Vinzenz

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Es gibt eine Weisheit, sagt die kleine Polin, die kann man nicht in Büchern finden. Die hat der Bergbauer oder jeder andere Mensch, der mit der Natur lebt und von ihr abhängt, die lässt sich nicht durch Worte vermitteln, die kann man nicht aufschreiben, die bringt das Leben zu einem. Das ist Glück.

Wir sitzen oberhalb des Sees an einem Feldweg. Ringsum die Berge und über uns der blaue Himmel. Ich höre ihr zu und verstehe was sie sagen möchte. Doch die ganze Zeit über muss ich an Käse denken, wie er zur Perfektion reift und zur Delikatesse wird, oder aber wie er altert, häßlich, mit sich hochbiegenden glasigen Rändern. Und wie er dann schwitzend und nach Fett riechend mit dem Messer vom Teller geschoben wird und in der knisternden Abfalltüte landet, wo der Deckel sich mit einem dumpfen Geräusch über ihm schließt.
Später wird der Müllwagen ihn wegfahren und auf einem großen Haufen wird er verrotten, zusammen mit dem abgenagten Apfel und den angetrockneten Möhrenschalen.

Ich weiss nicht woher dieses Bild kommt und ich habe kein Bedürfnis es zu interpretieren. Stattdessen blicke ich weiter auf den See und nicke.

 

Beim Einschlafen sind es zwei schmalgesichtige Männer, die sich ähneln wie Zwillinge und die nacheinander meinen Traum betreten.
Wir fahren durch eine Ebene. Vielleicht befinden wir uns auf dem hinteren Austritt eines uralten Zuges, denn wir sind in Bewegung und es ist luftig dort, trotz der flimmernden Hitze, die auf dem Tag liegt.
Grüne Augen haben die beiden Männer und schwarze kurze Haare und erst denke ich, wie gut sie aussehen, wie besonders, bis sie den Mund öffnen, einer nach dem anderen und etwas sagen, in eine unbestimmte Richtung, etwas, was ich nicht hören kann, weil der Fahrtwind ihnen die Worte von den Lippen nimmt und sie davonträgt. Beim Sprechen aber entblößen sie ein ungeheuer großes Gebiss, das nicht zu ihren schmalen Gesichtern passen möchte, die trotz des kantigen und hageren Ausdrucks überaus sanft wirken. Ich schaue ihnen zu, wie sie reden, betrachte ihre Lippe, die sich oberhalb des speichelglänzenden Zahnfleisches zu einem schmalen Streifen zusammen geschoben hat und fühle mich an zwei Gorillas erinnert.
Es sind Indigene, bemerke ich auf einmal und wundere mich, dass mir das nicht sofort ins Auge gestochen ist. Unter diesem neuen Aspekt erscheint mir ihr ausgeprägter Kiefer nur noch erstaunlicher.
Vielleicht sind es aber auch zwei Pastoren, denke ich dann, denn sie tragen schwarze Hüte und blicken ernst.

Die Wüste zieht vorbei, dahinter stehen die Berge still und darüber dräut grenzenlos der blassblaue Himmel. Ein paar schüttere Wolkenstreifen zeigen sich auf dem Bergkamm.

 

Jeden Morgen habe ich Fieber. Und jeden Abend ist mir übel.
Dazwischen liegen lange ruhige Stunden.
Manchmal weine ich, weil ich Schmerzen habe, ab und an aus Selbstmitleid oder aus Enttäuschung was dasselbe zu sein scheint, und immer häufiger vor Rührung.
Hier blüht die Dahlie, wie im Garten der Großmutter, dort liegen die Kälber im Schatten des Wartehäuschens des Dorfbusses. Ich sitze unter einem Apfelbaum.
Ich schlafe viel.

Gestern habe ich im Gästebuch der katholischen Kirche eine Nachricht an Mama hinterlassen.
Glassärge waren dort zu beiden Seiten des Altars ausgestellt. In einem von ihnen das Skelett eines sehr kleinen Kindes. Weiß gekleidet liegt es dort, prächtig geschmückt das steife Gewand mit wertvoller Perlenstickerei. Eine hohe Haube sitzt auf seinem winzigen Schädel, ähnlich der eines Kardinals.
In meiner Vorstellung (oder las ich den Namen im Vorbeigehen) hieß das Kind Vinzenz.
Wie merkwürdig, diese Knochen auszustellen, dachte ich. Ob seine Mutter stolz war auf ihren toten Sohn und tröstete dieses Gefühl sie sogar ein wenig über die Wehen des Verlustes hinweg.

Während ich Vinzenz anschaue erklingt auf einmal aus den hinteren Reihen der Kirchenbänke die Stimme eines Mannes.

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen,
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.

Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns Sünder
jetzt und in der Stunde unseres Todes.

Amen,

sagt er und die drei Frauen, die auf der anderen Seite des Ganges sitzen, wiederholen seine Worte Satz für Satz im Chor. Dabei halten sie die Hände gefaltet und schauen nach vorne zum Kreuz.

Ich blicke nach oben in die bemalte Kuppel.

Als ich aus dem kühlen Schiff heraustrete ist der Himmel so tiefblau, dass ich erschrecke.
Ruhig liegen die Gräber oberhalb des Ortes. Ich fühle mich ihnen nah wie nie.
Im Hintergrund die ewigen Alpen.

Es geht mir täglich besser.

