Hartriegel

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Hartriegelgewächse. Allein der Name. Ansonsten aber ganz schön. Sehr schön eigentlich. Vor allem im Winter. Heute jedoch nicht.

In der B-Ebene der U-Bahn gab es Säulen. In den Säulen wurden die Obdachlosen oder Junkies zuerst gefilzt und dann verprügelt. So sagte man. Ab und an sah man Sicherheitspersonal in diese ovalen fensterlosen Folterkammern hinein gehen. Ich erinnere mich nicht, dass sie tatsächlich mal einen im Schlepptau hatten. Aber das heißt ja nichts. Die Geschichte ging trotzdem rum und hielt uns an zaghaften Tagen vom Schwarzfahren ab. Bloß nicht in die Fänge der Brutalinskis geraten. Wobei, als Frau.

Als Frankfurterin war man ja abgehärtet, wuchs man doch mit dem Heinrich-Hoffmann-Menetekel auf.
Der Struwwelpeter hing als Plakat und immerwährende Drohung in meinem Kinderzimmer und der abgeschnittene Daumen war so allgegenwärtig wie Minz und Maunz, die Kleinen.
Allein die Sache mit dem Suppenkasper schreckte mich nicht. Er mußte ja nicht hungern. Hätte ja was essen können, war doch genug da. Seine Entscheidung.
Später legte ich selbst eine Magersuchtsphase ein, aus der ich dann allerdings mit der Zeit wieder herauswuchs. Zugunsten einer Bulimie, die sich gewaschen hatte. Zehn Jahre habe ich insgesamt mit diesem Mist verplempert. Als hätte man soviel Zeit im Leben.

Am meisten Angst hatte ich vor Gott. Wenn dem etwas mißfiel konnte das mehr Ärger bedeuten, als wenn die Mutter sauer wurde, und das wollte schon was heißen. Wegen seiner Rachsucht wendete ich mich später vollends von ihm ab und habe nie wieder etwas Ähnliches gefunden. Die sich anschließende Zeit der Selbstkasteiung war irgendwann auch vorbei, volljährig war ich obendrein, Drogen hatten nicht den gleichen Geißelungseffekt wie Gottes harte Hand und so lebe ich seither ohne Schimpfe und Schelte und bin es zufrieden.

Nur der Tierarzt ist manchmal böse auf mich, wenn ich etwas besser zu wissen glaube als er, weil ich mir einbilde meinen kranken Hund und die kotzende Katz gut zu kennen. Dann meckert er und ich falle vor ihm auf die Knie, verbeuge mich vielmals, küsse seine Schuhe und bitte um Vergebung. Das sind Momente des größten Glücks und einer kindlichen Geborgenheit, wie ich sie lange nicht mehr erlebt habe.

 

 

 

 

 

 

Foto: rishon lezion, gun thunder, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

33 Kommentare zu “Hartriegel

  1. Seltsam, dass du aus Frankfurt kommst. Ich hatte dich immer für eine Berlinerin gehalten. Dein Kurzbericht über die Säulen auf der B-Ebene der U-Bahn wirkt wie eine urbane Sage. Ich habe bei einer kurzen Recherche leider nichts weiter darüber gefunden.
    Als gebürtige Frankfurterin müsstet du eigentlich auch den „Anti-Struwwelpeter“ von Friedrich-Karl Waechter kennen, ein Buch, in dem die Kinder triumphieren, ganz im Geiste der antiautoritären Erziehung.

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    • Ich bin mit den Büchern von F.K. Waechter aufgewachsen (und mit der Pardon). Später saß ich mit Waechters Sohn in der Oberlindau in Ffm und wir tranken Bier.
      Den Anti-Struwwelpeter kenne ich auch. Doch zuerst war der brutale Struwwelpeter da. Der hat Spuren hinterlassen, die nie wieder getilgt werden konnten.

      (Wieso ich immer noch im dreckigen berlin lebe und nicht nach Frankfurt zurückkehre, weiß ich eigentlich auch nicht)

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      • Du hast Recht, die Angst- und Drohpädagogik, die dem echten Struwwelpeter zugrunde liegt, richtet Schlimmes an in Kinderseelen. Danke für das Foto. Die Säule wirkt sehr gruselig. Kein Wunder, dass sich urbane Legenden darum ranken, passend zu den schwarzen Sheriffs, die der RMV beschäftigt. 1998 bin ich mal von denen mit dem falschen Fahrschein aufgegriffen worden. Ich glaube, sie haben mich nicht standrechtlich erschossen, weil meine blonde Kollegin glaubhaft darlegen konnte, dass wir uns nur mir den Tarifzonen vertan hatten.

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        • Jajarichtig, die Schwarzen Sheriffs! Legendär udn berüchtigt waren sie. Vielleicht haben die Erzählungen über sie auch unsere jugendliche Phantasie in Frankfurt beflügelt und wir sahen fürderhin Kontrolettis in ovalen Säulen verschwinden, wo sie mutmaßlich prügelten.

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      • Gott ist kein Comic, aber ich habe nicht lange mit der Frage aufgehalten, was der schwarze Mann mir Sonntags immer erzählen wollte. Der Struwwelpeter ist eine Bildergeschichte – also eine frühe Form der Comics. Mein erster Comic, das ich lesen sollte, war Superman. Der hatte eine blaue Unterhose an mit einem Gürtel. Den Umhang hätte ich ihm ja noch verziehen aber nicht den Gürtel. Das war nur der Anfang, einer langen Reihe von Comic die ich nicht verstanden und also auch nicht gelesen habe. Und verliebt war ich in ein Mädchen aber die kam nicht aus einem Comic und sie war auch nicht Gott für mich :-) Ein Mädchen, eben.

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        • Hab doch bloß gescherzt…
          Superman fand ich übrigens auch lächerlich in seiner Verkleidung und an Donald reizte mich weniger seiene Erscheinung als der ehrlich-arglose Charakter, der da gezeichnet wurde.
          Ich habe ein paar der schwarzen Männer in meiner Familie und ich habe dem, was sie am Kaffeetisch sagten stets mehr Glauben geschenkt, als dem, was sie von der Kanzel predigten. Wenn mir jemand erzählen möchte wie und was Gott genau will, dann weiß ich schon, daß das nicht stimmen kann.

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  2. Vor Gott oder dem Struwwelpeter habe ich nie Angst gehabt, aber vor meiner Mutter und dem Schornsteinfeger schon. Die Suppe nicht zu essen wäre für mich reine Dummheit gewesen. Das Daumenlutschen habe ich von selbst aufgegeben als ich acht war.

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