Hunger

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Du warst wie ein Altar, der Tag und Nacht brannte

Einfach mal was Schönes hintuschen. Zum Beispiel einen Raben. Jakob!

Die Rothaarige und ich haben Erdnüsse gkauft, mit Schale. Wir legen sie auf den Sicherungskasten am Straßenrand. Auf dem Leuchtschild über dem Zebrasreifen sitzt eine Krähe und beobachtet uns, den Kopf auf und ab wippend, dabei. Räh räh, ruft sie und schlägt mit den Flügeln. Erst als wir ein paar Schritte zurückgetreten sind, landet sie auf dem Kasten, hüpft seitlich heran, schnappt sich eine Nuss und fliegt damit auf den nächsten Baum. Räh räh.

//

Träum was Lustiges, schreibe ich dir zur Nacht und hoffe, dass du lächeln wirst darüber. Lustig und du sind nicht gerade zwei paar Schuh, doch ebensowenig seid ihr eng verwandt miteinander.

Ich liebte dein Jungengesicht, wenn es sich freute und deine Züge für eine Sekunde den Ernst abstreiften, der dir eigen ist.

//

Der andere Ort liegt verwaist. Still. Wie du neben mir, damals, als wir noch Versprechen und heilig waren. Verkündung deine eben verklungenen Worte, aufsteigend in die silbrigflimmernde Dunkelheit, wo ich ihnen nachsann und sie Welten in mir errichteten, Räume voller Liebe.
Du warst mir wertvoll, und ich dir.

Ich weiß, wann es aufgehört hat. Ich erinnere mich an den Tag, den Moment, den Ort. Deinen Blick, in dem ich mich und uns nicht mehr fand. Die ausbleibende Berührung.
Schräg stand die Sonne, die Kiefern warfen lange Schatten. Eine Hummel, die erste in diesem Jahr, propellerte träge durch die Luft.
In dieser Stunde ist ein Teil von uns fortgegangen.

Das Hässliche war in unsere Welt getreten. Das Rachsüchtige, das blind zuschlägt und weder Vergebung noch Versöhnung kennt. Das Verächtliche, der Vorwurf und die Enttäuschung darüber, dass wir uns nicht sein konnten, was wir uns versprochen und hatten sein wollen.

Auch an den Moment, als das zweite Band zerriss, erinnere ich mich. An die Hitze, die in der Stadt stand und die unsere blanken Nerven versengte. Der bleierne Nachmittag mit dem schwerkranken Hund und wir standen unter dem Vordach der alten Tankstelle, neben uns hohe Zinkeimer voll prächtiger Blumen. Strelitzien, Phlox, Löwenmäulchen und Disteln. Die Verkäuferin goss Wasser auf den fleckigen Betonboden, um ein wenig Abkühlung zu schaffen, für ihre empfindliche Ware. Mit leeren Gesichtern standen wir, um uns toste der Verkehr, der Staub der Straße vermischte sich mit der Süße der Blumen und legte sich wie Teer auf unsere Lungen. Mein Brustkorb war schwer von ungesprochenen Worten. Kein Echo war da, nur Wunde und Sehnsucht.

Du schaust mich nicht an, doch dein Kiefer mahlt, so wütend bist du, oder so überdrüssig. Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht. Ich kann dich nicht lesen, und du sagst es nicht, wie du selten etwas sagst, weil ich subtiler sein und zwischen den Zeilen lesen soll, wo Ja auch Nein heißen kann oder Nein Ja. Soviel Intelligenz traust du mir zu, so dumm bist du nicht, sagst du, doch es klingt ganz anders. Ich verstehe keine Ironie, antworte ich. Resigniert schüttelst du den Kopf.
Erst wenn es zuviel ist, nicht wenn es  dir reicht, sprichst du, und dann bleibt nur weniges heil dabei.
Ich mache zuviele Worte darum, sagst du, zwei verschiedene Menschen, die wir sind, will ich immerzu reden und wissen und verstehen, am besten begreifen, während du nicht daran glaubst, dass sich durch Worte etwas erklären oder gar verstehen ließe.
Falsch, sagst du, als ich spreche. Falsch!

Wie kann es falsch sein, wenn ich es so fühle, wenn ich es für richtig halte und es nach außen drängt. Sagen muss ich es und fragen, weil ich es nicht verstehe und weil ich das steinerne Schweigen nicht ertrage. Das Unaussprechliche, das Tabu.
Und dann nehme ich allen Mut zusammen, weil nichts mehr klingt, noch zu retten ist in unserer Welt, solange die Frage nicht beantwortet oder wenigstens gestellt ist. Nichts ist mehr zu verlieren zwischen uns, so glaube ich, und ich schaue dich an, fasse mir ein Herz, sehe deinen Unwillen, deine strengen Augenbrauen, und setze an. Mit zitternden Lippen und zitternder Stimme bündele ich meine Worte, bringe sie in die richtige Reihenfolge, versuche ihnen einen guten Ton zu geben. Ein wenig Sachlicheit, da, wo ich vor Aufregung schlottere, Unbefangenheit, wo Beklommenheit und schwülfeuchte Angst walten. Und ich hole noch einmal tief Luft und schaue in deine Augen, die versteinert meinen Blick zurückwerfen, um zu verhindern, was nicht mehr zu stoppen und schon längst ins Rollen gekommen ist, die Frage, die du nicht hören und noch weniger beantworten möchtest, die ich schon so oft, stets verpackt in andere Fragen, gestellt habe, und dir so die Möglichkeit ließ dich ihr zu entwinden. Doch heute schlage ich allen Putz und jede Verblendung herunter von ihr und frage dich ganz direkt und unmissverständlich, mitten in dein unbewegtes Gesicht hinein:
Wieso vertraust du mir nicht. Warum darf ich nichts wissen über dein Leben in dieser anderen Stadt, mit diesen unbekannten Menschen. Wieso darf ich nicht teilhaben daran, nach all der Zeit, in der du Teil meiner Welt geworden bist.  Wieso ist zwischen uns nicht möglich, was selbstverständlich ist. Wieso sagst du mir nicht  wo du wohnst.
So frage ich und fürchte mich dabei vor deiner Antwort, die nicht lange auf sich warten lässt, viel kürzer, als ich gedacht hatte, und die du mir entgegenspuckst mit einer Feindseligkeit, die ich mir nicht hätte vorstellen können, und deren Ausmaß mich erschreckt, weil es größer ist, als alles, was ich mir hätte ausmalen können.

