zu zweit

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Ich möchte auch mal wieder jemanden haben, sagt die Freundin, als wir gemeinsam durch den Ringpark gehen, er vorneweg, große Stöcke für den Hund werfend, sie und ich im leichten Sommerkleid hinter ihm her schlendernd und das Muskelspiel seiner Waden und seiner Arme beobachtend, mein Körper getragen und beschwingt von den Tagen und den Nächten mit ihm. Das verstehe ich, sage ich.
Ich hab solche Sehnsucht nach einem anderen Körper, fährt sie fort, nach irgendeinem. Einfach mal nicht mehr alleine liegen nachts und mal wieder vögeln.
Auch das kann ich gut verstehen und ich nicke, wenngleich mein Begehren gezielter ist als ihres.

Nachdem wir eine ganze Weile spaziert sind, und ich im Vorbeigehen immer wieder die botanischen Besonderheiten des Parks bewundert habe, kommen wir an den Sommer-Volieren im Schatten der Hofgarten-Mauer vorbei, und während Mann und Hund auf dem Rasen weiter toben, bleibe ich vor einem der großen Käfige mit zwei Graupapageien darin stehen und betrachte sie in ihrem kargen Gefängnis. Ich weiss nicht warum, aber ich muss unwillkürlich an meinen verstorbenen Großvater denken, und ich sehe ihn vor mir, wie er in seinem Arbeitszimmer sitzt und eine Predigt vorbereitet, derweil wir Enkelkinder im Garten spielen und die Großmutter in der Küche mit einem Sparschäler Kartoffeln schält. Die Erinnerung stimmt mich traurig und so versuche ich, sie beiseite zu schieben.

Mein Sohn hat mich von der Balkonbrüstung geholt, neulich nachts, erzählt die Freundin auf einmal, so schlecht ging es mir.

Und so breit warst du, denke ich mir im Stillen dazu und ich merke, wie Widerwillen  in mir aufsteigt.

Der war ganz schön schockiert, fährt sie fort, und nimmt, mit zusammen gekniffenen Augen, einen tiefen Zug von ihrer Selbstgedrehten, auch wegen seines Vaters. Er weiss ja, dass der C. auf Heroin ist und da macht es ihm Angst, wenn ich die Kontrolle verliere. Wenn ich jemanden hätte, der bei mir ist und mich unterstützt, dann würde so eine Scheiße nicht passieren, sagt sie, und nach einer kurzen Pause, zum Glück ist der Klenne da und passt auf mich auf.

Während des Sprechens steigt ihr ununterbrochen eine schmale Rauchfahne aus Nase und Mund und ich staune über das Lungenvolumen der zierlichen Frau.

Mir fällt nicht ein, was ich sagen könnte, ohne mich in einer ausufernden Diskussion wieder zu finden, und so wende ich mich den beiden Graupapageien in ihrem Verlies zu.

Na, ihr Grauchen, sage ich, und sie schauen mich interessiert an.

Scheiße hier drin, oder? mischt sich die Freundin ein, aber immerhin seid ihr zu zweit.

Ob das wenigstens ein Männle und ein Weible ist?, fragt sie mich oder sich selbst.

Keine Ahnung, ich zucke mit den Schultern und merke, dass ich genervter klinge, als ich möchte.

Sie schaut mich prüfend von der Seite an und ich versuche ein unbefangenes Lächeln. An ihrem strengen Gesichtsausdruck sehe ich, dass es mir nicht besonders gut gelungen ist.

Lass uns in den Biergarten gehen, auf ein Getränk, schlage ich vor und drehe mich zu dem Mann um, der ein Stück entfernt auf einer Bank Platz genommen hat und raucht, den müden Hund zu seinen Füßen. Er lächelt.

Du hast es gut, sagt sie, und blickt zu ihm herüber, du bist nicht allein.

Ja, das stimmt, sage ich und winke ihm zu.

Zu dritt gehen wir hinüber in den Hofgarten und trinken schweigend ein Bier. Der Mann legt seine Hand auf meinen Oberschenkel. Noch am gleichen Abend fahren er und ich mit dem Wohnmobil weiter in den Odenwald.

 

 

 

 

 

 

Bild: Stefan Eising, Duett (flickr)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

24 Kommentare zu “zu zweit

  1. Tja, Selbstmitleid ist eine ganz schlechte Begleitung, die obendrein potentielle Partner abschreckt und einen Sohn als Partnerersatz zu benützen, ist ganz außerordentlich unfair. Aber, ja, es redet sich leicht, wenn man nicht betroffen ist …

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  2. „Ich hab solche Sehnsucht nach einem anderen Körper, fährt sie fort, nach irgendeinem. Einfach mal nicht mehr alleine liegen nachts und mal wieder vögeln.“

    Man fragt sich ja, wenn das Begehren so unspezifisch ist, warum sie sich nicht einfach einen ins Bett holt. Das kann doch so schwierig nicht sein?

