Hund/ Kiez/ Spind

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Die kurzen Spaziergänge anstelle der ausufernden Märsche ändern meinen gesamten Tagesablauf.

Statt in den Tiergarten zu gehen, schlendern der Hund und ich jetzt vier Mal täglich die Straße herunter, jeweils nur 50 bis 100 Meter, sie schnüffelt und markiert viel, wirkt dabei jedoch abwesend und auf eine merkwürdige Weise wie aufgezogen. Gefangen, eingespannt in ein Gewohnheitsjoch, das selbst der Tumor nicht auszuschalten vermag. Ein Robot.
Auf dem Rückweg, wenn ihr Gang staksig wird, trage ich sie und Zuhause geht sie sogleich auf ihre Decke unter dem alten Vitrinentischchen, dreht sich ein paar Mal im Kreis herum und lässt sich dann seufzend nieder.

Der Eine ist abgereist und so ist nicht nur mein Hundeleben, sondern auch die Struktur unseres gemeinsamen Beziehungsalltags außer Kraft gesetzt. Eine ungewohnte Fülle an Zeit steht mir plötzlich zur Verfügung, und gestern Nachmittag habe ich seit Jahren das erste Mal wieder eine große Runde ohne Töle durch meinen Kiez gedreht, um schließlich in der Oppelner Straße bei dem kleinen neuseeländischen Café einen köstlichen Cappuccino zu trinken. Vor den umliegenden Lokalen schauten die Leute in angenehmer Lautstärke Fußball, im Hintergrund am Schlesischen Tor ratterte die Hochbahn vorbei und ich saß, mit der Kölnerin plauschend, unter einer blühenden Linde. Ohne müde zu werden pflückten wir die herabfallenden Milben von unseren Kleidern und aus dem Nacken und genossen das zurückgelehnte Geplänkel über dies und jenes und niemals über etwas.
Ein nachmittägliches Bad im leichten Leben.

Als ich gegen 19 h nach Hause kam stand der schwanzwedelnde Hund bereits an der Tür. Eine solche Freude auf beiden Seiten!
Ein bisschen füttern, ein bisschen kraulen und dann wieder ins Körbchen mit ihr. Am Dienstag startet die Chemotherapie. schlafen soll sie, schlafen.

Später am Abend rief mich der Kanzler an. In seinem Postkasten hatte er einen Brief für mich gefunden.
Da ich seit über 20 Jahren nicht mehr in Frankfurt lebe, passiert das nur noch höchst selten, und wenn, dann ist es meistens die Sparkasse, die mich an mein  Jeanskonto erinnert, welches ich zur Konfirmation mit einem Guthaben von 5 D-Mark geschenkt bekam, und das inzwischen Rekordzinsen abgeworfen haben soll. Warten wir auf die künftigen Negativzinsen und sehen das Vermögen dann peu à peu dahinschmelzen. Gewonnen/ zerronnen halt.
Jetzt also wieder ein Brief für mich, dieses Mal einer mit überraschendem Anliegen: da bekommt man als Teenager, genau genommen in den 80er Jahren, als Deutschland geteilt, Helmut Kohl  Kanzler war und Peter Illmann die Formel Eins moderierte, beim Besuch einer städtischen Einrichtung einen Spindschlüssel gegen Unterschrift ausgehändigt und wird  heute, 3 Jahrzehnte später, dazu aufgefordert diesen umgehend zurückzugeben.

Ist das putzig, oder ist das irre, oder was ist das eigentlich?
Mir jedenfalls so passiert.
Ich lache und wundere mich und warte darauf, dass demnächst ein weiteres Schreiben ins väterliche Haus flattert, in dem mein Abitur für ungültig erklärt wird, weil ich angeblich abgeschrieben, oder besser noch, nach heutigem Stand der Schiller-Forschung, das Thema verfehlt hätte.

 

 

 

 

 

Bild: cosmoflash, locker in the attic
Lizenz: Attribution-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0)

17 Kommentare zu “Hund/ Kiez/ Spind

  1. Das mit Deinem Hund? Kann ich alles verdammt gut nachfühlen! Trotzdem sind wir 2002 den „anderen Weg“ gegangen … :-(

    Im Jahre 1975 bekam ich Post von der Asservatenkammer des Kriminalgerichts Moabit, mit der Aufforderung ein fünf Jahre zuvor beschlagnahmtes und sichergestelltes Asservat abzuholen, ansonsten es der Entsorgung zugeführt würde.

    Ulkigerweise hatte man mir dieses Asservat im Jahre 1972 bereits zurück gegeben.

    Ich hab die Jungs und Mädels zwei Stunden lang fleißig suchen lassen und nach einer hochnotpeinlichen Entschuldigung dererseits auf eine Rückgabe verzichtet.

    Gruß Peer | Der Tano

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    • Auch ich werde den anderen Weg gehen, wenn sich dieser als Sackgasse erweist. Aber diesen einen Versuch mache ich…

      Deine Geschichte gefällt mir. Zwei Stunden suchen lassen ist aber auch das Mindeste.
      Das werde ich auch machen, wenn ich in Frankfurt bin. Ich lasse sie nach meiner geringelten Strickjacke suchen, die mir in den 80ern abhanden kam.

      Schöne Grüße nach Aachen!

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  2. da fällt mir ein, dass ich noch den Schlüssel zu einer Windhundrennbahn habe und auch seit Jahren meine Mitgliedschaft ruht. Örks….. Hoffentlich lesen die Ihren Beitrag nicht. Aber falls sie mich um Rückgabe fragen, werde ich dann auch nach der geringelten Strickjacke fragen. Irgendwo muss sie ja sein :-)

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    • Hihi. Ich seh das schon kommen. Irgendjemand liest diesen Beitrag hier und fühlt sich inspiriert, so dass eine Abmahnwelle losgetreten wird, die ganz Deutschland und später Europa erreicht.
      Wer jemals eine Kreide aus der Schule, oder einen Wachsmalstift aus dem Kindergarten mitgenommen hat, der möge sich ans Suchen machen. Jetzt wird´s ernst!

      Wenn Sie die Jacke bekommen, dürfen Sie sie behalten. Ich dürfte ihr inzwischen entwachsen sein.

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  3. O nein, nicht noch mal Abitur-Alpträume lostreten! Diese schreckliche Erkenntnis, dass man absolut nicht weiß, wie man zu dem Papier gekommen ist. Da stehen sie im Kreis, die Herren und Damen Studienräte, und schauen streng auf den Versager, der sich anmaßt … Aber vielleicht kriegst du ja deinen Ringelpullover zurück. Jedenfalls.

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    • Diese Abitur-Alpträume hatte ich lange lange.
      Mich schaute allerdings niemand streng an, sondern ich bekam schlicht einen Brief, in dem mir das Abitur ebenso aberkannt wurde, wie das darauf basierende Diplom. Ich wurde in dem Schreiben aufgefordert die Prüfungen erneut abzulegen, und zwar sofort, aus dem Stand, was ich natürlich nicht konnte. Zu lang her war es, dass ich mich mit Schiller und im Französich-Leistungskurs mit Sartre beschäftigt hatte. Mein Durchfallen bei den wiederholten Prüfungen lieferte im Traum jedes Mal den Beweis: sie kann es nicht. Horror.
      Wahrscheinlich träume ich beim nächsten Mal, dass ich das Ringeldings wieder finde und es mir geheime Kräfte (bzw Wissen) verleiht… ;)

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