Zwei Menschen sind wir. Jeder für sich.

Ich habe keinen Grund dir zu vertrauen, sagst du, und ich glaube Verachtung in deinem Blick zu sehen und Zorn.
Wie schwere Metallplatten schlagen deine Worte über mir zusammen und ein Pfropf schiebt sich auf meine Ohren. Zurück tritt die Welt, entfernt sich, auch du und deine Lippen, die sich immer noch bewegen und schreckliche Sachen sagen, verschwimmen vor mir. Das Tosen kommt jetzt von innen, das gewaltige Glockengeläut in meinem Kopf, das lauter und immer lauter wird und wummert, dass mein ganzer Körper darunter vibriert und die Knochen es wieder und wieder zurückwerfen in mich selbst, wo es hallt und kreist und dröhnt und nicht heraus findet, bis auf einmal, mit einer großen Wucht, etwas einstürzt, zusammenfällt, und der Boden darunter erbebt, und ich  nicht unterscheiden kann, ob es innen oder außen war, wie auch Hunger und Durst mir schon immer dasselbe sind.

In deinem Gesicht, das nun nicht mehr spricht, sehe ich, dass es dir ernst ist mit deinen Worten. Du meinst, was du sagst. Und ehe ich mich umdrehe, den kranken Hund auf dem Arm, sage ich: Ich kann das nicht mehr, und es ist keine Drohung, die ich da ausspreche, sondern eine Einsicht. Ewas, was ich in diesem Moment begriffen habe. Etwas, was in nur einer Sekunde alles verändert hat.

Da drehst auch du dich um und gehst, mit deinen schweren Schuhen und den vielen Büchern auf deinem Rücken, davon.

Am Abend sitzen wir schweigend bei Tisch.

Musik: Aretha Franklin, Ain´t no way

(youtube-Direktlink)

Bild:  Ante la arana, cortometraje de Marc Nadal, flickr
Lizenz:
https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

26 Kommentare zu “Hunger

  1. Was eigentlich ist am Vertrauen so schwer, dass man lieber schwere Schuhe und Bücher trägt und den Rücken zu krümmen?
    Draußen tobt ein Orkan ums Dorf und ich könnte mir vorstellen, dass auf der Mole stehen, wankend im Wind und mit Gischt im Gesicht, keine Antworten kommen, aber ein Fitzelchen Wohlgefühl

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  2. Kaum etwas ist attraktiver als das Geheimnis. Und wer sich damit umgibt, sitzt nicht nur an den subtilen Schalthebeln der Macht, sondern erstrahlt oft auch in unwiderstehlichem Glanz. (Nur so ein spontaner Gedanke) Schön dass Du einen schönen Weihnachtsabend hattest!

    Gefällt 1 Person

    • Du hast Recht, doch es ist, wie immer, eine Frage des Gleichgewichts. Wir brauchen ein gewisses Maß an Geheimnis, mit dem wir uns schützen und zugleich Kontrolle behalten. Es braucht aber mindestens genauso die gegenseitige Selbstoffenbarung, um Vertrauen schöpfen zu können. Dazu gehört auch das Nennen der eigenen Anschrift, die Vorstellung von Freunden und Familie, das Erzählen von sich selbst, dem eigenen Denken und Fühlen. Liebe kann nicht dauerhaft nur aus sich selbst, der Sehnsucht, der Hoffnung und der Imagination schöpfen.

      Ich hoffe Du hattest ein paar schöne Feiertage!

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  3. Hatte ich, danke! Und ich gebe Dir völlig recht. Idealiter ist es in der Liebe zweier Menschen vielleicht so, dass jede Preisgabe eines Geheimnisses ein weiteres Türchen sichtbar werden lässt, das neugierig macht. Eine Reise, auf die sich zwei Menschen einlassen können, wenn sie wollen. Gehört aber viel Mut dazu. Und manch Einer bleibt halt lieber bequem auf seinem Thron sitzen…

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  4. So viele beladene Gedanken kommen mir nie wenn ich mit anderen Menschen spreche. So viele Gefühle und Nebengedanken. Meine Sicht als Kormoran ist einfacher und geradliniger, aber ich bin kein Literat. Grüsse zwischen den Jahren

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    • Vielleicht triffst Du auf weniger komplizierte Menschen als ich. Oder Du erkennst sie eher. Möglicherweise kannst Du auch besser auf Dich aufpassen.
      All das zusammen genommen erspart die komplizierten Gedankengänge und das Tosen im Kopf.
      Flieg, Kormoran, flieg!

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  5. Auch so kann das Gefühl sein: eins, das Einsicht bringt wie ein vorbeidonnernder Zug. Wenn er vorbei ist, denkst Du, er hätte Dich soeben noch verfehlt und irgendwann kramst Du vielleicht lieber die alte Märklin-Eisenbahn vom Dachboden, weil sie realistischer ist als vorbeidonnernde Güterzüge und ihre Reisenden.

    Feiner Text und LG

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