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    • Ich glaube es ist gar nicht so einfach als alleinerziehende Mutter mit gewissen ästhetischen Ansprüchen in einer Kleinstadt mal so eben einen Körper ins Bett zu kriegen.
      Sie sit eine ziemlich attraktive Frau und war trotzdem oft einsam…

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      • Hat sie nicht geschrieben „irgendein Körper“? Aber selbst wenn sie doch gewisse ästhetische Ansprüche hat, verstehe ich nicht, wieso sie niemanden findet. Wenn vielleicht auch nur für einen One-Night-Stand. Mit Verlaub: Männer sind doch so einfach rumzukriegen.

        Einfach mal flirten auf Teufel komm raus? Und dann natürlich nicht im letzten Moment selbst einen Rückzieher machen?

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        • It was never easier to get laid. Wenn man sich aber von einem Körper auch noch Unterstützung erhofft, also in Wahrheit vermutlich auf der Suche nach einer Beziehung ist, ist das schon sehr viel komplizierter. Insbesondere, wenn frau Ansprüche hat.

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          • Die Angelegenheit scheint wirklich komplizierter zu sein, als ich zunächst dachte. Ich ziehe meine Wortmeldung also inhaltlich zurück.
            (Hab aber trotzdem gerne gelesen und geschrieben ;-)

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  3. Neid und Selbstmitleid machen unattraktiv wie nur sonstwas. Die Freundin weiß das vielleicht nicht oder ist zu sehr in sich selbst befangen. Schwer, so unterschiedliche Frequenzen und Ausrichtungen zueinanderzubringen. Gute Tipps und Ratschläge fruchten nicht, weil sie Scheuklappen trägt und über dem Aktuellen Zustand die Möglichkeiten nicht mehr erkennt oder weil ihr die Kraft fehlt noch weiter zu schauen als bis zum eigenen Tellerrand. Daraus ist kein Vorwurf zu drehen. Man wünscht ihr Kraft und Zuversicht, man denkt: Als wäre das immer nur toll, mit der trauten Zweisamkeit…puh…und dann wieder: doch schön sie zu genießen, vor allem diesem Elend ein Single sein zu müssen eingedenk und dann wieder wie viele Mütter doch schöne Söhne haben und dass es doch vielleicht einen darunter für die Freundin geben könnte, der sie nicht nur durchvögelt sondern obendrein noch so lieb hat wie man selbst vielleicht das Glück hat geliebt zu werden.

    Gern gelesen, einen lieben Gruß von der Fee

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    • Man kennt das selbst, diese Sehnsucht nach Zweisamkeit, und man spürt auch, wie sehr man sich im Weg steht, wenn man es auf Biegen und Brechen herbeiführen möchte, das Glück zu zweit. Funktioniert einfach nicht.
      Sie hatte ein Händchen für extreme Männer. Das Spektrum reichte von Junkies und Alkoholikern bis hin zu krankheit eifersüchtigen Symbionten.
      Gebraucht werden und brauchen. Mit Liebe hat das für mich wenig zu tun. Inzwischen ist unser Kontakt abgebrochen.
      Ich denke oft an sie und ihren Sohn, der jetzt whrscheinlich nicht mehr Zuhause wohnt.

      Danke für Deine Gedanken und einen schönen Tag Dir!

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  4. Unerträglich! Und dass sie ihren Sohn missbraucht, denn das ist es für mich, dafür habe ich gar kein Verständnis. Schade, dass sie nicht erwachsen geworden ist und noch immer glaubt andere für ihr Glück und Unglück verantwortlich machen zu müssen. Nix gegen Sehnsucht, aber so?! Nein, so nicht! Ich wäre auch weitergefahren.
    herzliche Grüsse
    Ulli

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  5. Na irgendwann ist ihr Sohn gottlob erwachsen bzw. 18….. Dann kann sie nichts mehr untersagen. Schade um die Freundin, schade für den Sohn & schade um eure Freundschaft…. Aber soviel Egozentrismus ist schwer auszuhalten

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  6. Ich habe die Geschichte sehr gern gelesen, weil sie sehr gut geschrieben und weil sie wahr ist. Mit „wahr“ meine ich nicht das Faktische, sondern deine Gefühlsgemengelage angesichts der Freundin. das beschwingte Gehen, die Lust am Schauen. Dies Nicken und Verstehen, das Aufsteigen von Widerwillen, das halbherzige Lächeln, die unausgesprochenen Gedanken, die Flucht in die Graupapageien-Erinnerung, O ja, ich habs besser als sie.

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    • Vielen Dank.
      Es besser zu haben macht ja auch schnell das Gefühl dem anderen etwas zu schulden, bei mir zumindest.
      Für Ausgleich sorgen zu wollen und sich gleichzeitig abgestoßen zu fühlen von dem Drängeln, dem Neid (nicht Missgunst), und dem unverantwortlichen Verhalten des anderen und sich dafür noch schlechter zu fühlen.
      Ich war jedenfalls froh, als wir abreisten.

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