Bis der Notar kommt

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Die Dame vom ärztlichen Bereitschaftsdienst warnt mich am Telefon, dass es Stunden dauern wird, bis jemand vorbei kommt. Macht ja nix. Ich liege sowieso nur im Bett herum, telefoniere ein bisschen, höre Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, döse dabei ein und trinke ab und zu einen Schluck Kaffee.

Nach nur 4 ½ Stunden spaziert der Arzt, ein schlanker Mann in den besten Jahren mit Lederjacke, Fönfrisur und Lesebrille auf der Nase, in meine Wohnung und fragt mit strenger Stimme, wieso ich ihn gerufen habe.
Ich bin seit einer Woche krank und…, sage ich, da unterbricht er mich und beginnt in meinem Schlafzimmer auf und ab zu gehen. Das habe er nicht wissen wollen, behauptet er. Seine Frage sei doch wohl klar und verständlich gewesen: Fangen wir von vorne an, was hat Sie veranlasst mich zu rufen?

So einer, denke ich, packe im Geiste schonmal die Kotztüte aus, und versuche es anders.
Ich habe Sie gerufen, weil mein Herz schmerzt und der linke Oberarm wehtut, als trüge ich eine Blutdruckmanschette, außerdem ist mir schwind…
Das ärgert den Medizinalrat noch mehr. Er unterbricht seine Wanderung durch mein Schlafgemach für einen Moment, schaut mich über den Rand seiner Designerbrille hinweg an und sagt mit übertrieben deutlicher Aussprache, auf dass auch der letzte Student in der hintersten Reihe und mit der mindersten Begabung es verstünde: Die Diagnose überlassen Sie bitte mir. Wenn Sie schon alles wissen, hätten Sie mich nicht rufen müssen. Dann verschwenden Sie nur meine Zeit.

Du dumme Wurst, denke ich, was hatte meine Beschreibung bitteschön mit einer Diagnose gemein? Doch statt mich mit dem Mann zu streiten, oder mich ihm mit der Demutsgeste der unwissenden Patientin zu unterwerfen, klaube ich die unverfänglichsten Vobabeln zusammen, die ich auf die Schnelle finden kann, deute auf meinen schmerzenden Brustkorb und sage: Ich hab hier böses Aua. Da, wo ich das Herz vermute, tut es mir weh.

An Ihnen ist wirklich eine Medizinerin verloren gegangen, höhnt der Kerl jetzt und blickt ins nicht anwesende Publikum, Sie wissen doch überhaupt nicht, wo das Herz ist.

Glaub schon, dass ich das weiß, entgegne ich keck und ziehe alsdann den Blitztrumpf. Ich wurde mal reanimiert. Und hinterher hatte ich einen Katheter im Herz, der dort herumschmurgelte. Das ziepte ungefähr da, wo es jetzt drückt.

Einen Moment ist Ruhe. Der Geck bleibt stehen und schaut sich in meinem Bücherregal um.
Thomas Mann, Frisch, Kafka. Gute Literatur haben Sie da.

Standard, du Schmalspurangeber, denke ich, werte dann aber seinen Kommentar als Friedensangebot und lächle einlenkend.

Ich tippe auf Akutes Koronarsyndrom, sagt er plötzlich, geht zu seiner Tasche und legt mir eine Blutdruckmanschette um. Anschließend zieht er ein kleines Pumpspray hervor, sprüht es unter meine Zunge und  legt mir einen venösen Zugang.
Wir rufen jetzt einen Rettungswagen, Sie müssen sofort in die Klinik, sagt er unerwartet.

Mir geht es aber plötzlich viel besser, sage ich.

Ein Grund mehr, antwortet er, das bestätigt meine Arbeitshypothese.

Ich würde gerne schnell noch jemanden wegen des Hundes anrufen, sie hat einen Hirntumor und braucht ein Medikament, sage ich.
Vergessen sie den Hund, schnauzt der Arzt, der endlich wieder in seine alte Form zurückgefunden hat, der hat sowieso keine Chance mehr.

Der Rettungswagen kommt und fährt mich mit Blaulicht ins Urban-Krankenhaus.
Auf der Weste des Mannes, der während der Fahrt neben mir sitzt steht NOTARZT. So ähnlich wie Notar, denke ich. Wenn der Eine einen Fehler macht, kommt der Andere zum Zug.

In der Klinik wird es dann alles in allem recht erfreulich.
Kalium heisst der Schuldige. Zuwenig davon ist schlecht, erklärt mir der überaus attraktive Krankenpfleger, der neben mir herum tanzt wie John Travolta in Saturday Night Fever und dabei stets ein Auge auf meine Infusion hat.

Am Morgen erwache ich geheilt.

