleichnis, das die Situation nicht ganz fasst. Eher die Stimmung, die Selbstherrlichkeit, das Hinterhältige und Niederträchtige daran. Oder, wie Annika schrieb: das Anmaßende. Denn ein wehrloses Opfer bist Du in meinen Augen sowenig wie ein Schwamm-drüber-Empfänger.
      Bitte blogge weiter wie bisher.
      Liebe Grüße aus Kreuzberg!

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    • Wenn Du dem Kommentar des Kiezschreibers, Matthias Eberling folgst, und dann dessen vorletzten oder vorvorletzten Beitrag liest, sollte sich das auflösen.
      Es gab ein Bloggemetzel und das war so unschön und krass, dass ich´s hier in ein Gleichnis gebracht habe.
      Entschuldige die Verwirrung.

      ich esse, wie Du auch kein Fleisch. Die Ochsen brauchen zum Teil 4 Bolzenschüsse und werden dann bei lebendigem Leib aufgehängt und bluten kopfunter aus. Das ist widerlich und grausam.

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