Kleine Siege

 

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unpassende Bebilderung

Obwohl ich mich noch nie für´s Abnehmen interessiert habe hört mein Tablet nicht auf, mir marktschreierisch eine Superdiät anzudienern. Es besteht darauf, dass ich 10 bestimmte Dinge niemals essen sollte, damit ich endlich mein Bauchfett loswerde.
Um zu erfahren welche Lebensmittel das sind, soll ich die dilettantische Zeichnung einer knollenartigen Frucht anklicken.
Da der Eine gegen die Installation eines Adblockers ist, weil er das Tablet vorwiegend zum Zeitunglesen nutzt und Netzjournalismus auch über Werbung finanziert wird, bleibt mir diese nervige Werbung vorerst erhalten.

 

Außerdem: Penisverlängerung war gestern. Inzwischen sitzen schon die tollsten, nachgerüsteten Singles meiner Stadt in den Startlöchern und warten auf mich.

 

Und: heute riefen wieder die Krankenversicherungs-Drücker an. Bereits am Samstagmorgen hatten sie mich wachgeklingelt. Angriffslustig nahm ich deshalb heute das Gespräch entgegen und wartete, was sie mir zu sagen hatten. Nach einem kurzen Moment der Stille fragte eine Frauenstimme ob der Argentinier Zuhause sei.
Geben Sie es doch endlich auf, antwortete ich entnervt und legte auf.

Wenige Sekunden später schrillt das Telefon erneut. Gleiche Nummer. Ich hebe ab.
Na, noch ein Versuch?, ich spüre, wie Streitlust meinen Kopf und meinen Körper flutet.

Ja, antwortet die Frau am anderen Ende der Leitung, ihre geölte Stimme klingt selbstsicher, und ich habe keinen Grund aufzuhören Sie anzurufen. Das werde ich ab heute jeden Tag tun.

Na dann viel Spaß. Ich setze Sie jetzt direkt auf die Sperrliste, dann können Sie sich schön weiter an mir abarbeiten, sage ich und lege auf.
Wie zu erwarten erscheint kurz darauf wieder die gleiche Nummer auf dem Display. Sie lässt es lange klingeln, legt auf, ruft noch einmal an usw.
Während ihrer penetranten Telefonattacke öffne ich mit leicht beschleunigtem Puls und diebischer Freude die Benutzeroberfläche meiner Fritzbox, klicke Telefonie an und tippe die Nervnummer in die Sperrliste. Fertig.

Dann ist Stille.
Nach Jahren.

Ich atme tief durch.

Die kleinen Siege schmecken am besten.

 

 

(Jetzt stelle ich mir vor, dass sie nach weiteren erfolglosen Anrufen meine Nummer aus dem Call-Center mit Nachhause nehmen und ihren Privatkrieg gegen mich beginnen wird, weil ich ihr zum Sinnbild der ganzen Schikanen und Demütigungen geworden bin, die sie bei diesem miesen und schlechtbezahlten Job seit Jahren zu erdulden hat. Nachdem sie mich ein Mal von ihrem Handy aus angerufen hat, sperre ich auch diese Nummer und in der Folge jede weitere, mit der sie sich bei mir meldet. Bei jedem Anruf unter neuer Nummer zieht ihr Ton an, und schließlich wird sie mich, mit sich überschlagender Stimme, verfluchen. Zerfressen von Hass, wird sie alles daran setzen, meine Adresse herauszufinden und mir dann einen Brief mit Kontaktgift schicken.
Huhu, ich bin dahaaa!, wird der Eine rufen, als er am Nachmittag nach Hause kommt und er wird sich wundern, dass ich nicht fröhlich zurückhuhue.
Leblos auf dem Boden liegend wird er mich alsdann in der Küche finden, ein Blatt Papier in meiner rechten Hand.

Darauf steht:

Wenn du sterbst wünsche wohl gespeist zu haben.

Falsch zitiert, wird er kopfschüttelnd flüstern, ganz sachte meine Lider schließen und mich ein letztes Mal auf meine kalten Lippen küssen).

 

 

 

 

 

Bild: PMU Photography, deep duck water, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

31 Kommentare zu “Kleine Siege

  1. Das Drehbuch für einen Thriller. Es begann mit einem Läuten….
    Mein persönliches Highlight ist aber die Ingo, dass ich bei der Fritz ich sperrnummern eingeben kann. Ich hab da verschiedene Callcenter, die ich nur zu gerne loswerden möchte.

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    • Es begann wahrscheinlich auf der Berlinale vor vielen Jahren. Dort trugen der Argentino und ich uns in irgendwelche Listen ein. Jemand verkaufte die Adressen an diverse Call-Center, wo sie seitdem herum gereicht werden.
      Genau die Person, die (aus Geldnot) meine Nummer weitergegeben und damit letztlich meinen Tod verursacht hat, arbeitet zum Zeitpunkt meines Ablebens als Leichenwäscher bei eben dem Beerdigungsinstitut, das mich beisetzen wird.
      Während sie mich herrichtet wundert sie sich, wie ein so grundsympathisch aussehender Mensch wie ich Opfer eines Tötungsdeliktes werden konnte. Sie hat keine Ahnung wie eng unsere Schicksale miteinander verknüpft sind.
      Und an allem ist, wie immer, der Kapitalismus schuld, der dafür sorgt, dass selbst redlich arbeitende Menschen kein Auskommen haben und sich deshalb auf windige Nebengeschäfte einlassen müssen.
      Kapitalismus tötet.

      (Ja, dufte Sache, so ´ne Fritzbox. Und die kann noch viel viel mehr)

      Gefällt 5 Personen

    • Zum Einen bin ich sicher, sie hätte mich nicht verbunden. Zum Anderen glaube ich nicht, dass dieses derart offensiv agierende Unternehmen seine Mitarbeiter zur Zurückhaltung mahnt, und zum Dritten hätte es mir dann doch wirklich Leid getan, wenn sie wegen meines kleinen Ärgernisses einen solchen Ärger bekommen hätte. Der Job ist schlimm genug.

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    • Bei Enten muss ich inzwischen immer an diese Phobie denken, bei der Menschen sich davor fürchten von Enten beobachtet zu werden. Seit ich um diese psychische Störung weiss, sind mir Stockenten beinahe gruselig geworden.
      Und deswegen passt auch für mich dieses eigentlich völlig unpassende Bild sehr gut.

      Du hast Antennen.

      Gefällt 1 Person

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