Ich habe mir das Grab einer Frau ausgesucht, die vor 36 Jahren gestorben ist. Emma war ihr Name. Emma, wie Mama.
Hier lege ich die Blumen für meine Mutter ab.

Ihr letzter Wille tut weh. Wir Kinder dürfen weder der Einäscherungsfeier beiwohnen, noch der späteren Seebestattung.
Mein Bruder vielleicht doch.

Die kalte Hand aus dem Grab, sagt die Schwester.
Dich mochte sie ja nie, sagt der Vater, deine Geschwister müssen viel mehr vor den Kopf gestoßen sein. Dein Bruder hat sogar geweint.

Ich weine auch und jeder fragt mich warum.

 

 

 

 

 

 

Am P-Platz

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Nach dem Spaziergang sitzen wir gegenüber dem Weinhaus Huth am P-Platz, trinken einen Kaffee und schweigen. Die Hunde dösen auf dem warmen Asphalt. Neben dem Maulwurfshügel der S-Bahn wurde eine hölzerne Pagode aufgestellt. Grün und rot und gold. Wie ein Pfahlhaus steht sie in der Abendsonne. Über allem tanzt glücklicher Staub.
Auf youtube sah ich ein Video über die M-Bahn, jene Magnetbahn, die für nur zwei kurze Jahre zwischen Gleisdreieck und Potsdamer Platz verkehrte und dabei über eine Stadt hinwegglitt, die es nicht mehr gibt. Brachen so weit das Auge reichte, Weite und Stille. Die wenigen Autos wirkten verloren wie Ameisen auf einer Landebahn, das Weinhaus Huth stand einsam wie der letzte verfaulende Zahn. Ich mochte diese verschwundene Stadt.

Heute ist Flohmarkt auf dem Platz, Antikmarkt, oldthings werden dort im Schatten des leuchtend weissen Beisheim-Centers verkauft.

Ich habe Heimweh.

 

 

 

 

 

Bild: Volker Schlecht, Kulturforum am Potsdamer Platz
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Stratosphäre & Chlorophyll

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Der Kater beisst ins Kabel, die Katze läuft mir über das Gesicht, der Hund verbellt die frühen Schritte, ich drehe mich noch einmal um. Aus der Küche duftet der Kaffee, das Moped vor dem Haus springt nicht an, der Skater wechselt mit einem Satz vom Gehweg auf die Straße und rollt auf glattem Boden davon. Brummelnd klopft die erste dicke Hummel an die Scheibe.
In frischem Grün leuchtet der Garten. Dunkelblau spannt der Himmel sich darüber. Sonnenbeschienene Blätter, raschelnder Bambus. Tschilpen und Flöten auf Busch und Baum.

`Grün´, sagst du, und `Stratosphäre´ und sitzt rauchend auf der Terrasse, bei der täglichen Lektüre des Weltgeschehens.

 

 

 

 

 

 

 

Aus alter Zeit

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Wie alle neueren Machtbauten dieser Stadt zeigt sich die Ost-Fassade des Humboldt-Forums (aka Stadtschloss) in klotzig- totalitärem Gewand. Als hübschen Kontrast dazu tragen die Nord-, Süd- und West-Seite alt-imperialen Prunk und Protz zur Schau.
Geht es nach dem Willen der Schlossbefürworter, wird der Neptunbrunnen, der jetzt noch mit Gischt, Grünspan, Leibern, Schenkeln und Dreizack vor dem Roten Rathaus plätschert, in Zukunft wieder vor dem Schloß für sprudelnde Frische sorgen. Auch der Rossebändiger aus dem Kleistpark soll vor wilhelminischer Pracht seine neue Heimat finden. Die Stadt hat zugesagt einige Millionen dafür locker zu machen

Alles wird wieder so werden wie früher. Dieses Mal darf auch Bertelsmann mitmachen. Ein hübsches Häuschen haben sie sich ja schon inmitten Berlins historischer Mitte gebaut, und irgendwann, only the lord knows when, wird auch die Staatsoper hergerichtet sein, mit besserer Akustik denn je. Berlin freut sich drauf.

Vom ehemaligen Marx-Engels-Forum schauen Karl und Friedrich dem Umbau der Hauptstadt mit unbewegter Miene zu. Der Lückenschluss der U5 machte eine Umsetzung der großen Bronzeskulptur von der Mitte des Platzes, wo sie lange Jahre dem Palast der Republik gegenüber stand, an dessen Rand notwendig. Ob man sie deswegen umdrehen und in Richtung Westen blicken lassen musste bleibt fraglich, ist aber immer noch besser, als die Pläne Ramsauers, der sie am liebsten in Friedrichsfelde eingemottet sehen würde, zusammen mit anderem sozialistischen Klimbim.

