Das Gewand

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Auf einem hölzernen Bügel hängt ein schwarzes Gewand.
Aus schwerem Stoff gefertigt, wird es im Rücken mit einem durchgehenden Reißverschluss zusammengehalten.Vorne ist es hochgeschlossen und seine schmalen Ärmel reichen bis zum Saum. Die auf der Vorderseite eingelassene Falte lässt es nach unten hin ein wenig aufspringen.

Vor einigen Wochen, vielleicht sind es auch Monate, erwarb ich dieses ungewöhnliche Kleidungsstück, dessen talarähnliches Aussehen mich bereits beim Betreten des, von lauter Musik durchwummerten, Geschäftes auf eine unerklärliche Weise angezogen hatte und mich es ohne Anprobe kaufen und nach Hause tragen ließ.

Ein paar Tage hing es dort und immer wieder beäugte ich es ratlos. Dann nahm ich es vom Bügel, brachte es zur nahegelegenen Schneiderin und bat sie es zu kürzen. Nach dem Abholen hängte ich es erneut auf, wählte dieses Mal aber einem Platz dicht unter der Zimmerdecke, so, dass ich seither aufblicken muss um es zu betrachten.

Manchmal stelle ich mich direkt darunter, schaue in sein Inneres hinein, wie in ein Zelt und sehe mich plötzlich in einem hellen, gefliesten Raum stehen. Unbekannte Hände streifen mir das Gewand über meine ausgestreckten, willenlosen  Arme und verschließen es im Rücken. Unterdessen laufen tuscheschwarze Tränen über mein bleiches Gesicht.

Vor diesem Tag fürchte ich mich und bis heute habe ich es nicht gewagt auch nur das Preisschild zu entfernen, geschweige denn das Kleidungsstück in den Schrank zu hängen.
Ich habe Angst, dass die Regel, nach welcher allein der mitgenommene Schirm den Regenguss verhindern kann, auch hier Gültigkeit finden würde.

Solange ich das Gewand unberührt hängen lasse wird das Ereignis, für welches ich es mir gekauft habe, nicht eintreten.

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, px4u by team cu29, Herbst
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

27 Kommentare zu “Das Gewand

    • Es stimmt aber schon, dass wir mitten im Leben vom Tode usw.
      Merkwürdigerweise beruhigt mich das Gewand inzwischen. Es blickt stumm zu mir herab und solange es dort oben hängt wird hoffentlich nichts passieren.

      (Der Text war eigentlich als Schreibübung gedacht, die ich nicht veröffentlichen wollte. Jetzt hab ich´s doch gemacht)

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  1. Liebe Frau Tikerscherk, bitte etnschuldigen Sie, dass ich Ihnen ein Testmail zugemutet habe. Eigentlich wollte ich ihnen sagen, dass mir der Text über das schwarze Kleid sehr nahe gegangen ist – und dass ich Ihnen von Herzen wünsche, dass Sie es noch lange nicht tragen müssen. Aber meine Probleme mit wordpress haben die Oberhand behalten. Es sei hier im Nachhinein hinzugefügt!

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    • Liebe frau frogg,
      danke für die freundlichen Worte. Mir geht das Gewand weniger an die Nieren, seit ich das Ganze in Worte gebannt habe.
      Test und Kommentar sind gut angekommen und letzterer hat mich erfreut, danke!

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  2. Gemeinhin macht der Tod ja was er will. Kann man machen nix. Wenn er aber mit den Hufen scharrt, bevor er dran ist, kann das doch ganz schön nerven. Da finde ich Deine Taktik, ihn einfach mal baumeln zu lassen, sehr einleuchtend!

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  3. Beunruhigend… einerseits. Andererseits versinnbildlicht das Gewand ja nur, was mitten unter uns ist. Ich glaube aber, wenn es in Erscheinung tritt, dann gibt es dafür einen Grund. Faszinierender Text. Beschäftigt mich.

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    • Dieser Text war nicht für´s Blog gedacht. Technisch gesehen ist er eine Schreibübung.
      Inhaltlich ist er ein Stück mitten aus dem Leben.
      Sich zu ergeben kann eine gute Strategie sein. Manchmal die Beste.

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