Außenwelle

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Gibt es die eigentlich noch, diese Dauertanzwettbewerbe, bei denen zu Tode erschöpfte Pärchen sich auf einer halbverlassenen Tanzfläche im Kreise drehen, bis sie umkippen und dafür belohnt werden mit was weiß ich.

Gibt es die eigentlich noch, diese kleinen PEZ-Spender in deren langen Plastikhals man einen Stapel der eckigen flachen Bonbons einlegt und diese dann durch Nachhintenklappen des aufgesetzten Tierkopfes oben wieder herausschiebt und aufisst?(Rauchen verboten, PEZen erlaubt!)

Früher waren es rot eingefärbte Nüsse, die wir aus dem Tischautomaten am Tresen holten, während unsere Eltern beim Ouzo versackten im blauen Dunst.

Gleich nebenan die Reinigung, Röver, und einen Eingang weiter das kleine Wollgeschäft in das ich an einem Herbsttag, ich muss 11 gewesen sein, hineinspazierte, 12 Knäuel dicke taubengraue Schurwolle kaufte und die Verkäuferin anschließend fragte wie ich einen Pullover daraus fertigen könne. Sie erklärte es mir und gab mir ein paar Stricknadeln in die Hand. Danach saß ich jeden Nachmittag bei ihr und strickte, so, wie sie es mir gezeigt hatte, und auch sie handarbeitete schweigend, warf ab und an einen verwunderten Blick zu mir herüber und lächelte.

Man kann sich denken, dass das Ganze nicht den Beifall meiner Mutter fand, doch was sollte sie schon dagegen sagen. An Weihnachten jedenfalls war der Pullover fertig und ich trug ihn zum Gottesdienst in der evangelischen Kirche, unten im Ort. Meine Schwester hatte ihre roten Haare zu einer schönen Außenwelle geföhnt und der Baron spielte hingebungsvoll vor dem Altar auf der Gitarre, dass ihr beinahe ihr junges Herz zerschmolz.

Zuhause dann wird wohl der übliche Weihnachtszirkus mit Schreien und Flüchen stattgefunden haben. Ich erinnere mich nicht daran. Zu gut war das Gefühl in meinem selbstgestrickten Pullover bei Tische zu sitzen und  prostestantisch-korrekten Kartoffelsalat zu essen.

 

 

 

 

 

Bildquelle: Wikipidia, Von Jiri Hönes – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14931679

25 Kommentare zu “Außenwelle

  1. Ach bitte,bitte ein Rezept für protestantisch-korrekten Kartoffelsalat !! Schon klar, dass er in deinem Text nur ein kleiner Nebenaspekt ist, aber ich möchte schon so lange wissen, wie der schmeckt.

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      • meine protestantische mutter, die nie mit uns mädchen zu heiligabend den gottesdienst besuchte, machte den kartoffelsalat noch einfacher.
        die pellkartoffeln wurden geschält, klein geschnitten und dazu kam eine portion fleischsalat von homann. auch nudelsalat wurde so von ihr hergestellt.
        du kannst dir wohl denken, dass ich ganz anders meine salate zubereite.
        gab es freitags bei euch auch fisch?

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          • mich hat eher die mayo im salat gestört.
            heute mache ich alle salate mit öl und essig, das bekommt mir besser und haut nicht so schnell auf die hüften.
            völlerei, dieses wort kennt meine mutter nicht, sie ist sehr wenig, vor 3 jahren beklagte sie sich bei mir, dass sie nun kleidergröße 38 habe und nicht mehr 36. jammern auf hohem niveau.
            allerdings ist meine mutter ein kriegskind, dass mit den eltern, großeltern und geschwistern ihrer mutter von pommern nach niedersachsen gefüchtet war.
            damals waren nach dem krieg leider auch hungerjahre, ich nehme an, deswegen kann sie einfach nicht in völlerei schwelgen, wie man das ja doch manchmal, wenn besonders lecker, so machen kann.
            ausserdem sagte muttern mal zu mir: ein fresser wird nicht geboren sondern erzogen.

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      • exakt…..so gab es ihn bei uns auch zu weihnachten….. ansonsten hat man uns kinder auch schon mal in der kneipe vergessen, während man nach einem taxi suchte und uns, die wir uns hinter dem dunklen, braunen Filzvorhang versteckt hatten, das kichern vergangen war als wir realisierten, dass die uns echt vergessen hatten.

