Schleudertrauma

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Den Einheitstag hatte ich schon lange als Putz- und Waschtag eingeplant.
Ich sortierte also am Morgen meine Textilien vor und fing mit der Kochwäsche an.
Als ich nach dem ersten Durchlauf die Wäsche aus der Maschine nehme ist sie überraschenderweise tropfnass. Ich stopfe sie geradewegs wieder zurück, wähle schleudern und pumpen und räume weiter auf. Doch statt zu tun wie ihr geheißen, dreht und dreht und dreht sich die Trommel lustlos im Kreise herum und will und will und will partout keine Fahrt aufnehmen.

schwipp schwapp kreisel kreisel

Das geht eine ganze Weile so, kein hysterisch sich hochschraubendes Schleudergeräusch ist zu vernehmen, stattdessen immer nur schwipp und schwapp, und dann, auf einmal, wird auch schon abgepumpt.

wusch wosch susch sosch

Natürlich ist die Wäsche genauso nass, als wie zuvor, und da ich keine Ahnung habe, was mit der Maschine nicht in Ordnung sein könnte, befrage ich das Netz und finde sofort allerlei Erklärungen für „Waschmaschine schleudert nicht richtig“. Was sich auf die Schnelle selbst testen und machen lässt (Flusensieb und dahinterliegende Propellerschraube freilegen und reinigen) erledige ich, was nicht, das soll am nächsten Tag ein Waschmaschinendienst unter die Lupe nehmen, ich kann schließlich nicht das schwere Gerät ohne Hilfe ausbauen, herumwuchten und auseinanderschrauben. (Wo ist eigentlich mein Leatherman abgeblieben?)
Zu meinem Trost sind sämtliche Beratungsseiten einhellig der Meinung, dass eigentlich nichts Gravierendes defekt sein könne. Ein Kohlestift vielleicht oder andere preisgünstige und leicht auswechselbare Teile. Beruhigt und zuversichtlich gehe ich zu Bett.

Gestern, gleich nach dem Aufstehen, rufe ich als erstes einen der zahlreichen Berliner Waschmaschinenreparaturdienste an, die damit werben für Anfahrt und Kostenvoranschlag lediglich 5 Euro zu berechnen. Sogar ein Fernsehsender soll den hervorragenden Service der Firma ausgezeichnet haben. Na dann.

Nur eine Stunde später steht ein baumlanger Muskelberg mit Latzhose, Bart und Koteletten in meiner Wohnung, stößt mit seinem Kopf an meine Flurlampe und steckt, kaum, dass er meine Küche betreten hat, schon den Arm in die Trommel der maladen Maschine, dreht diese einmal im Kreise herum als suchte er den verlorenen Socken, und sagt dann: Motorschaden. Die Trommel dreht nicht mehr korrekt.
Aha
, wundere ich mich, aber die Maschine wäscht doch tadellos und pumpt ohne Probleme. So hinüber kann der Motor eigentlich nicht sein.
Leider doch. Da gäbe es keinen Zweifel. Das Drehgeräusch der Trommel belege eindeutig den Motorschaden.
So klingt die Trommel schon immer, entgegne ich, die ich oft genug hinein gegriffen und sie auf der Suche nach verbliebenen Textilien bewegt habe.
Dem Hünen tut das zwar wirklich sehr leid, aber der Motor sei ganz sicher hinüber und da es sich um einen Waschtrockner von Miele handele, seien die Ersatzteile sehr teuer. Das sei bedauerlich, doch Qualität habe eben ihren Preis und Miele…! Den Rest des Satzes soll ich mir wohl denken.
Was kostet denn ein neuer Motor, will ich von ihm wissen und fürchte mich schon jetzt vor der Antwort.
Neu kommt der Motor inklusive Einbau und zwei Jahren Garantie auf neunhundert Euro, sagt der Waschmaschinenexperte mit bedauerndem Gesichtsausdruck.
Statt mir ans Herz zu fassen und ohnmächtig umzufallen, schaue ich ihn ungläubig an und sage: Wie bitte? Da kann ich mir ja gleich eine neue Maschine kaufen!
Ja, aber keine Miele.
Brauche ich auch nicht
, lüge ich.
Um Gottes Willen, sagt der Hüne jetzt, der, während ich innerlich noch nach Luft ringe, bereits seinen Kopf unter die Spüle gesteckt hat, um dort nach dem Rechten zu sehen, wie haben Sie denn die Waschmaschine angeschlossen? Da ist ja gar kein Aquastopp am Schlauchende!
Das sei aber wirklich ein Ding und gefährlich obendrein, erläutert er mir. Der hochwertige Waschtrockner bräuchte nämlich dringend einen korrespondierenden Aquastopp, der mit jenem, der direkt an der Maschine angebracht sei, zusammenspiele. Wenn ich jetzt einen Wasserschaden hätte, würde keine Versicherung der Welt dafür aufkommen.
Auf meine Entgegnung, dass das Ganze aber seit 6 Jahren ohne irgendwelche Vorkommnisse läuft und meine Spülmaschine ebensowenig über einen zweiten Aquastopp am Schlauchende verfüge, entgegnet er mit zusammengezogenen Augenbrauen und sehr ernstem Blick: Da haben Sie bisher ein Riesenglück gehabt.
Bei diesem Satz breche ich nun tatsächlich beinahe in lautes Gelächter aus, denn von Glück kann nach dem aktuellen Wasserschaden wegen einer defekten Armatur wohl kaum die Rede sein, und wenn ich Bilanz der letzten Monate, ach was, der vergangenen Jahre ziehe,  noch viel weniger. Doch statt mich in larmoyanten Betrachtungen über mein Katastrophenleben zu verlieren, frage ich den Installeur lieber: Und was mache ich  jetzt?

