Dead End, oder Im Tal der Unken

la_terra_trema_visconti

Vor lauter vorsorglich geordnetem Alltag fehlt im Moment die Zeit für´s Internet, und auch ein wenig die Lust. Mein „richtiges“ Leben zieht mich weg von diesem Bullauge an dessen dickes Glas es grünlich heran schwippt und schwappt und wie so oft ist mir das, was mir vertraut war unversehens fremd und sehr weit weg.

Tot liegen die Fische im Sand

Manchmal entdecke ich beim Aufräumen vergessene Gegenstände, ein superflaches mokkafarbenes Handy von Sony Ericsson zum Beispiel, das ich Jahre lang in Benutzung hatte (ich, Weltmeisterin des Blindtippens) und auf dem ich in Wartezeiten, während ich im Abendmahl saß, mit dem Flammenden Inferno bereits fertig war und auf die umwerfende tödliche Eiscreme wartete, derweil die Transen am Nebentisch über den neueröffneten Laden, die Olfe, tuschelten, und untröstlich waren, dass das Café Anal, nach monatelanger Renovierung, nun doch für immer seine Pforten geschlossen behielt, (ich unterdessen also) Erix spielte, oder mir mit einer Hand durch´s frisch geschnittene, lange Haar strich, während die andere eine Zigarette an die blutroten Lippen führte und meine Lungen sich bis in die Spitzen mit angenehm brennendem Rauch befüllten, damit es innerlich, kaum hörbar zischen möge, bevor ich, mit gekonnt-lässigem Gesichtsausdruck. den blauen Qualm wieder ausblies.

Wie eine Requisite aus dem Leben eines anderen Menschen, einer Schauspielerin, Eleonore Duse meinetwegen, erscheint mir dieses Handy, das ich von einer Kiste in die nächste sortiere, verknüpft mit der Zeit von agua di gió, Puder von Clinique, Lippenstift von Chanel und size zero auf den Hüften. Was war diese Frau zeitweilig für ein eitles Markenschweinchen, denke ich dann, und dabei so selbstbewusst und stilsicher, und ich habe gar kein Gefühl mehr dazu, dass ich diese Frau bin oder war, denn längst bin ich weiter gezogen auf der avenida de la caída. Size one.

Ein anderes Ich ist heute mein Zuhause, vielleicht sollte ich besser sagen mein Bahnhof, denn der Ort, an dem ich lebe, schickt mich Tag für Tag weiter auf die nächste Etappe. Früher ist nicht einmal mehr Erinnerung, nur noch ein verblassendes Bild in einem nachträglich gesteckten Rahmen, verwahrt in einem verwitterten Schuppen am Horizont. Wie wollte man mich bestrafen oder bewundern für Sünden oder Siege der Vergangenheit. Man träfe doch immer die Falsche.

Is there none such nowhere known some?

Keine Wehmut, eher Staunen, nach hinten mehr als nach vorne. Nur manchmal erscheint ein mirabellengoldener Streif am abenddunklen Saum des Gestern. Noch leuchtet heller die Zukunft, das Morgen.

Mit meinem Internetleben ist es nicht anders. Auf einem anderen Stern habe ich damals angefangen, und bin nach dessen Ausverkauf zum eigenen Blog gekommen, ohne vorher jemals nur einen Blick in diese kleinen Privatmagazine geworfen zu haben. Nur vom Hörensagen kannte ich diese Welt und sie erschien mir lange Zeit die reinste Zeitverschwendung zu sein, etwas für Leute ohne Interessen und ohne Freunde. Ein Ort ohne Gleise, dead end, das Tal der Unken. Keine Ahnung, wie ich auf sowas gekommen war. Die Andere musste es sich ausgedacht haben.

Viele Blogs, die ich zu Beginn meiner Zeit hier las, habe ich inzwischen aus dem Blickfeld verloren, bei manchen verfolge ich ab und an noch ihre Rufe in die Wüste und einige kann ich nicht mehr lesen, weil es die Frau, die diese Texte goutiert hätte nicht mehr gibt.

Scrolle ich dann durch meine eigenen Beiträge, jene über die Liebe oder diese über den Tod, die heiteren, lustigen, traurigen und verzweifelten, wundere ich mich über die Klaviatur, die diese fremde Person bespielte.

Wer war ich bloß, oder war ich´s gar nicht?

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Wikipedia gemeinfrei, La Terra Trema, Visconti

15 Kommentare zu “Dead End, oder Im Tal der Unken

    • Auch der immer gleiche Weg harkt sich jeden Tag auf´s Neue anders. Wahrscheinlich kann man auch beim Blick aus einem Gefängnisfenster täglich an einer anderen Station ankommen.

      Ich freue mich sehr über Deinen Zuspruch, danke!

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  1. So ungefähr muss sich Bowie gefühlt haben, als er where are we now schrieb, stelle ich mir vor. Den Mirabellengoldenen Streif im Herzen weiterziehen – sehr berührend! (Und den Zigarettenqualm in die dann sehr alten Lungen ziehen, um dereinst nach langer Abstinenz kurz vorm Ende noch einmal das Zischen zu hören – das wäre mein persönliches Szenario :)

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  2. ausgezeichneter Text. Rigoroser als die meisten sagst du dich von früheren Erscheinungsweisen deines Ich los, erklärst sie für abgelebt. Es sind allerdings nur die Erscheinungsweisen, denn das Ich, das alles zur Erscheinung bringt, ist dasselbe seit eh und je und in alle Zukunft, auch wenn du meinst, .“ein anderes Ich“ sei nun „dein Zuhause“, bzw „diese Frau“ sei eine Untermieterin, die vor einer Weile ausgezogen ist und die du zufällig auf der Straße triffst und begrüßt mit einem Hallo. LG Gerda

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  3. Der Text besorgt mich so. Schreib weniger kryptisch, aber schreib!

    Wer mein Internet-Ich eigentlich ist, darüber denke ich auch manchmal nach – es ist sicher das bessere Ich. Allein, dass man Nähe besser dosieren kann oder sollte man sagen: phantasieren, macht das Gespräch angenehmer. Andererseits, auch hier im Netz entsteht Bindung, z.B. leide ich noch immer darunter, dass Uhupardo nicht mehr schreibt, als wäre mir ein Freund abhanden gekommen.

    Nein, das ist kein Ort ohne Gleise. Es fahren Züge z.B. nach Frankfurt.

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    • Mir musst Du das nicht sagen- sowas hat die Andere sich ausgedacht.
      Wir haben so unsere Phasen. Und selbstverständlich fahren hier Züge ab, nur an manchen Tagen nicht. Vielleicht kann ich dann einfach den Fahrplan nicht richtig lesen.
      Das Netz ist schon deswegen ein Gewinn, liebe Carmen, weil ich Menschen wie Dich hier getroffen habe.
      Herzliche Grüße in die Heimat!

      Gefällt 1 Person

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