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  2. Tolles Foto. Ich glaube, so pez-Spender gibt es retro-mäßig immer mal wieder. Ich komme ja aus Hannover, da gibt es traditionell in einigen Familien am 24. Dezember Kartoffelsalat (mit Würstchen). In meiner Familie (die in der nähe des Steinhuder Meers beheimatet war) gibt es dann traditionell Zunge (weiß aber nicht genau, wo das nun wieder genau herkommt). Das mit dem Kartoffelsalat finde ich eigentlich recht hausfrauenfreundlich. Bin aber auch eh der protestantischen Kultur zugeneigt :-) Was ich eigentlich gar nicht verstehe ist, wieso sich Menschen überhaupt je anschreien. Das bringt doch nichts (mein Freund schreit mich manchmal an, ich weise dann darauf hin, dass das unangemessen ist, eher nicht so erfolgreich, meistens). Und wenn Kinder dabei sind wird es richtig asi.

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  3. Der protestantisch-korrekte Kartoffelsalat wurde von meiner Mutter (einzige Katholikin der Familie) je nach Jahreszeit mit Gurke, Endivien-, Feld- oder Krautsalat aufgepeppt und manchmal noch mit Ei und Tomatenviertel garniert. Mir war es immer etwas peinlich, derart herausgeputzte Kartoffelsalate mit zu Schulfesten nehmen zu müssen.

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  4. Weihnachten sind schwierige Tage, mit oder ohne Kartoffelsalat.
    Deine katholische Mutter war assimiliert? Na, ich weiß nicht, ob das funktioniert. Irgendwas fehlte ihr bestimmt. Ich war ja jetzt in Rom, und selbst ich (ev-luth. getauft, anti-katholisch) fühlte den Sog der katholischen Frömmigkeit, sie breitet sich wie die Kuppel des Petersdoms oder wie die Glucke über die Küken wohltuend, beschwichtigend, verzeihend über die darunter sündigende Menschheit. Ich überlegte zeitweise, ob ich nicht konvertieren sollte.. ;)

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    • Meine Mutter hatte ald Mädchen bei den Ursulinen im Kloster eine schlimme Zeit erlebt. Der Katholizismus war ihr schon deswgen zuwider, obwohl er ihrer mondänen, opulent-verschwenderischen Ader sehr entgegenkam.
      Verzeihen und beschwichtigen war ihr nicht gegeben, da war sie im Protestantismus besser aufgehoben, dessen Vergebung allein im Vaterunser Ausdruck findet.

      Zum Katholizismus konvertieren wollte ich übrigens auch im vergangenen Jahr. Hab mich da schon richtig informieret. Doch dann fiel mir ein, dass ich ungläubig (im Kirchensinne) bin.

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    • Meine Mutter ist noch im hohen Alter zum Protestantismus konvertiert, nicht aus Überzeugung, sondern weil sie endlich zu diesem überheblich-korrekten Teil der Familie gehören wollte (der längst nicht mehr glauben kann, aus Mangel an Demut).

      Gestern habe ich in einer griechisch-orthodoxen Kirche dem Vortrag des Pfarrers gelauscht und auch mal kurz überlegt, zu konvertierten. Der Pfarrer sprach so schön über Gottes Umarmung des Sünders und wie sich diese Umarmung in der Architektur spiegelt. http://www.orthodoxie-online.de/

      Ich wollte allerdings auch schon mal zum Judentum konvertieren, nachdem ich an einer Führung durch die Westend-Synagoge teilgenommen hatte.

      Die Religionsausübung erfordert in beiden Fällen viel Zeit und Hingabe.

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  5. Als katholisch erzogenes Mädchen, liebte ich es mit der protestantischen Freundin in „ihre“ aketische Kirche zu gehen, dort fühlte ich mich mit der Schlichtheit wohler, als mit all dem Pomp der Katholiken, erst viel später begriff ich die Hürden der ProtestantInnen, wo ich doch als Mädchen so viel lieber zu ihnen gehört hätte. Mutter fand das natürlich überhaupt nicht gut, wie vieles andere auch nicht …
    Und Weihnachten … nee, das begann ich erst zusammen mit meinen Kindern zu mögen, ich träumte immer von Weihnachten in Bullerbü … (bei uns gab es übrigens IMMER Heringssalat … passend zu den salzigen Tränen meiner Mutter, die sie alle Jahre wieder vergoß …)
    liebe Grüße
    Ulli

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