Lucky

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Als ich aus dem Hotelfenster schaue, sehe ich das Flugzeug aufsteigen, das mich zurück nach Europa bringt. Ich erzähle es dir, und höre dein Lachen. Es bringt mich weg, sage ich, ich bin schon gegangen, und du lachst noch immer. Wie ignorant du bist, denke ich.

Du sollst wissen, dass es ernst ist wenn ich schweige, wie ich in jenem Sommer aufgehört habe zu reden und wir alle zusammen saßen im Lärm, bei unserem zufälligen Stammtisch an der großen Kreuzung und ihr schwiegt, weil ich schwieg. Keiner sagte ein Wort, solange der Gong nicht geschlagen war. Damals hörte ich auch auf zu moderieren. Ich gab dir 5 Euro und bat dich sie dem Obdachlosen auf der anderen Straßenseite zu bringen. Du bist aufgestanden und wir haben zugeschaut, wie der Mann den Kopf hob, als er bemerkte, dass er einen Schein in der Hand hielt. Und wie er stehen blieb, auf seinen Rollator gestützt, dir hinterher schauend, wie du die Straße überquertest unter der Hochbahn hindurch. Erwartungsvoll habt ihr mich angeschaut, als du zurück kamst und mir berichtetest, was wir alle gesehen hatten und ich schaute auf den weißen Plastiktisch und den vollen Aschenbecher darauf, die Schrift auf den Kippen darin, Lucky, und ich betrachtete die Biergläser und blickte, unter euren Blicken hindurch, zu dem Obdachlosen, der jetzt mit seinem Rollator die Straße überquerte und auf uns zukam. Gemeinsam schauten wir ihm zu, wie er kurz vor unserem Tisch die Richtung wechselte, mit lahmen Füßen, ohne uns zu sehen.
Ich reiche dir 5 Euro und nicke. Dein Gesicht ganz ernst rückst du den Stuhl nach hinten und stehst auf, gehst dem Mann hinterher, erst zögernd, dann schneller, und er sieht dich an ohne dich zu erkennen, nimmt den Schein entgegen und kratzt sich am Kopf und ich sehe ihn lächeln und dann dich und dann alle am Tisch und dann lächle auch ich und ihr lacht und stoßt mit den Gläsern an, der Verkehr tost vorbei, deine Hand liegt auf meiner.

 

 

 

 

 

 

Bild: Douglas Arruda, Do you remember lying on the ground, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

2 Kommentare zu “Lucky

  1. Der Moment, wo ich mich frage, ob Du da ein ‚pädagogisches Verhältnis‘ pflegtest, oder ’nur‘ (eher?) aus dem Bauch raus agiertest.

    Hundert Fragen (+/- n) und keine Not, kein erheischen einer Antwort, nur Zweifel, gerne tiefe. Hatte ich schon erwähnt, daß ich diese Deine Texte dafür liebe? (gratitude, no irony) :)

    Gefällt 1 Person

    • Kein pädogogisches Verhältnis, nein. Ich war mit jeder Faser unglücklich und kam bald darauf ins Krankenhaus wegen der großen, sich immer weiter ausdehnenden Traurigkeit.
      Ich verstehe meine Texte selbst kaum oder gar nicht. Deine Zweifel erfreuen mich. Ich teile sie mit Dir.

      Gefällt 3 Personen

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