Reling

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Der befreundete Anästhesist schickt mir eine Empfehlung zur Medikation vor, während und nach der Narkose, weiterzureichen an den behandelnden Kollegen. Sein Rat: von allem so wenig wie möglich. Außerdem möge man „auf alle möglichen kardialen Überraschungen gefasst (…) sein, und sich von allen Seiten Glück und eine glückliche Hand wünschen (…) lassen“.
Da kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen.

Vor den zu erwartenden Schmerzen habe ich gar keine Angst. Die lassen sich wegatmen. Ich beherrsche die Technik der Flucht nach innen, an einen sicheren Ort, von dem aus ich so ziemlich alles ertragen kann. Ruhig und hell ist es dort und ich bin stark und unverwundbar. Es ist mir möglich aus meinem Körper herauszustreten und mich vor Unbill zu schützen, solange ich mich mit meiner Seele an mir selbst, meiner inneren Reling, festhalten kann.

Angst habe ich allerdings davor, dass genau dieser Rückzugsort mir durch die passagere Psychose, die ich jedes Mal nach einer Narkose durchlebe, zeitweilig abhanden kommen könnte. Dass aus meiner Seele wieder ein hauchdünnes Flatterband ohne Substanz und ohne Hafen wird, dass ich mir selbst verloren gehe, irgendwo auf dieser Reise und ich erst mühselig und über Wochen und Monate die versprengten Teile einsammeln und zusammensetzen muss.

Ich fürchte mich davor, dass mir ein Gruselclown im Krankenhaus erscheint, dass ich von Paranoia gejagt aus dem Fenster springen möchte, dass ich ohne Kurzzeitgedächtnis ziellos in meinem Wahn herumschippere (für mein Umfeld übrigens nur während der ersten zwei Tage nach der Op bemerkbar) und, dass ich nicht mal Valium zur Beruhigung bekommen werde, weil ich auf Benzodiazepine paradox reagiere, nämlich mit manischen, exhibitionistischen Anwandlungen (note to myself: schöne Unterwäsche einpacken, für den Fall).

Gleichzeitig freue ich mich, dass ich dann wohl hoffentlich schon übernächste Woche beschwerdefrei bin, und, dass ich im Krankenhaus endlich werde schlafen können, ohne ständig auf das Atemgeräusch des Hundes, oder das Gluckern in ihrem Bauch lauschen zu müssen.
Töle wird, und das macht mich besonders glücklich, während meiner Abwesenheit von dem Einen versorgt werden, trotz allem, ebenso wie die Katz.
Das ist eine so schöne Wendung, dass mir alles andere auch nicht mehr soviel ausmacht, und wenn ich dann noch daran denke, wieviel Unterstützung ich von den lieben befreundeten Netzfrauen bekomme, dann möchte ich beinahe frohlocken und bin schon gleich wieder ganz zuversichtlich und vergnügt. Danke, danke, danke!

Den geborstenen Wassertanks in der Welt möchte ich zurufen: Seid Ihr noch ganz dicht?

Und überhaupt sende ich prophylaktisch schon mal ein paar Grüße rund um den Globus, den ich auf meinem Kurztrip zu bereisen gedenke.

Mit etwas Glück krieg ich sogar Propofol verabreicht und werde damit einen wunderbaren Rausch erleben! Falls ja, kriegt Alice bei Interesse einen kleinen Erfahrungsbericht dazu.

Montag Vormittag geht’s los. Ich wünsche meiner Leserschaft ein erholsames Wochenende, beware of the Gruselclowns und haltet Euch immer schön an der inneren Reling fest, dann kann Euch nichts passieren.

 

 

 

 

Bild: Alexandr Shepchenko, Француз is a Clown, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

58 Kommentare zu “Reling

    • Ziemlich viel los da, im Krankenhaus, ich weiß. Ich hab in meinem gesamten Leben schon etwa ein dreiviertel Jahr im Krankenhaus verbracht, davon 6 Monate am Stück. Aber es gibt diesen Nachmittagsschlaf und dann diesen kurzen Frühabendschlaf und den nach dem Essen und dann das Dösen nach dem Frühstück sowie die vielen Schlafsequenzen zwischen den nächtlichen Störungen, die alles in allem etwa 10 Stunden Schlaf täglich machen- ein Traum! (Ich versuche mir Mut zu machen)
      Danke!

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  1. die reling ist da, dicke taue, stabiles geländer, haltegriffe, rettungsringe sogar seh ich da hängen … menschen sind da oder schicken kraft und energie, gute vibrations und sanfte gedanken aus der ferne … also ich denke an dich! alles, alles gute und liebe dir! bis bald!

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  2. rettungsring ist ja zum glück an der reling festgemacht, werfe noch ein paar schwimmflügel rüber fürs herzchen und halten alle verfügbaren daumen und pfoten gedrückt.
    vielleicht machts universum ja einen kleinen stolperer und alles geht einfach und glatt ! :-)

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    • Ich glaube das hat er, eine glückliche Hand.
      Hab gestern Abend mit ihm telefoniert. 45 Minuten hat er sich nach Feierabend Zeit genommen mit mir zu sprechen. er ist sehr detailliert auf alle Fragen eingegangen und hat ebenso genau nachgefragt. Menschlich schonmal ein Volltreffer. Was soll da noch passieren!

      Danke für die guten Wünsche, lieber Jules. Hab zum Glück noch zwei ganze Tage bis es soweit ist.

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  3. Ein guter Chirurg ist doch schon fast eine Erfolgsgarantie und wenn die Anästhesie auch funktioniert – und warum sollte sie nicht – ist ja schon fast alles gelaufen. Strapse im Volldelir ? na wenn schon, in Spitälern sind die doch noch ganz anderes gewöhnt, und dir macht es womöglich Spaß. Ich wünsche dir herzlichst guten Erfolg und wenn die innere Reling auch ein bissl wackeln und vibrieren mag, so bleibt sie doch stehen …..

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    • In der Manie macht ja alles irgendwie Spaß, aber auf eine qualvolle, zwanghafte Weise. Zum Glück wird das ja alles ganz anders kommen und darüber bin ich jetzt schon froh, wie der Mops im Paletot.
      Danke für die guten Wünsche- sie werden das ihre zum Gelingen beitragen.

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  4. Die Alpen hier ums Eck lassen ausrichten, Du sollst Dir ein Beispiel an ihnen nehmen und Dich nicht unterkriegen lassen. Sie drücken alle Gletscherspaltendaumen (war a weng genuschelt, ich hoffe, ich gebe es richtig wieder), auf dass Du sie bald wieder besuchst.
    Grüßle, Diander

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  5. Alles Gute auch aus dem Wald, dem einsamen. Wenn hier schon Chirurgen und Anästhesisten topp sind, wie gut müssen die dann erst in der Weltstadt sein?! Also keine sorge! Und dass die Töle gut versorgt ist, das ist doch auch perfekt! Ganz liebe Grüsse!

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  6. Na, da reihe ich mich doch gerne noch in die Reihe der Andichdenkenden und Gutewegewünschenden ein, was soll passieren, du hast deine Reling, die wird dich halten, da bin ich jetzt mal ganz Optimistin und freue mich auch über den Einen, der Töle und Katze versorgt, sodass du beruhigt der Genesung entgegenschlummern kannst …
    toitoitoi
    Ulli

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