Heute jedenfalls hat Karl Marx Geburtstag und eine Handvoll Unverdrossener ist gekommen diesen mit ihm zu begehen. Das Antieiszeitkomitee der Linken hat eine kleine Bühne am Fuße der Skulptur aufgebaut und ein paar Bierbänke davor gestellt. Mit ruhiger Stimme spricht die Rednerin über den gewonnenen Prozess der FDJ (gibt’s die noch?) und ermuntert die betagten Anwesenden zur Solidarität mit den französischen Studenten, die gegen das neue Arbeitsgesetz der Regierung Hollande demonstrieren. Hinter uns, auf einer schattigen Parkbank, sitzt ein spindeldürrer großer Mann mit zerrupftem Vollbart. In seinen knochigen Händen hält er ein paar rote Nelken, so wie sein bronzenes Vorbild. Konzentriert lauscht er den Worten der Frau vom Komitee, nickt ab und an kaum sichtbar mit dem Kopf, links und rechts von ihm sitzen andächtige Genossinnen und Genossen.

Unterdessen versuchen vor der Parkanlage die immergleichen Straßenhändler  den vorbeiströmenden Touristen Doktor-Schiwago-Mützen, Matrjoschkas, Gasmasken und DDR-Militaria zu verkaufen. Das Geschäft läuft schlecht heute. Niemand hält auch nur an um zu staunen oder ein Foto zu machen. Vielleicht haben die Hütchen-Spieler an der Schlossbrücke mehr Glück beim Ausnehmen der abenteuerdurstigen Stadtbesucher.

Es zieht uns weiter. Durch die pralle Sonne marschieren wir an der Humboldt-Box vorbei in Richtung Westen. Über uns der blaue Himmel. Keine Wolke in Sicht. Vor der blütenweißen Bertelsmann- Kommandozentrale biegen wir links ab. Im Vorbeigehen werfe ich einen traurigen Blick auf die zerfallende Schinkel-Kirche, die dem Bau von luxuriösen Eigentumswohnungen inklusive Tiefgarage zum Opfer fiel. Hätte der Baumeister mal besser gerechnet, soll ein eigens für diesen Satz bezahlter Gutachter zu dem Desaster gesagt haben. Wieso nicht gleich den ganzen alten Kram abreissen und anderswo in Disneyland wieder aufbauen, denke ich, irgendwo, wo man Eintritt dafür verlangen kann. Die Lücke, die die Friedrichwerdersche Kirche hinterließe wäre sicher im Handumdrehen mit weiteren Kronprinzen- und Kronprinzessinnen-Palästen gefüllt.

Müde trotten wir jetzt am Kanal entlang in Richtung Kreuzberg. Am gegenüberliegenden Ufer weist ein Schild auf die beschränkte Anlegeerlaubnis nur für Sportboote hin. Gleich daneben brütet auf einer morschen Planke ein Stockentenpaar.
Letztes Jahr war es ein Blässhuhn, das hier sein Nest auf einen gestrandeten Plastiksack gebaut hatte. Ich frage mich, wie lange sein kleines Ponton den Wellen der vorbeifahrenden Boote stand halten konnte.

 

 

 

 

 

 

Vegane Idioten

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Mal wieder durchs Internet geschlendert und mich gewundert. Es gibt tatsächlich immer noch Leute die Veganer bashen. Wirklich. So richtig. Voller Verachtung und Häme.
Ich dachte die Nummer wäre schon durch, aber nein. Sie ist gerade erst so richtig im Mainstream angekommen.
Von religiösen Fanatikern ist die Rede, von Gutmenschen und von Heuchlern, und davon, wie man sich jetzt erst Recht und voller Hochgenuss Fleisch einverleiben wird. Schmacko! Sollen sie sehen, was sie von ihrem Wahn haben, diese blassen, verbohrten und arroganten Veganer.

Wieso nur erinnert mich das an den zeternden Spießer, der sich über jeden aufregt, der sich nicht frag- und nahtlos in die krachlederne Gemeinschaft einreiht, beim Schützenfest lieber Zuhause bleibt, vielleicht Wasser den Vorrang vor Bier gibt und Globuli statt Tabletten schluckt?
Der Säufer erträgt den Abstinenzler sowenig, wie der Fleischesser den Veganer.

Warum denn bloß?

 

 

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Bild: Alexander von Halem, Butts
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

 

Verwechslung

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In der Nacht träume ich, dass ich nach Hause komme und die Vermieterin in meiner Wohnung steht, die sie während meiner Abwesenheit unbewohnbar gemacht hat. Bad und Küche liegen in Trümmern.
Anstatt sie zu fragen, wie sie sich Zutritt zu den Räumen verschafft hat, beschimpfe ich sie auf vulgärste Weise. In ihrem Gesicht zeichnet sich große Genugtuung über meine Entgleisung ab. Sie lächelt zufrieden. Erst da erkenne ich, dass sie meine Mutter ist.

 

 

 

 

Bild: diadàLizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/