Wenn Sie keine Probleme haben wollen, dann sollte da ein neuer Schlauch mit Aquastopp dran. Am Besten ein Miele-Originalteil, und das kostet inklusive Einbau und Garantie 350 Euro, antwortet der Muskelberg und ich spüre, wie meine Bronchien sich zusammenziehen.
Für einen kurzen Moment hängen diese furchtbaren Neuigkeiten und die damit verbundenen horrenden Kosten im Raum, bis ich mich wieder gefangen habe und ihn wissen lasse, dass ich überhaupt kein Geld für solche irrsinnigen Ausgaben übrig habe. In Anbetracht der erheblichen Summen, die da auf mich zukämen, zöge ich es vor fürderhin  meine Wäsche nass aus der Trommel zu fischen und sie eigenhändig auszuwringen, ehe ich sie aufhängte.

Das sei schade, drängt er mich, die Maschine sei ein so edles Teil, dass sich die Reparatur auf jeden Fall noch lohnen würde. Ansonsten, lenkt er auf mein vehementes Kopfschütteln hin ein, könne er mir auch einen gebrauchten Motor für 350 Euro besorgen oder aber mir einen AEG- (Aus Erfahrung Gut) Waschtrockner für 450 Euro anbieten. Mit Garantie, versteht sich.
Darüber müsse ich erst einmal nachdenken, antworte ich, und außerdem müsse ich sowieso schauen, wie bzw. woher und wie ich soviel Geld organisieren könne.
Kein Problem sagt der Hüne, als ich ihm die 5 Euro für Anfahrt und Kostenvoranschlag in die Hand drücke, in ca. zwei Stunden melde er sich wieder bei mir, um mir die Daten des gebrauchten Waschtrockners durchzugeben.

