Die Natur freut sich

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Es ist spät im August. Über die abgeernteten Maisfelder spazieren wir zum nächsten Dorf. Flimmernd steht die Hitze auf dem Feldweg. Links und rechts die trockenen Halme, brüchig und weiß wie ausgebleichte Knochen. Über uns der rote Milan.

Die beiden Hunde laufen vorneweg. Mit einer langen Schnur aneinander gebunden, können sie nicht stiften gehen. Erst gestern hat sich die Kleine einen Stromschlag an der Pferdekoppel geholt. Mein Warnruf kam zeitgleich mit dem Schmerz. Den Rest des Tages hielt sie mich für die strengste Rudelführerin aller Zeiten und lief ehrfürchtig und zu mir nach oben schielend bei Fuß.

Es ist sengend heiß, wir gehen hintereinander her und schweigend nimmt der Freund einen Zug an seiner Selbstgedrehten. Die Hunde haben nach anfänglichem Gezerre einen gemeinsamen Takt gefunden und traben, lose durch die Leine verbunden, in Richtung der schattenspendenden Obstbäume, ein Stück weiter den Hang hinauf.

Regen, sagt der Freund schießlich und spuckt einen Tabakkrümel auf den staubtrockenen Boden, es soll regnen am Abend.

J., dessen Waden ich beim Gehen unentwegt beobachte wie ein anatomisches Modell, so definiert sind sie und so deutlich zu erkennen sind die beiden Bäuche des musculus gastrocnemius, nickt. Die Natur freut sich, sagt er und wirft eine Blick auf die vertrocknete Landschaft ringsum.
Einen Moment schreiten wir weiter stumm aus, die Stille des heißen Tages liegt drückend auf unseren Schultern und ich betrachte das Faserspiel von J.s Muskeln, während dessen Worte sich langsam den Weg in meine Gedanken bahnen.

Die Natur freut sich, denke ich und vor meinem inneren Auge entsteht das Bild einer masochistischen Alten, die inmitten eines Feldes steht, das sie selbst in Brand gesetzt hat, und lachend eine Gießkanne mit Wasser über ihrem Kopf ausleert.

Die Natur freut sich, wiederhole ich laut und muss lachen.
Was ist so lustig daran, will J. wissen, doch ich kann schon nicht mehr antworten, so sehr schüttelt es mich. Auch der Freund hat jetzt angefangen tonlos zu lachen, die Augen zusammengepresst laufen ihm die Tränen herunter und er grimassiert und windet sich in stumm verzweifelter Erheiterung, bis sein Kehldeckel sich endlich öffnet und er prustend sich kaum noch auf den Beinen halten kann, derweil J., mit seinen schönen Waden, ratlos weiter geht, mit den Schultern zuckt und nicht weiß, wie ihm geschieht.

Die Natur freut sich! japst der Freund jetzt in hysterisch-schriller Stimmlage und läuft, nein torkelt, gebückt vorwärts, die Arme vor dem Brustkorb verschränkt.
Ein Stück weiter des Weges bleiben die Hunde stehen und drehen sich, unsicher mit dem Schwanz wedelnd, zu uns um.

Minutenlang stolpern wir gemeinsam den steinigen Feldweg entlang und lachen und lachen und kriegen kaum Luft, bis unsere Freude langsam abebbt und wir noch vereinzelt kurz aufjauchzen, erschöpft von soviel Heiterkeit und der glühenden Sonne über uns.

Das nächste Dorf ist nicht mehr weit.

 

 

 

 

 

 

Bild: Niko, Feldweg-Glonn, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

18 Kommentare zu “Die Natur freut sich

    • Ein wunderbares Bild, finde ich auch.

      Die Hunde liefen den steinigen Weg entlang. Die Eine der beiden hatte eine Vorliebe für Güllepfützen, in denen sie sich zu wälzen pflegte. Deswegen haben wir ihr sozusagen den Anstands-Wauwau zur Seite gestellt.

      Ich freu mich über Deine anerkennenden Worte udn immer wieder darüber, dass Du so fleißig und interessiert mitliest. Danke!

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