Rauschen

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In der Arztpraxis konnte man jede Menge IGEL-Leistungen kaufen. An erster Stelle Sauerstoff. Das hilft gegen alles. Kamma also immer gebrauchen, so wie essen, trinken und Liebe.

Love is like oxygen, sangen schon the Sweet, die später, als sie alt und fett geworden waren, auf einer Betriebsfeier von AVM auftraten während die Mitarbeiter, gewandet in Kleider des 18. Jahrhunderts, den Klängen aus ferner Zeit lauschten und zu fortgeschrittener Stunde, nachdem die einstudierte Quadrille getanzt und die Depression dem Suff gewichen war, volltrunken zu der Musik der Langhaarigen abhotteten.

Sauerstoff war dringend nötig in dieser dreckigen Ecke der Stadt, an der zwei sechsspurige Straßen aufeinander treffen. Der Lärm an der Kreuzung ist so unerträglich, dass nur sich totstellen hilft, oder bei rot über die Ampel zu rennen um niemals stehen bleiben zu müssen und endgültig wahnsinnig zu werden. Ich nutze beide Strategien, je nach Verfassung und Möglichkeit.

Sauerstoff wollte mir die Ärztin gerne verkaufen doch ich frug nach Schmerzmittel. Tramadol, wenn´s geht. Es ging.
Draußen nahmen wir einen beherzten Schluck aus der Pulle, die sie uns angebrochen mitgegeben hatte. Ob sie die wohl abrechnen würde als ganze Flasche? Mir sollte es recht sein.

Mit den Tropfen, dem Rausch und der Überweisung schweben wir rüber zum radiologischen Zentrum. Nebenan gibt es ein Architekturbüro mit dem Namen Pilz van der Grinten.
Der hätte Hautarzt werden sollen, sagt der Argentinier und wir gehen vor Lachen in die Knie.
Drinnen werden wir bereits erwartet. Ein dringender Fall. Ich habe schlimme Lungengeräusche und -schmerzen. Fieber sowieso.
Der halboffene Tomograph scannt meinen Brustkorb. Ich bin angenehm entspannt, nichts tut mehr weh und der Argentinier wartet draußen und spielt Krankheiten-Raten. Es hustet und keucht ringsum.
Auf dem Heimweg landen wir irgendwann im Kloster, meine Erinnerung setzt nach dem dritten Bier aus. Der Rest des Abends und die ganze Nacht sind mir vollends abhanden gekommen.

Am Morgen weckt mich ein Anruf. Gerade will ich sagen: Ich kaufe nichts, da spricht die Ärztin aus dem Hörer: Sie haben einen Schatten auf der Lunge. Ein Knoten. Möglicherweise ein Tumor.
Ich will deinen Sauerstoff nicht
, denke ich und fange im nächsten Moment an zu heulen.
Hätte ich bloß früher aufgehört zu rauchen.
Am Montag soll ich noch mal zur Kontrolluntersuchung in die Radiologie kommen, sagt sie. Wie ich das Wochenende überstehen soll, verrät sie mir nicht. Guter Rat ist eine IGEL-Leistung, nehme ich an.
Gegen den aufkommenden Seelenschmerz und den Kater brauche ich einen Schluck Tramadol. Dann rufe ich den Argentinier an.
Krebs habe ich, sage ich.
Mach dir keine Sorgen, Mausi,  antwortet er, ich kümmere mich dran.
Es geht es mir gleich viel besser.

Am Montag ist es doch nur ein Spiegelungsffekt der Mamille, sagt der Röntgenarzt, und ich hätte getrost das Wochenende über weiter rauchen können.

 

 

 

 

 

Bild: Nothing better, Thomas Hawk
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

15 Kommentare zu “Rauschen

  1. Im Zusammenspiel mit der Photographie, und nur mit dieser, werden diese Deine Zeilen für mich zu etwas, das ich nur als Genuss bezeichnen kann. So wie sich die Geschichte hinter den Wörtern entwickelt, liest sich das Bild. Die Schatten, Spuren im Sand … das ferne Vergnügen – der perfekte Moment als Kontrapunkt des Grauens.