Als er und sein schweigender Komplize verschwunden sind, rufe ich beim Miele-Kundenservice an, beschreibe mein Problem und berichte von der Diagnose des Installeurs. Nachdem die Frau am anderen Ende der Leitung mir geduldig zugehört hat, beruhigt sie mich augenblicklich. Der Motor sei ganz sicher nicht defekt, und ich solle bitte vorsichtig sein derartigen Aussagen Glauben zu schenken. Es handele sich  um einen Mielemotor, der sei eigentlich unzerstörbar und koste als Ersatzteil im Übrigen auch nur einen Bruchteil dessen, was mir genannt worden war. Statt nun den Miele-Kundendienst zu beauftragen, möge ich bitte erst einmal die Maschine leer und ohne Waschmittel laufen lassen, schauen, ob sich dabei viel Schaum in der Trommel bilde und, falls ja, im Anschluss einen Waschmaschinenreiniger aus der Drogerie besorgen und diesen nach Anleitung durchlaufen lassen. Den Siphon könne ich zur Sicherheit gleich noch mit Natron und Essigessenz reinigen und dann dürfte die Maschine wieder schleudern wie zuvor, denn das Ganze sei, mit ziemlicher Sicherheit, allein ein Problem des Wasserzulaufes.

Gesagt, getan, und was soll ich sagen: es war exakt so, wie die freundliche Dame des Miele-Kundenservice mir prophezeit hatte. Nach dem Reinigungsprogramm und dem Natron/Essigessenz-Gemisch funktioniert mein Waschtrockner nun wieder wie in alten Zeiten. Er wäscht, schleudert und pumpt und die ganze Wohnung hängt voll mit frisch gewaschenen, duftenden Textilien.  Ich bin halt doch ein Glückskind.

Der Waschmaschinenreiniger kostete mit 1,89 € übrigens ein Sechshunderteinundsechzigstel dessen, was der geschäftstüchtige Installateur mir abknöpfen wollte, über dessen dreisten Betrugsversuch ich heute bereits die Verbraucherschutzzentrale in Kenntnis gesetzt habe.

 

 

 

 

 

 

Bild: Luchs Later, Waschmaschine, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Jeck & Jecken, oder Wahnsinn & Frohsinn

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Manchmal scheint mir ich bin (sei und wäre) Rheinländerin. Denn mein Humor, Quell lustigsten Lachens und Born rührigsten Rühmens, mag zwar mitunter ein klein wenig gelitten haben unter den alltäglichen Challenges (como se dice en neudeutsch) denen er tagtäglich ausgesetzt ist; regelrecht ramponiert schaut er dann drein, wie ein angefahrenes Schaf, und entsprechend desolat guckt er auch aus der Wäsche, mal bildlich gesprochen und zum besseren Verständnis, doch vergehen tut er, typisch rheinländisch halt, nie. Früh und gründlich angelegt (als Schülerin der Neuen Frankfurter Schule ) ist er Teil meines limbischen Systems und fest verankert mit dem Frontallappen, dem Kortex, dem Hyperbrachialamus und so weiter. Da hülfe (starkes Verb) nicht einmal eine Lobotomie ihn mir auszutreiben.

Wer´s noch nicht wusste und aproposito Lobotomie: vorlauten Teenagern stocherte man nämlich früher (bis in die 1950er Jahre hinein) mit einem Meißel im Gehirn herum, damit sie endlich mal aufhörten dämlich zu kichern und vor Freude wie toll zu wiehern.
Auch eine der Kennedy-Schwestern mußte daran glauben, als die Lebenslust sie abends um die Häuser ziehen ließ, während ihr ehrgeiziger Vater an seiner Karriere feilte und keinesfalls Großvater werden wollte. Das Lachen ist ihr gründlich vergangen, der Rosemary. Postoperativ schwerstbehindert endete sie (von ihrer Familie totgeschwiegen) in einem Heim, und bekam erst Jahrzehnte nach dem Gehirnmassaker, veranstaltet von einem Freund der Familie und dem Lobotomiechirurgen überhaupt, Dr. Freeman, den ersten Besuch ihrer Mutter. Da zuckte die alte Rosemary noch einmal hoch, stürzte sich auf die schändliche Verräterin und scheuerte ihr eine, dass es weithin schallerte.
Rosemarys Schicksal führte übrigens später zur Gründung der Special Olympics.

Doch dieser kleine Ausflug nur nebenbei. Passt gar nicht zu mir, so trübes unappetitliches Zeug zu erzählen. Ich hoffe, dass niemand sich davon die gute Laune verderben hat lassen, wo doch gerade an einem solchen Tag, wenn der Regen gemütlich herunter prasselt und uns eintrommelt auf die dunkle Jahreszeit, die ersten Lebkuchen und Marzipankartoffeln besonders lecker munden (aus Jux Sprachebene gewechselt) und man einfach mal seine Ruhe haben möchte.