 

 

 

 

19 Kommentare zu “Vinzenz

    • So ist das. Das Licht rückt alles näher heran und lässt es durch diese Klarheit surreal erscheinen.
      Die Kühe oben auf der Weide, der Bauer, der jeden Abend, wenn der 6 Uhr Zug aus München in den Bahnhof einfährt mit seinem Traktor zu den 20 Kühen tuckert, die er gemeinsam mit seiner schönen Frau melkt. Sein Sohn, der in Weihenstephan Agrarwissenschaften studiert hat ist auch manchmal dabei. Und wir besuchen sie täglich mit den Hunden und winken ihnen zu. Manchmal plaudern wir ein wenig und am Abend esse ich Bergkäse und geräucherte Rindswurs im Naturdarm, Vegetarierin, die ich bin.
      Schön hier.

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  1. natürlich hat die Polin recht und doch weiß keiner, was Menschen dazu treibt, Kinderknochen auszustellen. Am Ende bleibt Liebe….und schlimm von Fieber zu lesen und so schön, von „täglich besser“ zu lesen.
    Freu mich, dasssewiedadasind

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    • Ach, das Fieber gehört zur Genesung dazu und es geht mir insgesamt sehr gut.
      Am Ende bleibt das Leben, mit der Liebe und dem Tod und manchmal auch mit der Hoffnung oder dem Glauben daran, dass das alles seinen Sinn haben wird und falls nicht, dass auch das ganz und gar gleichgültig ist auf diesem tiefblauen Planeten.

      Zum Glück habe ich noch annähernd zwei Wochen vor mir. Erst dann muss ich wieder zurückkehren in dieses staubige Berlin, dass so fern scheint wie ein Bild aus einer anderen Zeit.

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    • Ich bin nicht hier aufgewachsen und doch empfinde ich die Tage unter dem bayrischen Himmel, die Alpen vor den Augen und diese unvergeichliche Luft in der Nase, wie ein Nachhausekommen.
      Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du wieder hierher zurückkommen kannst, lieber Raul.

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  2. Mit den Toten gibt es wohl wirklich die merkwürdigsten Rituale. Eine Kollegin ist Mexikanerin. Wenn sie manchmal erzählt. ..

    Was ich dir aber eigentlich hinterlassen möchte, deine Schreibe nimmt den Leser immer so sanft mit. Fühlt sich nach ruhigen Strandgewössern an. Ohne viel Menschen anbei, eine Luftmatratze die sich sachte bewegt. Ein Drink in der Hand, die Sonne wunderbar erträglich.
    Sie hinterlässt immer Gelassenheit und bunte Gedanken. Nie Großstadthektik…

    Hab zu wenig lesen können, muss das hier wohl nachholen. Es geht dir täglich besser.. Gute Besserung. Und wie geht es der 💜Töle überhaupt?

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    • Das liest sich schön, vielen Dank!
      Meinem Tölchen geht es so gut, dass es schon beinahe beängstigend ist. Die Bergluft, das ganze Klima und natürlich auch die Stimmung, die Ruhe, die Weite und das Spazieren ohne den verhassten Maulkorb (den sie in Berlin wg der herumliegenden Dönerreste und ihrer Allergie immer tragen muss) tun ihr gut. Sie wälzt sich im Gras, dass es eine Freude ist und pest über die Wiesen, als wäre sie wieder ein Welpi.
      Das macht mich wirklich sehr sehr glücklich und ich hoffe sehr, dass es lange anhält,
      Und wie geht es Deiner Kleinen? Alles gut verheilt?

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      • Das ist schön und freut mich sehr. Es ist immer so wunderbar zu sehen, sie sich einfach wohlfühlen und ihre Umgebung genießen. Wir waren neulich am Meer. Im Watt.. da machte ich ähnliche Erfahrungen. Freut mich sehr :)
        Ja, gerade gestern wieder geröntgt, die Knochen heilen super. In vier Wochen kommen die Drähte raus und gleichzeitig wird sie sterlilisiert. Gott.. bin ich froh wenn das rum ist. Erzähl ich jetzt auch nur noch hier dir, ab jetzt wird ich das für vier Wochen aus meinen Hirn verbannen….

        Genieße die Zeit und erhole dich, nein euch, weiter gut !

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    • Es ist immer schwer vorstellbar, wie und ob das, was man gesehen hat und niederschreibt auf andere wirkt, was sie sehen und was ihnen verborgen bleiben muss.
      Dass Du Bilder sehen kannst und diese ein Teil der Magie, die ich hier erlebe wiedergeben können freut mich wirklich sehr. Danke für Deine Aufmerksamkeit und das Kompliment.

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  3. Mir ist, wenn ich den Text lese, als läge eine mittägliche Verhexung über dem Ort und seinen Lebenwesen. Auch das Foto mit der hohen wohlgestalteten beleuchteten Kirchenwand und den winzig zu ihren Füßen liegenden Grabsteinen vermitteln diesen Eindruck des Faszinosum. Alles ist in gleichgültiger Ewigkeit erstarrt. Das löst sich erst, als du Tölchens Kindereien beschreibst. Und ich fühle den frischen Wind des Lebens hindurchblasen.

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    • „Alles ist in gleichgültiger Ewigkeit erstarrt“
      So war es, und dann strich ein leichter Wind über uns, die Hühner auf dem Kirchhof pickten in der Sonne und der schwarzgrüne sHahn kam zu mir herüber, beäugte mich und plusterte sich dabei ein wenig. Die Luft zauste sein schillerndes Gefieder.

      Gefällt 1 Person

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