    Mehr als nur stimmig.

    Danke.

    Gefällt 3 Personen

  2. Ich sehe, nachdem ich deins gelesen habe, die Figur im Vordergrund wie ein Diktat, eine Taktgeberin: so, nämlich so ist das jetzt und hier gehts lang … Im Hintergrund rennen zu Schemen gewordene Menschen hierhin und dorthin, ganz so, wie es in einem rennt, wenn die Prognosen einen mittenmang erwischen und dann doch die Angst hochkriecht. Gut, hast du den Argentiener und noch besser, es ist dann doch nichts gewesen … hier aber denke ich: So eine Frechheit, Zorn treibt steile Falten. Und dann seufze ich: Schulmedizin …
    herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    • So sieht jede in dem Foto etwas, was für sie zu der Geschichte passt. Sehr interessant.
      Der Argentinier war schon eine große Stütze in der Zeit. Der Ärztin hab ich nur verübelt, dass sie so drauflos diagnostiziert, statt stillschweigend weitere Untersuchungen zu veranlassen. Das Wochenende war furchtbar, als ich glaubte Lungenkrebs zu haben…

      Der Schulmedizin stehe ich offen gegenüber. Ohne sie wäre ich längst nicht mehr am Leben.

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  3. Uff! Ich dachte, das darf doch nicht sein, die Geschichte muss sich doch irgendwie auflösen, als Traum oder ins Surreale. Hat sie sich ja dann Gottseidank auch. Eine Katastrofe weniger.
    Und das Bild: Das ist doch eine Winterszene, eine sonnige zwar aber doch im Winter. Und die Frau droht mit dem Stock: Wenn ich dich noch mal mit einer Kippe erwische…;-)

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    • Die Geschichte liegt schon lange zurück. Ich hab mich dran erinnert wg meines Postings von heute und der Aufnahme vom Hermannplatz. In der Gegend war auch die Sauerstoff-Ärztin.
      Inzwischen rauche ich bald 8 Jahre nicht mehr…

      Das Foto scheint mir eine Sommeraufnahme zu sein und die drohende Frau ein Kind?
      Ich mag die Schatten und die Vielschichtigkeit des Bildes. jeder für sich. Wie im Rausch.

      Danke für Deinen Kommentar.

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    • Oweh, hab ich allen hier Angst gemacht. Dabei liegt die Geschichte schon lang zurück. Manchmal ist der stilistische Wechsel ins Präsens einfach irreführend.
      Is jut jejangen, ja und inzwischen bin ich weder an Drogen noch an Lullen interessiert.
      Ich berausche mich anderweitig. :)

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  4. Eine echte Schicksalsgeschichte, zwar schon länger her, aber ins Heute reinreichend. So einen Argentinier hätte ich auch gern, obwohl, vielleicht hülfe auch einer aus dem Hunsrück!?
    Sich anderweitig berauschen – macht neugierig, statt Raucherecken Rauschräume…träume…

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    • Jemand aus dem Hunsrück reicht auch, wenn er es versteht zu trösten.
      Sich außerhalb von Raucherecken zu berauschen stinkt in der Regel weniger und ist nicht zwingend so gruppenlastig. Das ist schon mal gut- solange man es im Griff hat. Gift/ Dosis halt.

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  5. Schatten und Schattenspiele. Eine „Schatten auf der Lunge“-Diagnose hat mir meinen „Start ins Leben“ ziemlich versaut. Ist schon ne Weile her, ich war damals 19. Gut, dass du entwischt bist.

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    • Gut, dass auch bei dir sich der Fehlstart zum Guten gewendet hat.
      Ich war immer ziemlich anfällig an der Lunge. So glaubte ich den Krebs sofort.
      Zum Glück ist alles gut gegangen und ich rauche längst nicht mehr.

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