Abgeschweift.

Wo andere Helau und Alaaf riefen, krähten wir Kinder meckmeck in Anlehnung an den Namen des ortsansässigen Karnevalsvereins, der zugleich auch Turnverein war und Die Meckerer hieß. Wenn dort zur Fassenacht die Büttenreden gehalten wurden und jeder Kalauer im Anschluss mit einem Tusch kenntlich gemacht wurde, rief zuerst der Vorbeter Kölle Alaaf oder Mainz Helau und wir Kinder schrien im Anschluss im Chor und wie von Sinnen, Seckbach meck meck!, bis wir heiser waren am Abend und unsere Eltern zufrieden.

Es gibt viele Wege ein Kind zum Schweigen zu bringen. Klamauk ist eine davon.

 

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Im Bergmannkiez wurden übrigens inzwischen auch alle Irren mundlos gemacht.
Null Stimmen für die AfD bei der Wahl vor zwei Wochen.

 

 

 

 

Bild: Wladislaw Podkowinski, „La Folie“ (1894)/ Quelle: Wikimedia

Hartriegel

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Hartriegelgewächse. Allein der Name. Ansonsten aber ganz schön. Sehr schön eigentlich. Vor allem im Winter. Heute jedoch nicht.

In der B-Ebene der U-Bahn gab es Säulen. In den Säulen wurden die Obdachlosen oder Junkies zuerst gefilzt und dann verprügelt. So sagte man. Ab und an sah man Sicherheitspersonal in diese ovalen fensterlosen Folterkammern hinein gehen. Ich erinnere mich nicht, dass sie tatsächlich mal einen im Schlepptau hatten. Aber das heißt ja nichts. Die Geschichte ging trotzdem rum und hielt uns an zaghaften Tagen vom Schwarzfahren ab. Bloß nicht in die Fänge der Brutalinskis geraten. Wobei, als Frau.

Als Frankfurterin war man ja abgehärtet, wuchs man doch mit dem Heinrich-Hoffmann-Menetekel auf.
Der Struwwelpeter hing als Plakat und immerwährende Drohung in meinem Kinderzimmer und der abgeschnittene Daumen war so allgegenwärtig wie Minz und Maunz, die Kleinen.
Allein die Sache mit dem Suppenkasper schreckte mich nicht. Er mußte ja nicht hungern. Hätte ja was essen können, war doch genug da. Seine Entscheidung.
Später legte ich selbst eine Magersuchtsphase ein, aus der ich dann allerdings mit der Zeit wieder herauswuchs. Zugunsten einer Bulimie, die sich gewaschen hatte. Zehn Jahre habe ich insgesamt mit diesem Mist verplempert. Als hätte man soviel Zeit im Leben.

Am meisten Angst hatte ich vor Gott. Wenn dem etwas mißfiel konnte das mehr Ärger bedeuten, als wenn die Mutter sauer wurde, und das wollte schon was heißen. Wegen seiner Rachsucht wendete ich mich später vollends von ihm ab und habe nie wieder etwas Ähnliches gefunden. Die sich anschließende Zeit der Selbstkasteiung war irgendwann auch vorbei, volljährig war ich obendrein, Drogen hatten nicht den gleichen Geißelungseffekt wie Gottes harte Hand und so lebe ich seither ohne Schimpfe und Schelte und bin es zufrieden.

Nur der Tierarzt ist manchmal böse auf mich, wenn ich etwas besser zu wissen glaube als er, weil ich mir einbilde meinen kranken Hund und die kotzende Katz gut zu kennen. Dann meckert er und ich falle vor ihm auf die Knie, verbeuge mich vielmals, küsse seine Schuhe und bitte um Vergebung. Das sind Momente des größten Glücks und einer kindlichen Geborgenheit, wie ich sie lange nicht mehr erlebt habe.

 

 

 

 

 

 

Foto: rishon lezion, gun thunder, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/