Spinne

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Eine Zeitlang lebte eine kleine Springspinne auf meinem Schreibtisch.
Manchmal sah ich ihr zu, wie sie auf den bunten Reitern, mit denen meine Gesetzestexte präpariert waren, auf und ab flitzte. Hier und da ging sie unter einem der Reiter in Deckung, schoss nach einer Weile wieder hervor und sprintete weiter, ehe sie mit einem Satz auf den Tisch landete, wo sie zwischen ein paar losen Blättern verschwand.

Damals hing ein Plakat über meinem Bett. Darauf war vor schwarzem Hintergrund eine Frau mit markanten, leicht verlebten Gesichtszügen zu sehen. Das Bild zeigte sie im Halbprofil, den Blick in die Ferne gerichtet. Ihre Haut war perlweiss, das schwarze Paillettenoberteil tief ausgeschnitten und die stark geschminkten Augen waren die meiner Mutter. Auf eine verstörende und traurige Weise war sie sehr schön.
Where have you gone, stand neben ihrem Kopf.

An manchen Tagen betrachtete ich sie über Stunden, bis ich schließlich ins halbdunkle Bad ging, wo ich mich vor den Spiegel stellte, meine Wimpern tuschte und die Augen mit schwarzgrauem Lidschatten umrandete. Als ich fertig war, trat ich ganz nahe an den Spiegel heran. Mein Atem hinterließ eine feuchte Spur auf dem Glas. Ich betrachtete mein regloses Gesicht und beobachtete, wie die Farbe beim Herunterlaufen dunkle Spuren über meine Wangen zog, bis sie die Mundwinkel erreichte, wo ich sie mit der Zunge auffing.
Es schmeckte nach Puder und Salz.

Später in der Küche zog ich eine Palette Magerjoghurt aus dem Kühlschrank und leerte einen Becher nach dem anderen. Durch die Glasbausteine zum Treppenhaus sah ich die Nachbarn vorbeigehen. Ich setzte mich auf den Boden und aß weiter.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Marc Nadal, Ciudadanos de Marc Nadal con Alex Casanovas Maria Molins Manel Barcelo (8), flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

16 Kommentare zu “Spinne

  1. Mal wieder ein herrlicher Anfang für einen Roman. Ich möchte schon gern wissen, wo das mit der Springspinne dann schließlich hinführte. Ich vermute ja, sie bekam eine Assistentenstelle am juristischen Seminar aber verzweifelt dann über dem korrupten Habilitationsverfahren…

    Gefällt 2 Personen

  2. Das eingestellte Bild ist sehr eindrücklich und dein Text ist es auch, wie so viele andere Texte von dir auch. Sie hinterlassen Spuren in mir und das ist nun ein Kompliment, das schafft noch lange nicht Jede oder Jeder…
    herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 4 Personen

  3. where have you gone … vielleicht ein schlüsselsatz. sich dem (verlorenen? unerreichbaren?) (liebes)objekt gleich machen, sich selber füttern, parentifiziert … und aber zugleich, kontrastierend, durch die kalten gesetzestexte springen, durchs verlässlich geschriebene wort … und die spinne? woher, wohin …? – der text wirkt auf eine verstörende und traurige weise sehr schön (auf mich). pegagrüße!

    Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Die Natur des Bildes – das Bild der Natur | Der Dilettant

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