sriii sriii

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Geh in die Küche, niemand darf Dich sehen, robbe dorthin
, war das erste Kommando, das mein Hund lernte, als er noch bei den Kosmonauten lebte, eine Geschichte, so uninteressant, wie ihr Anfang.

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Der Kanzler ist zu Besuch. Wir reden über dies und das, auch über seine neuen politischen Haltungen und Einsichten. Eigentlich redet nur er und ich höre zu. Es lohnt nicht dazwischen zu gehen, es macht alles nur hitziger und schärfer.
Später lockert sich meine Kiefersperre. Ich stelle Zwischenfragen, aus deren Ritzen und Scharnieren meine Zweifel blitzen. Das bringt ihn noch mehr in Fahrt, doch es bleibt friedlich zwischen uns.

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Der Nachmittagsspaziergang durch die Königsheide war eine gute Idee. Nach anfänglichem Zögern läuft der Kanzler entspannt mit und ist gefangen von der Lieblichkeit des Waldes. Hoch steht das Gras zwischen den Bäumen, das Licht fängt sich in den Härchen des Glatthafers, die Blätter der Maiglöckchen leuchten am Fuße der frischgrünen Eichen, Fliegen tanzen in der würzigen Luft und über allem sirrt das sommerliche Versprechen eines Anfangs.

Erinnerungen an la Forêt de Brocéliande, den Zauberwald, irgendwann in einer weit entfernten Zeit.

An dem rostigen Zaun des ehemaligen Kinderheimes treffen wir auf zwei ältere Frauen, beide mit Hund. Die Staffordhündin der einen trägt einen Ledermaulkorb.
Fressschutz, sage ich, als sie verwundert vor Töle stehen bleibt und deren Maulkorb bestaunt, die tut niemandem was.
Meine auch nicht
, doch sie sucht nach Menschenkot.
Uns schüttelt es. Dass die Leute überhaupt ins Gebüsch machen müssen, obwohl sie nicht mal obdachlos sind, denke ich. Ich kann mich nicht erinnern jemals. Außerdem kann man es doch danach. Aber wer denkt schon an Hundebesitzer, wenn er. Lassen wir das.

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Seit drei Jahren kein Alkohol, auf den Tag, fällt mir auf, als wir nach dem Spaziergang in der Kolonie Hermannsruhe unter hohen Bäumen sitzen und der Kanzler seine zweite Weisse mit Schuss bestellt, während ich ein Wasser trinke. Eigentlich sollte es nur ein Jahr werden, aber dann blieb es dabei und ich vermisse nichts.
Der Unterfranke kommt angeradelt und versorgt uns mit Gebäck aus der lärmenden Tütenwelt auf  der anderen Seite des Waldes. Während wir essen schnuppern die Hunde sich durch den Garten, der mit seinem abendlichen Lichtspiel auf dunkler Erde an das Waisenhausgemälde Liebermanns erinnert.

Wir plaudern dies und das und reden über jenes, nur nicht über die verstorbene Mutter und Exfrau. Sie sitzt sowieso mit am Tisch, sonst wäre ich nicht da und der Kanzler nicht bei mir.

Am ersten Juni wird ihre Seebstattung sein.
1616, ein Datum, das ich nie vergessen werde.

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Zurückgelehnt sitze ich im Stuhl, die Arme hängen entspannt herunter. Wir schweigen, benommen von soviel frischer Luft und Fülle. Aus ihrem Schattenplatz blinzelt Töle mich an und wedelt. Ich blinzele zurück, da steht sie auf, trottet zu mr herüber und drängt den warmen Kopf in meine Hand. Mit geschlossenen Augen kraule ich ihre Ohren, langsam und gleichmäßig geht ihr Atem, bald schläft sie im Stehen ein. Wie gern ich sie habe.

Das Auto ist auf einem Parkplatz in Johannistal. Den Rückweg dorthin gehen wir über schmale Trampelpfade im Wald hintereinander her, jeder in seine Gedanken versunken und von glückseliger Wehmut erfüllt.

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Am Abend kommen wir nach Kreuzberg zurück. Der Himmel ist groß, das Herz ist weit  und die Mauersegler vermessen rufend das große Blau.

Sriii sriii

 

Ich liebe mein Leben.

 

 

 

 

 

 

12 Kommentare zu “sriii sriii

    • Ich kenne den Ruf der Turmfalken gut! Unweit meiner Wohnung ist ein Platz, dort ziehen sie in einem Baum ihre Jungen groß, Jahr für Jahr.
      Man staunt immer wieder, welche Tiere in der Stadt heimisch werden.

      Ich freue mich, dass Dir meine Schilderungen gefallen. Danke für das Kompliment!

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  1. wie herrlich!!!
    Vor zwei Stunden überlegte ich noch, hier einen Kommentar zu hinterlassen und nach Ihrem Befinden zu fragen. Schwups…. schon war dieses famose Textchen hier und ich freu mich, von den Genüssen zu lesen.
    (Dass die Leute sich überall erleichtern, hat mich in Frankfurt schon genervt und ich hielt es für eine Eigenart der Hessen, aber das Fräulein fand die menschlichen Hinterlassenschaften auch im Teuto…. und tatsächlich auch auf Inselanien….. Was mich irritiert, ist das die Leute auch immer Tempotaschentücher oder Klopapier in der Jackentasche dabei zu haben scheinen. Ich verstehe das nicht. Zumeist entdecke ich die Haufen rechtzeitig vor dem Hundefräulein…..wegen der weißen Papierfetzen…. aber gelegentlich komme ich zu spät…. und dann wird der Hund nicht mehr geküsst, wenn er so nach Scheixxe stinkt…. brrrrrr………..Es hängen hier ja immer und überall Kot-Tüten für die Hundebesitzer rum, so dass sie den Hundekot wegmachen können. Ich überlege, ob es nicht sinnvoll wäre, die Schilder auch mit Menschen zu versehen, so dass die dann wenigstens auch ihre Hinterlassenschaften eintüten können…. Naja… Scheißthema!)
    Hast Du schon überlegt, wie Du 1616 verbringen wirst?

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    • Auf einer Hunderunde lernte ich mal einen Mann kennen, der mit seinem Königspudel unterwegs war. Wir gingen ein Stück gemeinsam durch Kreuzberg, als er plötzlich wortlos im Gebüsch verschwand. Ich spazierte weiter.
      Als er rauskam, hatte er eine Tüte mit Fäkalien in der Hand und schloss gerade noch seinen Gürtel.
      Sowas hatte ich noch nie und seither nie wieder erlebt.

      Wie ich 1616 verbringe hab ich mit dem nächsten Beitrag bentwortet.

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  2. Der Absatz, in dem du den sommerlichen Wald beschreibst ist wundervoll.
    Axel Hacke hatte neulich im Magazin der SZ eine Kolumne über die neue Gewohnheit, Sätze unvollendet zu lassen – die Phantasie denkt sich den Rest und man kann sich viele Worte sparen.
    Ich war immer noch nicht im Tiergarten :-(

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    • Der Kanzler ist ein unkomplizierter Mensch mit schwierigen Gesinnungen. Aber Du hast Recht: ein gemeinsamer Spaziergang bringt Harmonie und klärt den Geist.
      Dir auch einen schönen Monatsanfang!

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  3. schön zu lesen ist das. viele schichten, viele stränge angedeutet, abzweigungen, dynamiken, wald, menschen, hunde, mauersegler, der rhythmus des gehens trägt den text voran – alles passt, genau so und nicht anders.

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