 

 

 

Nachtrag: kein Tier ist während meiner Abwesenheit zu Schaden gekommen. Der Chinesin sei Dank!

 

 

 

 

 

 

Bild: Kaspar Metz, Urbankrankenhaus, Kreuzberg, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

25 Kommentare zu “Bis der Notar kommt

  1. Ich bin so froh, dass der Krankenpfleger attraktiv war.
    Habe gerade „Die Betäubung“ von Anna Enquist gelesen, kennst du das Buch? Spielt unter Psychotherapeuten und Anästhesisten. Ich schicke es dir, wenn du willst.

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  2. Deine Träume möchte ich im Traum nicht haben … :-) .

    Ein friedvolles und weitestgehend paranoidfreies 2017 wünsche ich Dir.

    Der Peer aus Aachen

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  3. Oh mein Gott! 😯
    Was war DAS denn? Das ist ja ungeheuerlich.
    Wenn ich nicht selbst wüsste, wie überheblich Ärzte teilweise sind und mich nach 10-jähriger, schwerer Erkrankung von dieser Gilde als geheilt betrachten würde, so würde ich glauben, es sei von Dir ein Traum geschildert worden. 😢

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    • Ich glaube der Arzt war Kokser.
      Nach meinen merkwürdigen Erfahrungen hier in Berlin, fange ich langsam an Ärzten zu misstrauen. Das war früher anders. Ich wurde von einem Rudel Ärzte groß gezogen und hatte deswegen ein großes Vertrauen zu dieser Gilde.

      Schön, dass Du geheilt wurdest!

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    • Ich hab keine Sekunde an Herzinfarkt oder so geglaubt. Ich dachte eher an einen größeren Infekt, bei dem das Herz ein bisschen zu sehr beansprucht wird und deswegen holpert und galoppiert. Umso besser, dass es nur Kalium war.

      Eigentlich wollte ich noch über den jungen Mann mit dem Broken-Heart-Syndrome schreiben, über die Frau, die stückchenweise ihre Lunge in eine Tüte hustete, über die beiden Männer, die in die Rettungsstelle einbrachen, während ich dort lag, über die wahnsinnig nette Ärztin, die weinende Krankenschwester und die ganzen Polytoxiker, die in der Notaufnahme aufschlugen.
      Dann ging mir aber die Puste aus. Deswegen nur der erste Teil der Geschichte.
      Der Notarzt sah übrigens aus wie der junge Al Pacino und hatte ein Lächeln zum Verlieben.
      Vielleicht war ich auch einfach nur sehr dankbar und bedürftig, nach diesem merkwürdigen Bereitschaftsarzt.

      (Danke und einen wunderschönen Jahreswechsel!)

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    • Gute Schimpfs sind Seelenbalsam, wenn mantramäßig im Inneren wiederholt, solange bis der Spuk vorbei, bzw. der Arzt gegangen ist. Ich hab noch mehr in meiner Sammlung davon und gebe bei Interesse und Bedarf gerne welche ab.
      Ein wunderschönes neues Jahr wünsche ich ihnen, lieber Herr Schneck!

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  4. Viele gute Wünsche auch von mir: Für ein gutes Jahr 2017 mit guter Gesundheit und guten Kräften, in dem Dir weder Kalium noch Worte und Geschichten noch andere wichtige Lebenselemente knapp werden. Alles Gute! Erinnere mich auch mit Grauen an die Jahre, in denen ich – allein mit kleinen Kindern und Weihnachten regelmäßig krank – immer mal das Vergnügen mit Bereitschaftsärzten hatte. Ein lieber Gruß!

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    • Mich hat das sehr wütend gemacht. Vor allem der lieblose Satz über mein Tölchen. Was für eine Haltung dem Leben gegenüber. Wer die Todgeweihten nicht achtet, hat auch sonst keinen Respekt vor den Mitgeschöpfen. Mit anderen Worten: dumme, profilierungssüchtige Wurst, der Kerl.

      Danke Dir, es geht mir wieder gut. Das Kalium hat Wunder gewirkt.
      Ein wunderbares neues Jahr auch für Dich!

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  5. Eine so schnelle zielgenaue Diagnose (Kaliummangel) – das grenzt fast an Wunder! Da mag man den ganzen Sch… vorher fast vergessen. Hast du freilich hervorragend beschrieben – insofern hat es seinen Stellenwert als literaturfähiges Ereignis. Bleib gut drauf! Gerda

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    • Bei Herzverdacht wird immer nach Kalium geschaut, insofern ist es nicht verwunderlich, dass das so schnell entdeckt wurde. Dennoch bin ich natürlich froh und dankbar über unsere gute medizinische Versorgung und die diagnostischen Möglichkeiten.
      Ich bleib gut drauf. Anders gehts nicht.

      Gefällt 1 Person

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