(Heimweh) Vaterseelen

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Sie sind im gleichen Jahr aus unseren Leben verschwunden, Dein Vater und meine Mutter.
Vier Jahre waren die beiden auseinander. So, wie Du und ich.

Und jetzt haben wir sie noch einmal verloren. Für immer. Im gleichen Jahr.
1 Monat und 1 Tag später als sie hat er seinen letzten Atemzug getan.

Das letzte Mal, ehe der Kontakt vollständig abbrach, sah ich meine Mutter am Kindbett meiner Schwester.
Sie war damals schon verschwunden, in einer gut vorbereiteten Nacht-und-Nebel-Aktion an den Rhein gezogen, und für die Geburt ihres Enkels noch einmal zurück gekehrt, wie eine Fata Morgana. Kein Wort wechselten wir an jenem Tag.
Mit dunkler Sonnenbrille saß sie am Fenster als ich eintrat.
Und als ich ging war sie noch immer dort. Grußlos und starr.

Eure letzte Begegnung war im Museum. Da lagen bereits Jahre zwischen Euch. In der großen Halle lieft Ihr aufeinander zu,  blicktet Euch in die Augen und schwiegt. Die Frauen an Eurer Seite ahnten nicht, dass hier Vater und Sohn aufeinander trafen. Dass es das letzte Mal sein würde wusstet auch Ihr nicht.
Und jeder verließ den Saal durch die Tür, durch die der andere gekommen war.

Wir sind heute exakt in dem Alter, in dem sie waren, als sie ihrem alten Leben den Rücken zukehrten und davongingen.

Eine ähnliche Geschichte und doch ganz anders.

Und eines Tages erhält man einen Brief vom Amtsgericht.
Darin steht, dass der Vater gestorben ist.
Du wusstest immer, dass es so kommen würde. Dass es so weh tun würde ahnten wir beide nicht. Wir hatten ja abgeschlossen mit ihnen, nach all der Zeit. So glaubten wir.

Auch den Gang in die Leichenhalle, um einen Toten zu sehen, der bereits vier Wochen dort liegt, weil seine Angehörigen erst gefunden werden mussten – wer könnte sich so etwas ausmalen.

Heute ist der Tag an dem Bruder und Schwester gemeinsam Abschied von ihrem Vater nehmen, der irgendwo, unweit der alten Heimat ein neues Leben begonnen und seine leiblichen Enkel niemals gesehen hatte. Jene der Lebensgefährtin nannten ihn Opa.

Sehen dürft ihr ihn nicht, zu weit ist der Verfall schon vorangeschritten.
Eine Hand auf den Sarg legen, sich gegenseitig in den Arm nehmen, stellvertretend.
Weinen, schweigen, nicken.
Adieu sagen.

A dieu

Und sich dann umdrehen und tapfer weiter durch das eigene Leben stapfen, das vaterlose für immer.

Ich denke an Dich, mein Herz.

 

 

 

 

 

Bild: Pep Romero Garcés, Peter Zumthor, edíficios e projectos 1986-2007
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

12 Kommentare zu “(Heimweh) Vaterseelen

    • Ja und nein.
      Wir haben zwei Jahrzehnte auf unsere Eltern gewartet und innerlich versucht uns von ihnen zu verabschieden. Und nun setzen sie den Schlusspunkt. Das ist traurig. Gleichzeitig markiert ihr Tod das Ende des Wartens. So ist es nun und damit lässt sich leben und Frieden machen.

      Dass ich ausgerechnet einem Menschen begegnet bin, mit ihm an meiner Seite lebe, dem annähernd das Gleiche, zur gleichen Zeit widerfahren ist, das tröstet mich und lässt mich beinahe an Fügung glauben.

      Gefällt 2 Personen

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